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Die Wilden - Eine französische Hochzeit Roman von Louatah, Sabri (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.09.2017
  • Verlag: Heyne
eBook (ePUB)
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Die Wilden - Eine französische Hochzeit

Politik und Intrige - die große französische Familiensaga Am Vorabend der französischen Präsidentschaftswahlen erschüttert ein Attentat die Nation. Opfer ist Idder Chaouch, der erste Kandidat arabischer Herkunft, ein charismatischer und weltgewandter Politiker, der die Menschen mitreißt und der politischen Landschaft neues Leben einhaucht. Ins Fadenkreuz der Ermittlungen gerät die weitverzweigte Familie Nerrouche, algerische Einwanderer in dritter Generation, die voller Stolz auf ihren Kandidaten sind und ihn mit aller Kraft unterstützen. Doch innerhalb von 24 Stunden wendet sich das Blatt und die Familie gerät unter Verdacht, die Sicherheit des Staates zu gefährden. Das Schicksal der Familie wird zum Sinnbild einer zerrissenen Nation. Sabri Louatah, 1983 in Saint-Étienne als Sohn eines Holzfällers und einer Hausfrau geboren, lebt heute mit seiner Frau in den USA. Die Unruhen in der Pariser Banlieu Anfang der 2000er Jahre inspirierten ihn zu seinem Roman-Zyklus "Die Wilden", der in Frankreich von Publikum und Kritik gefeiert wurde. Zurzeit arbeitet Louatah an der TV-Adaption der Serie.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 704
    Erscheinungsdatum: 25.09.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641207687
    Verlag: Heyne
    Originaltitel: Les Sauvages I+II
    Größe: 1573 kBytes
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Die Wilden - Eine französische Hochzeit

KAPITEL 1

Krim

1.

Man würde sich bald entscheiden müssen, wer "in Ruhe" im Festsaal bleiben dürfte und wer zum Rathaus mitkommen müsste. Die Familie der Braut war zu groß, sie würden unmöglich alle auf einmal ins Rathaus passen. Vor allem war der Bürgermeister nicht gerade für seine Geduld in derartigen Situationen bekannt. Sein Vorgänger (ein parteiloser Linker) hatte Hochzeiten am Samstag einfach ganz verboten, um den ruheliebenden Anwohnern des Stadtzentrums das Hupkonzert, den Raï und den Autokorso mit den weiß-grünen Fähnchen zu ersparen. Der neue Bürgermeister hatte dieses Verbot zwar aufgehoben, drohte aber ohne zu zögern, wann immer ein aufgekratzter Familienklan ein öffentliches Gebäude auf den Kopf stellte, es wieder in Kraft zu setzen.

Zu denen, die keine Lust mehr hatten, sich auch nur einen Zentimeter wegzubewegen, gehörte Tante Zoulikha. Sie saß auf ihrer Couscoussière und fächelte sich mit der aktuellen Ausgabe von 20 minutes Luft zu. Die Titelseite mit dem Schlagwort "JAHRHUNDERTWAHL!" hatte der alte Ferhat abgerissen. Er trug eine irrwitzige graugrüne Uschanka, eine Fellmütze, die ihm den Schweiß über die Ohren trieb. Einer seiner jungen Neffen hatte versucht, ihn zur Vernunft zu bringen, doch sobald jemand das Thema ansprach, wies Ferhat ihn mit einem kurzen Runzeln des Kinns ab und murmelte dann in einem leisen, fast professoralen Tonfall, den man sonst von ihm nicht kannte, seine Analyse der letzten Umfragen vor sich hin.

An diesem Nachmittag waren alle ein bisschen komisch drauf. Angeblich ging die Zahl der Gäste seitens der Brautfamilie in die Hunderte. Außerdem war es für einen 5. Mai zu heiß. Das Ergebnis des ersten Wahlgangs hatte das Land in einen Dampfkochtopf verwandelt, und es schien, als wäre Cousin Raouf die einzige Schraube, die ihn noch am Explodieren hinderte. Er besprühte sich mit Wasser aus einem Zerstäuber und tippte dabei auf seinem iPhone herum. Seine Großmutter warf ihm einen ratlosen Blick zu - sie verstand diese jungen Menschen einfach nicht, deren Leben sich nur mehr über zwischengeschaltete Bildschirme abspielte. Raouf folgte dem Twitterfeed einer Frau, die ganz vernarrt in Umfragen war, und dem Liveticker einer politischen Webseite. Er zündete sich eine Zigarette nach der anderen an und kommentierte die Wahlprognosen, die ein Kollege - ebenfalls Geschäftsführer eines Halal-Restaurants in London - auf seiner Facebook-Seite postete.

Raouf galt wegen seiner Nadelstreifenanzüge für tausend Euro als besonders elegant. Heute trug er allerdings - und zwar schon seit zwei Tagen - ein bedrucktes T-Shirt, auf dem das lächelnde Gesicht des sozialistischen Präsidentschaftskandidaten prangte: ein schlecht geschnittenes tailliertes Shirt, das unter seinem Sakko Falten schlug. Er hatte die Ärmel hochgekrempelt, sodass seine sehnigen Unterarme zu sehen waren. Es wirkte fast, als pochte der Puls der ganzen Nation in seinen Adern.

Die Großmutter, die ihn dafür getadelt hatte, nicht von Anfang an einen Anzug zu tragen, hatte inzwischen weder Kraft noch Lust, wem auch immer noch irgendetwas vorzuwerfen. Stumm thronte sie in Raoufs blitzblankem Audi. Er hatte die Klimaanlage angeschaltet und lauschte mit halbem Ohr den kabylischen Liedern, die aus den festtäglich geschmückten Autos drangen. Die Großmutter streckte eines ihrer dünnen Beine aus dem Fahrzeug und ließ den Blick über den Parkplatz schweifen, auf dem die Sprösslinge ihres Klans in kleinen Grüppchen herumstanden.

Mit ihren ungefähr fünfundachtzig Jahren (niemand kannte ihr genaues Geburtsdatum) genoss die Großmutter einen besonderen Status innerhalb der Familie: Alle wurden von ihr terrorisiert. Sie war schon seit einer Ewigkeit verwitwet, und niemand hatte je erlebt, dass sie Mitleid zeigte, Milde walten ließ oder auch nur ein freundliches Wort zu irgendeinem Menschen sagte, der die Pubertät bereits hinter sich hatte.

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