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Die verlorenen Töchter Roman von Hippe, Hannelore (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 26.10.2018
  • Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
eBook (ePUB)
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Die verlorenen Töchter

'Was an meinem Leben ist wirklich ? und was nicht?' Im Sommer 1945, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, bringt die junge Åse Evensen im norwegischen Tromsø ihre Tochter Katrine zur Welt. Åse wird als 'Tysketøser' verachtet, als 'Deutschenflittchen', weil sie sich mit einem deutschen Besatzungssoldaten einließ. Sie muss in ein Straflager und Katrine wächst unter anderem Namen in einem ostdeutschen Waisenhaus auf. Erst viele Jahre später erfährt sie die Wahrheit über ihre Herkunft. Als sich Katrine im Sommer 1970 heimlich auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter macht, bricht sie - ohne es zu ahnen - zu einer Reise auf, die sie in höchste Gefahr bringt.

Hannelore Hippe ist freie Autorin und Journalistin und arbeitet hauptsächlich für den Hörfunk. Neben zahlreichen Radio-Features schreibt sie Hörspiele, Romane und Kurzgeschichten. Unter dem Pseudonym Hannah O'Brien veröffentlicht sie bei dtv ihre erfolgreiche irische Krimi-Reihe um die Ermittlerin Grace O'Malley. Hannelore Hippe lebt in Köln und an der Mosel.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 26.10.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783423434379
    Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
    Serie: dtv Taschenbücher 21835
    Größe: 806 kBytes
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Die verlorenen Töchter

12. Januar 1943
Tromsø

Åse Evensen zündete die zwei kleinen Kerzen an, die sie heute bei ihrer Arbeitsstelle von der alten Frau Hansen geschenkt bekommen hatte. Dankbar hatte ihr Åse die Hand gedrückt. Das war das erste Mal seit ihrer Ankunft vor mehr als zwei Monaten gewesen, dass jemand überhaupt Notiz von ihr genommen und ein persönliches Wort an sie gerichtet hatte. Zumindest was die Erwachsenen betraf, denn mit den anderen jungen Mädchen redete sie natürlich. Sie waren zu fünft hinten an den Bottichen. Die schicke Marit führte fast immer das Wort. Sie kannte sich aus, kam aus Alta in der Finnmark, was ja auch eine richtige Stadt war, und Åse hörte ihr gern zu, auch wenn sie selbst aus Verlegenheit kaum etwas beisteuerte. Dann gab es noch die kleine Wenche, die meist kicherte, wenn sie etwas erzählte, und sie hatten manchmal Schwierigkeiten, sie überhaupt zu verstehen. Die strenge Borghild schickte ihr dann einen kalten Blick zu, in dem eine Spur Verachtung lag. Åse fand das verwunderlich, weil Wenche doch eine alte Schulfreundin von Borghild war und ihr alles Unangenehme abnahm, wie die kochend heiße Wäsche von den Waschbottichen in die Spülbottiche mit kaltem Wasser zu hieven. Das hassten sie alle, weil es so schwer war und man im Nu patschnass wurde.

 

Das möblierte Zimmer an der Fru Langes gate im Zentrum von Tromsø war für ihre Begriffe fast luxuriös ausgestattet. Mit Bett, Schrank, Tisch und einem Stuhl hatte sie rechnen dürfen. Doch in der Ecke neben dem Fenster stand noch ein bequemer Sessel mit grünem Samtbezug. Wie in einem richtigen Salon, fand Åse. Der Bezug war zwar an einigen Stellen schon abgescheuert und dünn, doch wenn man darauf saß, sah man das nicht. Zusammen mit einem runden Tischchen, das sie im Schuppen draußen erspäht und dem Vermieter abgeschwatzt hatte, ergab es ein gemütliches Ensemble, das Åse liebte und auf das sie stolz war.

Die Kerzen standen auf dem Tischchen, als sie sich mit einer Tasse Kaffee - »Fastkaffee«, wie sie den Kaffeeersatz aus geröstetem Eichelmehl nannte - in den Sessel fallen ließ. Rundum herrschte Dunkelheit. Noch dauerte es etwas über eine Woche, bis sich die Sonne wieder zaghaft zeigen würde. Normalerweise war die Polarnacht nichts Besonderes für Åse. Sie stellte sich jedes Jahr pünktlich Ende November ein und zog sich auf dieser Höhe des Polarkreises bis zum 20. Januar hin. Zwei Monate, in denen es nur zwei Stunden lang, zwischen elf und ein Uhr mittags, vage dämmerte. Der Rest des Tages bestand aus unerschütterlicher Dunkelheit. Tagesdunkel. Tintenblauem Dunkel. Polardunkel. In dem sich tanzende Schneeflocken in Millionen von Glühwürmchen verwandelten, bis sie erschöpft zur Erde stürzten.

Die Polarnacht machte sie nicht müde wie manch anderen hier oben, und glücklicherweise lag schon seit dem letzten November, als die Sonne sich verabschiedet hatte, eine dicke Schneedecke, die dem Dauerdunkel ein wenig die Bedingungslosigkeit nahm. Das Weiß des Schnees beleuchtete Åses Weg zur Arbeit, wenn sie jeden Morgen um Viertel vor sieben aus dem einstöckigen roten Holzhaus trat, um hinauf zur Wäscherei der Besatzungsmacht zu gehen.

Die Wäscherei lag in einem Nebengebäude der Stadtverwaltung von Tromsø am Kongsbakken. Zwei ältere Frauen nahmen dort die Wäsche an. Sie waren die Einzigen, die in direkten Kontakt mit den Deutschen kamen, die ihre Wäsche bei ihnen ablieferten. Åse fragte sich, ob das Absicht war, wagte aber nicht, die anderen Mädchen danach zu fragen.

Die jungen Frauen wie Åse hatte man nach hinten an die hölzernen Zuber und die riesigen Mangeln verbannt. Manchmal jedoch stahl sich eine von ihnen unter Kichern und Vorwänden gerade dann nach vorn, wenn der Feind mal wieder seine schmutzige Wäsche brachte. Borghild tat das nie.

Åse stand auf und schenkte sich aus der Aluminiumkanne nach, die in einer Klap

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