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Die vergessene Heimat Roman nach einer wahren Geschichte von Zinßmeister, Deana (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.09.2020
  • Verlag: Goldmann
eBook (ePUB)
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Die vergessene Heimat

Die Geschichte von der Flucht ihrer Eltern aus der DDR kennt Britta Hofmeister seit Kindesbeinen. Sie selbst kam in der Bundesrepublik zur Welt, wuchs mit ihren Geschwistern behütet auf und hatte nie Grund, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Bis ihr Vater an Demenz erkrankt. Zunehmend verwirrt, beginnt er, von früher zu erzählen. Und bald wird klar: Was bei der Flucht 1961 wirklich geschah, hat er jahrzehntelang verschwiegen. Nun kommt die dramatische Wahrheit ans Licht und stellt die Familie vor eine Zerreißprobe ...

Deana Zinßmeister widmet sich seit einigen Jahren ganz dem Schreiben historischer Romane. Bei ihren Recherchen wird sie von führenden Fachleuten unterstützt, und für ihren Bestseller "Das Hexenmal" ist sie sogar den Fluchtweg ihrer Protagonisten selbst abgewandert. Die Autorin lebt mit ihrer Familie im Saarland.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 448
    Erscheinungsdatum: 21.09.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641260903
    Verlag: Goldmann
    Größe: 1696 kBytes
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Die vergessene Heimat

Kapitel 3

Mittwoch, 2. August 1961

Ernst klemmte sich die braune Lederaktentasche zwischen die Beine und zündete sich eine Zigarette an. Die erste Chesterfield nach der Arbeit schmeckt am besten, dachte er und blies den Rauch weit von sich. Er hatte keine Eile. Seine S-Bahn fuhr erst in dreißig Minuten ab. Entspannt schaute er an der Überdachung des Bahnsteigs vorbei zum Himmel hinauf. Den Sommertag trübte keine Wolke. Immer noch kein Regen in Sicht, dachte er, als er seinen Arbeitskollegen Willi auf sich zueilen sah. Irgendetwas an dessen Blick gefiel ihm nicht. Auch schien er unter der sonnengebräunten Gesichtshaut bleich zu sein.

Sein Kumpel blieb dicht vor ihm stehen und sah sich nach allen Seiten um. Ernsts Blick folgte seinem. Ein Hund pinkelte an eines der abgestellten Fahrräder, Menschen hetzten an ihnen vorbei, ein Pärchen konnte sich nicht voneinander lösen. Niemand schien von den beiden Männern Notiz zu nehmen.

»Hast du das von den Kellers gehört?«, raunte sein Kumpel ihm zu.

Ernst legte die Stirn in Falten und schüttelte den Kopf.

»Sie haben sie vor zwei Tagen mitten in der Nacht abgeholt.«

Ernsts Stirnfurchen vertieften sich. Albert Keller arbeitete im selben Metallverarbeitungsbetrieb wie er und Willi. Im Gegensatz zu Ernst, der erst knapp zwei Jahre dort tätig war, hatte Albert in dem Betrieb bereits gelernt. »Ich verstehe nicht, was du mir sagen willst, Willi.«

Sein Kumpel nahm ihm die Zigarette aus der Hand und zog mehrmals daran, ohne den Rauch auszustoßen. Erst als er den Filter zu Boden fallen ließ und die Glut mit dem Absatz austrat, nebelte der Rauch seinen Kopf ein. »Sie haben die gesamte Familie abgeholt und weggeschafft«, verriet er leise.

Ernst war irritiert. Die Kellers wohnten nur einige Straßen von ihnen entfernt. Er hätte doch mitbekommen, wenn sie nicht mehr da wären. »Wie meinst du das? Wohin sind sie gebracht worden, und wer hat sie abgeholt?«

»Hast du nichts darüber gehört auf der Arbeit?«, fragte Willi erstaunt.

»Ich war allein in der Kontrolle heute.«

»Vorgestern Nacht sind zwei Planwagen vorgefahren. Kaum standen die Lkw, sprangen mehrere Soldaten von den Pritschen. Sie müssen die Wohnung der Kellers regelrecht gestürmt und das Ehepaar aus den Betten geholt haben. Ohne Erklärungen wurden sie aufgefordert, nur das Notwendigste einzupacken. Selbst Klagen, Betteln und Schimpfen hat den Kellers nicht geholfen. Noch in derselben Stunde mussten sie mit den fünf Kindern ihr Heim verlassen.« Willi fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. »Wie Verbrecher hat man sie aus ihrem Haus geführt. Die Kinder sollen laut geweint haben.«

»Warum hat man sie fortgebracht?«, fragte Ernst geschockt.

»Angeblich steht ihr Haus zu dicht am Grenzverlauf.«

»Woher weißt du das alles so genau?«

»Es war Gespräch bei uns auf der Schicht, gestern und heute.«

Hinter Ernsts zerknitterter Stirn fing es an zu klopfen, als er sich bewusst wurde, was das bedeutete. »Sie werden uns Grenzgänger fortschaffen, weil wir das Leben im Westen kennen und weil sie Angst haben, dass wir einen Aufstand anzetteln könnten.«

»Du faselst dummes Zeugs. Warum sollten wir das tun?«

»Weil die Mauer kommt. Sie werden sie bauen und uns damit vom Westen abschneiden. Dann rauchst du keine Chesterfield mehr, sondern CABINET- oder CLUB-Zigaretten. Statt Bohnenkaffee werden wir dann Muckefuck trinken«, zischte Ernst.

»Quatsch doch nicht!«, unterbrach ihn sein Kumpel. »Unser Staatsratsvorsitzender, Genosse Ulbricht, hat doch neulich erst gesagt, dass niemand die Absicht hat, eine Mauer zu bauen. Und der muss es wissen, schließlich ist er der mächtigste Mann im Staat«, gab Willi zu bedenken und sah sich erneut um.

»Politikergeschwätz«, entgegnete Ernst, dessen Gedanken hin und her sprangen. »Weiß man, wohin die Kellers ge

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