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Die Voest-Kinder von Reichart, Elisabeth (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 07.12.2012
  • Verlag: Otto Müller Verlag
eBook (ePUB)
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Die Voest-Kinder

Der neue Roman von Elisabeth Reichart erzählt die Kindheit eines Mädchens, das Mitte der 1950er Jahre in der Voest-Siedlung an der Donau aufwächst, dem Wohnviertel, das für die Mitarbeiter der Voest-Werke gebaut wurde. In ihrer magischen Welt entflieht das Kind der Realität, bis es vom tristen Alltag und der Vergangenheit eingeholt wird. Aus seiner Perspektive erfährt man von der inneren Befindlichkeit der aufwachsenden jungen Generation, aber auch von der Verzweiflung derjenigen, die ihre Jugend im Nationalsozialismus verbringen mussten, der Elterngeneration.

Elisabeth Reichart, geboren 1953 in Steyregg in Oberösterreich, studierte Geschichte und Germanistik in Salzburg und Wien. Dissertation im Fach Geschichte zum Thema 'Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Salzkammergut'. Nach längeren Aufenthalten in Japan und den USA, lebt Elisabeth Reichart heute als freie Schriftstellerin in Wien. Für ihre literarischen Arbeiten erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, den Anton-Wildgans-Preis und den Oberösterreichischen Landeskulturpreis.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 301
    Erscheinungsdatum: 07.12.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701361878
    Verlag: Otto Müller Verlag
    Größe: 468 kBytes
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Die Voest-Kinder

I.

Sonntags verwandelte sich der Ort: Bereits am Vormittag waren die Gasthäuser offen, gingen die Voestler hinein und kamen heraus, vor der Kirche, nach der Kirche, konnten die Kinder es kaum fassen, dass es sie jeden Sonntag wieder gab, ihre Väter - die Kinder umkreisten sie aufgeregt, staunend, zwickten sie, um glauben zu können, was sie sahen.

Nur die Väter hatten einen Namen: Voestler, Eisenbahner, Wirt, Arzt, Pfarrer, Trafikant, Bürgermeister, Briefträger, Fleischhauer, Schuster, Schneider, Polizist und Pensionist. Früher gab es eine Hebamme, aber die hat der Friedhof verschluckt, erzählte die Großmutter ihrer Enkelin.

In der Kirche war der Pfarrer der Besitzer der Worte. Er redete allein in einer Sprache, die niemand außer ihm und Gott verstand: Latein. Nicht einmal die Großmutter des Kindes verstand jedes Wort, obwohl sie täglich in die Kirche ging. Nur die Sonntagspredigt, für die der Pfarrer den Altar verließ und auf die Kanzel hinaufstieg, hielt er auf deutsch. Alle schwiegen, obwohl er bei jeder Predigt mehrmals schrie, was verboten war, wie das Kind wusste. Die Predigten mochte das Kind nicht: Es herrschte eine gedrückte Stimmung in der Kirche, solange der Pfarrer auf der Kanzel Deutsch redete. Manche Worte hüpften gegen die Säulen und taten ihr in den Ohren weh, von anderen bekam sie eine Gänsehaut, die sie zappeln ließ. Halt still, wurde sie von der Mutter ermahnt, aber manchmal hielt sie die Worte des Pfarrers nicht aus und rannte ins Freie, sah die Grabkreuze tanzen, die Blumen in die Luft fliegen oder die Gräber und Blumen unter sich, eingehüllt in den Voest-Rauch, bis die Großmutter sie umarmte und mit ihr nach Hause ging.

Latein werde in all den unzähligen Kirchen auf der ganzen Welt gesprochen, erzählte die Großmutter ihrer Enkelin, die nur darauf wartete, dass der Pfarrer endlich die Kanzel verließ. Sobald er wieder vor dem Altar stand, forderte er seine Schäfchen auf, sich zu erheben und zu singen. Das waren die schönsten Momente während der Messe: Das Kind sang und sang, sang auch, wenn nur der Kirchenchor singen sollte, kümmerte sich nicht um die Blicke, das Zupfen an ihrem Ärmel. Selbst wenn sie auf die Kirchenbank gezogen wurde, sang sie weiter. Auch beten fand sie schön, sie kniete gerne vor Gott, faltete die Hände wie die Erwachsenen. Aber gesungene Gebete waren schöner als schön, sie ließen sie jubilieren. Am liebsten sang sie ,Großer Gott, wir loben dich' und das ,Ave Maria'. Bei diesen Liedern lächelte die Jungfrau Maria, und manchmal nickte sie sanft mit dem Kopf, so sanft, dass nur die erwartungsvollen Augen des Kindes es bemerkten.

Einmal sprach der Pfarrer die Mutter nach der Messe an: Warum sie nicht mehr im Kirchenchor singe, fragte er und fügte streng hinzu: Jeder muss etwas zu Gottes Werk beitragen! Seit der Geburt der Kleinen habe sie keine Zeit mehr, antwortete die Mutter leise, mit gesenktem Kopf. Da bekam die Tochter Angst, wollte keine Zeitdiebin sein. Diebstahl ist eine Sünde, sagte sie so laut, dass die Umstehenden es hören konnten. Einige verließen die Gruppe vor dem Kirchenportal, manche Frauen kicherten, Männer schüttelten den Kopf, husteten laut oder zischten etwas. Die Tochter kümmerte sich nicht darum. Du musst wieder singen, sagte sie zu ihrer Mutter. Und fügte schnell hinzu: Ich will auch singen. Sie konnte das Wort Kirchenchor nicht aussprechen, ihre Zunge verknotete sich, stieß das Wort in den Hals zurück. Das Wort würgte sie, sie hätte es gerne ausgespuckt, aber ein Mädchen spuckt nicht, außer Kirschkerne in die Wiese, wo aus dem Kern ein neuer Baum wachsen kann, flüsterte ihr eine innere Stimme zu. Ohne Kirschkern im Mund, inmitten der Kirchenbesucher, musste sie das Wort hinunterschlucken. Sie rätselte, ob auch die erwachsenen Frauen die langen Worte verschluckten oder heimlich in ihre Taschentücher spuckten, die sie sich ständig vor den Mund hielten. Zu Hause wollte sie ihre Großmutter um ein Ries

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