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Die Verdächtigung von Bracher, Beatriz (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.04.2015
  • Verlag: Assoziation A
eBook (ePUB)
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Die Verdächtigung

Beatriz Bracher verarbeitet in dem Roman "Die Verdächtigung" das gesellschaftliche Trauma der brasilianischen Militärdiktatur von 1964 bis 1985, das sie anhand eines Einzelschicksals darstellt. Durch eine Sprache von seismografischer Genauigkeit gelingt es ihr auf exemplarische Weise, die persönlichen Tragödien und inneren Konflikte der Menschen unter der Militärdiktatur nachempfindbar zu machen. Ihr Roman ist zugleich eine über den zeitgenössischen Kontext hinausweisende Auseinandersetzung mit der Frage von Schuld, Verantwortung und der Bosheit falscher Verdächtigung. Beatriz Bracher wurde 1961 in São Paulo geboren. Sie studierte Literaturwissenschaften und war Mitbegründerin der Zeitschrift "34 Letras", später des Verlags "Editora 34", in dem sie acht Jahre als Lektorin tätig war, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Beatriz Bracher gilt als eine der herausragenden Stimmen der brasilianischen Gegenwartsliteratur. 2008 erhielt sie für ihren Roman "Antonio" (2007, dt. Übersetzung 2013, Assoziation A) den Prêmio Jabuti, den wichtigsten Literaturpreis Brasiliens. Beatriz Bracher ist auch eine erfolgreiche Drehbuchautorin. Für "Meu Amor" erhielt sie beim Filmfestival in Rio de Janeiro 2009 den Preis für das beste Drehbuch. "Die Verdächtigung" ist ihr zweiter auf Deutsch erschienener Roman.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 13.04.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783862416073
    Verlag: Assoziation A
    Größe: 617 kBytes
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Die Verdächtigung

Ich lese weiter, mal sehen, wie José diese Szene beschreibt. Vielleicht ist sein Gedächtnis durch sein reges Phantasieren besser als meins. Ich kann mich nicht an ein Wort meiner Eltern erinnern, das uns verboten hätte, an den schwarzen Flötenkasten zu gehen, oder Vater zu bitten, uns etwas vorzuspielen. Aber das Thema durfte so wenig berührt werden wie der schwarze Flötenkasten selbst, das wussten wir. Immer nur samstags nach dem Mittagessen, bevor seine Freunde zur Roda eintrafen, übte unser Vater ein bis zwei Stunden. Wir saßen dann um ihn herum, unterhielten uns im Flüsterton oder lasen, Mutter nähte etwas an einem unserer Kleidungsstücke oder spülte das Mittagsgeschirr, aber immer wussten wir, Vater spielte nicht für uns, wie bei einer konzentrierten Lektüre, die wir nicht unterbrechen durften und an der wir nicht teilhaben konnten. Vielleicht hat man es uns so nie gesagt, aber wir wussten es, ich wusste es, und ich nehme an, José auch, denn wir haben unseren Vater nie gebeten zu spielen, obwohl wir sehr oft (und daran erinnere ich mich gut) den Wunsch hatten, es zu tun. Die Isolation, in der Vater sich dann jedes Mal befand, glich einer schwebenden Traumblase. In diesen Stunden gab ich immer vor, auf dem Parkettboden liegend ein Buch zu lesen, und kontrollierte die Bewegungen meines Kopfs und meiner Füße, damit er nicht merkte, dass ich ihm zuhörte, nicht merkte, wie sehr ich es genoss. Aus irgendeinem Grund wusste ich, meinem Vater gefiel das nicht, und ich fürchtete, er würde nie wieder spielen, wenn wir in der Nähe waren.

Armandos Ahnungslosigkeit öffnete Vaters schwarzen Kasten, und heraus kam die reine Musik. Musik für Armando, Musik mit Armando; eine fröhliche Komplizenschaft von Schüler und Meister, die ich nie zuvor erlebt hatte und die sich weder auf andere Momente mit unserem Vater oder das Leben zu Hause ausweitete noch es vergiftete. Die Scheu und Musik eines Joaquim Ferreira übersetzte Dona Joana ihren Kindern mit tiefem Verständnis und sensiblem Gespür. Sie lehrte uns Verehrung und die Ehrfurcht vor einer höheren und erhabenen Macht, vor ihrem Wüten, vor dem wir uns in Acht nehmen und das wir meiden sollten, indem wir eben dieser Macht keinen Grund dafür gaben. Armandos Gegenwart, durch die meine eigene Kindlichkeit sichtbar wurde, verwandelte meinen Vater in einen Menschen mit einer Passion.

Sollte es irgendwelche Zweifel daran gegeben haben, dass Renato Armandos Sohn war, sollte ich sie gehabt haben, mehr aus einer Ablehnung Luizas heraus als aus anderen Gründen, so wurden sie zerstreut, als der Junge elf, zwölf Jahre alt war, das Alter, in dem ich seinen Vater kennengelernt hatte. Lígias Blick veränderte sich, und die Schmeicheleien des Jungen machten mich wütend. Ich entdeckte etwas an Renato, das mir an Armando früher Angst gemacht hatte und das ich nicht hätte benennen können: die Macht der Verführung als Überlebensstrategie.

Nach ein paar Monaten verlor Armando das Interesse an der Cavaquinho und sein Enthusiasmus schlug um in Langeweile, was bei ihm recht normal war. Aber was Armando in Joaquim Ferreira geweckt und was den schwarzen Flötenkasten geöffnet hatte, war nicht mit dieser Gabe des Flüchtigen ausgestattet. Vater begriff Armandos Begeisterung für seine Musik nicht als die Laune eines Jungen, und es tat mir weh, das herablassende Verhalten meines Freundes mitzuerleben, der sich genötigt fühlte, dem Flötisten für seine Großzügigkeit zu danken, der seinerseits verunsichert lachte, weil die neue Situation ungewohnt für ihn war, und der den jeden Tag besser und desinteressierter werdenden Cavaquinho-Spieler zu motivieren versuchte.

Als Jugendliche sind es unsere Freunde, an die wir uns heften. Alles Mögliche lockt uns von zu Hause weg, und wir kehren jedes Mal vor Kraft nur so strotzend an diesen Ort zurück, der uns nun auf einmal spießig erscheint. In dieser Zeit vermehren sich unsere Zellen, und wir n

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