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Die Villa Roman von Neven DuMont, Reinhold (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.02.2011
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Die Villa

Als ein älterer, erfolgreicher Theaterkritiker eines Tages die Todesanzeige von Elisabeth Lauterbach liest und ihre Beerdigung besucht, wird er mit der vielleicht aufregendsten Episode in seinem Leben konfrontiert: drei Monate in einem Sommer Anfang der fünfziger Jahre in einer Villa am See. Er, Robert, Student an der Münchner Universität, sollte die Bibliothek des verstorbenen Kunsthändlers Otto Lauterbach ordnen. Seine Tochter Elisabeth leitet den großbürgerlichen Haushalt, ihren Mann, einen Düsseldorfer Fabrikanten, hat sie vor die Tür gesetzt, energisch versucht sie, nach den Verwüstungen des Krieges in den veränderten Verhältnissen der Nachkriegszeit Fuß zu fassen. Robert kommt als neugieriger und genauer Beobachter in diesen Haushalt, gewinnt bald die Zuneigung und das Vertrauen einiger Familienmitglieder und Bewohner und wird Schritt für Schritt in die Geschichte und die Geheimnisse der Familie eingeweiht. Und eine Initiation wartet auf ihn, das überraschendste Erlebnis seines Lebens. In seinem ersten Roman erzählt Reinhold Neven Du Mont anschaulich und präzise, fesselnd und eindringlich die Geschichte einer Familie zwischen dem Ende der zwanziger und den beginnenden fünfziger Jahren, von Karrieren und Katastrophen, von Macht und Verrat und von einer ersten, unübertroffen gebliebenen Liebe

Reinhold Neven Du Mont, geboren 1936 in Köln, war jahrzehntelang Verleger von Kiepenheuer & Witsch. Er lebt in Köln und in Herrsching und veröffentlichte zuletzt "Gebrauchsanweisungen für Köln" (2004).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 319
    Erscheinungsdatum: 28.02.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406615269
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 610kBytes
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Die Villa

Auf schwarzem Karton

Mit einer Art zwanghaftem Vergnügen habe ich mir angewöhnt, die Todesanzeigen in meiner Zeitung zu lesen. Die schwarz umrandeten Felder üben auf mich eine Anziehungskraft aus, die sich nur zum Teil mit meinem fortgeschrittenen Alter erklären lässt. Es erfüllt mich mit Befriedigung, wenn ich den Lebensdaten eines Verstorbenen entnehme, dass ich älter bin, als er geworden ist. Aber diese kleinen Triumphe sind nicht alles.

Einmal habe ich mich in dem Gefühl, ihm ein Laster beichten zu müssen, einem Freund anvertraut. Zu meiner Überraschung gab er zu, dass auch er regelmäßig Todesanzeigen liest. Ihm geht es allerdings um die Namen, ihren Wohlklang oder ihre Symbolik. Er will wissen, welche Vornamen in welchem Jahrzehnt gebräuchlich waren, und glaubt daran, dass Namen Aufschluss über die Persönlichkeit geben, dass jemand, der als Bankdirektor, Schauspieler, Bundestagsabgeordneter oder in ähnlich gehobener Position stirbt, anders heißt als jene, die nur in der Anonymität ihrer privaten Welt existiert haben.

Diesen Spekulationen kann ich nichts abgewinnen. Ich versuche, mir anhand der spärlichen Angaben von den Verstorbenen ein Bild zu machen, wobei alte Frauen, die fast ein ganzes Jahrhundert durchlebt haben, meine Phantasie besonders anregen.

Es kommt vor, dass ich Unbekannten komplette Biografien andichte, ihnen zum Beispiel eine glückliche Kindheit schenke, dann aber Ekstasen und Zusammenbrüche für sie erfinde, als müsste ich vom Verlauf meines eigenen Lebens ablenken, das mir bisher echte Katastrophen erspart hat. Auf meiner Liste stehen Glückskinder und Pechvögel, Sieger und Verlierer, Verführer und Geschändete, raffgierige Frauen und betrogene Ehemänner, Mörder und ihre überheblichen Richter und - ab und zu, um mich bei Laune zu halten - eine strahlende Schönheit, eine reine Liebesgöttin.

Wenn ich in einer Lebensgeschichte nicht weiterweiß, befrage ich die Toten. Waren sie mit sich und ihrer Welt zufrieden, was hat ihnen Angst oder Freude bereitet, was sie verletzt oder ihr Selbstgefühl gesteigert? Und in welchem Maße hatten sie die Fähigkeit zu lieben? Aber mich interessieren auch die Fakten: Wann und wie sie ihre Unschuld verloren haben, ob sie beim Bund Deutscher Mädel waren, ob sie für Hitler geschwärmt oder mit welchen Gefühlen sie die männerlose Kriegs und Nachkriegszeit überstanden haben. Immer frage ich sie über das Jahr 1952 aus, das für mich von besonderer Bedeutung ist.

Die Lebensläufe der Männer gelingen mir meist weniger gut. Männer machen eine Ausbildung, heiraten, werden Familienväter, haben Erfolg in ihrem Beruf oder nicht und so weiter und so fort bis zum erlösenden Herzinfarkt.

Was mich anbelangt, so gibt es einen kurzen Eintrag in der deutschen Ausgabe des "Who's who", mehr nicht. Die wenigen Anfragen nach meinen biografischen Daten habe ich nicht beantwortet. Die Vorstellung, mich über mich selbst äußern zu müssen, ist mir peinlich. Erst jetzt beginne ich, über frühere Zeiten nachzudenken, und erst jetzt spüre ich die Bereitschaft, vielleicht sogar das Bedürfnis, über mich zu sprechen.

Nie habe ich Nachforschungen bei den "in tiefer Trauer" Hinterbliebenen angestellt. Von den realen Personen hinter den Namen, von denen nichts bleibt als die Inschrift auf einem Grabstein und einige bald vergessene Anekdoten, will ich nichts wissen. Man sollte ihnen ihre Ruhe lassen. Aber welch unermessliche Fülle von Erlebnissen nehmen die Toten mit ins Grab!

Vorgestern, an einem regnerischen Vormittag, ahnte ich, noch bevor ich die Zeitung aufschlug, dass eine Nachricht auf mich wartete: Elisabeth Lauterbach. Starb nach langer, schwerer Krankheit im Alter von fünfundsiebzig Jahren. Mich schauderte. Ich musste schlucken, um wieder zu Atem zu kommen. Sie hatte also wieder ihren Mädchennamen angenommen und nicht mehr geheiratet. Während ich auf die Buchstaben ihres Namens starrte, sah ich sie am Kopfende des la

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