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Die Zeitwaage Erzählungen von Seiler, Lutz (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.11.2010
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Die Zeitwaage

Mit der Ruhe eines Seiltänzers bewegt sich dieser Träumer auch durch das Nachwende-Berlin. Zu den Dingen, die dabei in seinen Besitz geraten, gehört eine einzigartige Uhr, in deren Ticken er die Geschichte hören kann, die ihm geschehen ist. Lutz Seilers lange erwartetes neues Buch enthält neben Turksib, für die er mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, dreizehn neue Erzählungen. Ob in der Geschichte einer gespielten Erschießung oder im alltäglichen Drama einer wirklichen Trennung - in allen Texten des Bandes Die Zeitwaage geht es um prägende Wendepunkte, um das Groteske im Leben und unser häufig vergebliches Ringen um einen anderen Verlauf. Lutz Seiler wurde 1963 in Gera/Thüringen geboren, heute lebt er in Wilhelmshorst bei Berlin und in Stockholm. Nach einer Lehre als Baufacharbeiter arbeitete er als Zimmermann und Maurer. 1990 schloß er ein Studium der Germanistik ab, seit 1997 leitet er das Literaturprogramm im Peter-Huchel-Haus. Er unternahm Reisen nach Zentralasien, Osteuropa und war Writer in Residence in der Villa Aurora in Los Angeles sowie Stipendiat der Villa Massimo in Rom. Für sein Werk erhielt er mehrere Preise, darunter den Ingeborg-Bachmann-Preis, den Bremer Literaturpreis, den Uwe-Johnson-Preis, 2014 den Deutschen Buchpreis und den Preis der Leipziger Buchmesse 2020.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 284
    Erscheinungsdatum: 16.11.2010
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518740200
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 4681 kBytes
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Die Zeitwaage

Frank

"Around, around, flew each sweet sound ..."

S. T. Coleridge

I hr letzter Abend. Das Mädchen am Stehtisch vor dem Eingang trug die blau-gelbe Uniform des Restaurants, einen kurzen Faltenrock und eine Art Bluse mit Schulterstücken und goldenen Knöpfen. Wollte man warten, war es üblich, ihr einen Vornamen zu nennen, den sie aufrief, sobald ein Tisch frei wurde. Färber hatte in den Wochen zuvor die Erfahrung gemacht, daß sein Vorname zu kompliziert war für die Türsteher der Restaurants; er hatte sich einen einfachen Namen zugelegt. Unangenehm war, daß er ihn jetzt wiederholen mußte, das Mädchen hatte Hank statt Frank verstanden. Ich hätte es bei Hank belassen können, dachte er, aber er hatte sich an Frank gewöhnt, Frank.

Ein Teil des frischen, von der Hitze aufgeweichten Asphalts war zwischen die Ufersteine gekrochen. Oder man hat ihn benutzt, um die Steine besser gegen den Wellengang zu befestigen – er blieb an solchen sinnlosen Fragen hängen.

Eine Weile standen Teresa und er an dem beleuchteten Strand unterhalb des Restaurants. Der Sand blendete im Halogenlicht, und die Gischt war strahlend weiß oder phosphoreszierte. Ein paar übergewichtige Möwen taumelten ihnen entgegen und drehten mühsam wieder ab. Färber hätte gern etwas gesagt, aber er mußte vorsichtig sein, er mußte sich konzentrieren, daß es, wie Teresa sich ausdrückte, nicht schon wieder etwas Negatives war, etwas, womit er, wie sie meinte, nur seine andauernde Unzufriedenheit abzustoßen versuchte.

Er wollte hinunter ans Wasser, aber Teresa setzte sich auf einen der Steine. Ihre Arme und Beine waren gebräunt, ihr schwarzes Haar lag in einem lose geflochtenen Zopf zwischen den Schulterblättern. Als Teresa bemerkte, daß Färber sie ansah, schob sie ihre Füße in den Sand. An ihrem zweitkleinsten Zeh trug sie einen neuen, silbernen Ring.

Der Parkplatz füllte sich, und immer mehr Gäste kamen die Einfahrt herauf. Färber verstand ihre Bewegungen nicht, die ausladenden Gesten, das Zeigen mit ausgestreckten Armen, mal in Richtung der Canyons, mal aufs Meer, dazu ihre ausgesprochen gerade, fast nach hinten gebogene Art zu gehen, während auf ihren Gesichtern ein Ausdruck unablässiger Vorfreude lag. Daß ich nichts Besonderes fühle, wenn ich den Pazifik sehe, ist das schlechteste Zeichen, dachte Färber.

Er wollte Teresa auf eine Möwe aufmerksam machen, die sich bei ihrem Beutezug in einer der Adopt-a-beach -Mülltonnen (alle Mülltonnen am Meer trugen diesen Schriftzug) verhakt haben mußte – ein Flügel ragte heraus und schlug auf den Tonnenrand, eine Art indianisches Getrommel, das gut zu hören war, wenn der Wind vom Wasser her stärker wurde und die Musik aus dem Restaurant über ihren Köpfen davonschwappte; für einen Moment sah Färber ein paar Obdachlose um die Tonne stampfen, rhythmisch stießen sie ihre Fäuste in die Luft.

Die ganze Zeit über hatte er Teresa nicht angefaßt . In der Blockhütte auf dem Tiogra-Paß war er ihr sehr nah gekommen; aber sie hatte tatsächlich geschlafen. Zuerst war sie erschrocken und wütend gewesen, doch sie mußten leise sein, Luzie schlief auf einem Beistellbett an der Wand gegenüber, ihr Kuschelkissen unter dem Arm.

"Faß mich nicht an!"

Später wurde ihm übel. Ein Sonnenstich – obwohl er nur für ein paar Minuten außerhalb des Wagens gewesen war. Warum setzt du auch nie etwas auf deinen Kopf &ndash

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