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Diogena von Lewald, Fanny (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.04.2016
  • Verlag: Nexx
eBook (ePUB)
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Diogena

In 'Diogena' persifliert Fanny Lewald das 'anstrengende' Leben des Adels, speziell den Alltag adeliger Frauen, der von der anstrengenden Suche nach angemessener Kleidung, dem am besten passenden Ehemann und anderen Oberflächlichkeiten bestimmt ist. Die Verspottung der überheblichen Titelheldin liest sich sehr amüsant und unterhaltend. Und: Einiges hat sich seit damals nicht wirklich geändert ... Fanny Lewald (1811-1889) war eine deutsche Schriftstellerin und Vorkämpferin der Frauen-Emanzipation. Sie forderte das uneingeschränkte Recht der Frauen auf Bildung und gewerbliche Arbeit ebenso und setzte sich gegen die Zwangsverheiratung junger Frauen ein.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Erscheinungsdatum: 05.04.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783958705616
    Verlag: Nexx
    Größe: 391 kBytes
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Diogena

Erstes Buch

Es ist ein Vorzug alter, adeliger Geschlechter, dass sie vermöge ihrer Stammbäume zurückblicken können in die Vorzeit, die ihnen speziell zugehört, und dass sich dadurch in dem Bewusstsein der Nachkommen die Schicksalsfäden zu einem Ganzen verweben, die für den Niedriggeborenen nur einzelne zerstreute Tatsachen bleiben.

Überhaupt, wahre, großartige Schicksale hat nur die Aristokratie! Es gehört Muße dazu, ein Schicksal zu haben, es ist eine Vokation, eine Distinktion, ein Schicksal! Ein großes Schicksal adelt das Leben eines sonst müßigen, eitlen, frivolen Menschen, es fällt vom Himmel herab wie die edlen Prärogative der Geburt; aber es will nur von feinen Händen aufgefangen sein, es will nur in englische Parks und auf persische Teppiche hernieder fallen; denn das Schicksal selbst ist ein Aristokrat des Himmels.

Oder denkt euch, ein großes, gigantisches, ein exklusiv tragisches Schicksal fiele auf das Leben eines Handwerkers herab! Wie könnte es sich da gestalten? Not und Sorgen treten so sehr in den Vordergrund, der Hunger und die Arbeit töten alle Sentimentalität, die Phantasien, die vagen Träumereien, die idealischen Erhebungen fliehen vor dem Klappern der Werkzeuge und das unwürdige Verlangen hungernder Kinder lässt den Eltern weder für die poetischen Allüren des Herzens noch des Geistes freien Raum.

Wie anders gestaltet sich unser Los, die wir nie arbeiten, die wir nie hungern und die wir von dem Erdendasein nichts kennen als die Salons und die daran stoßenden Bowlinggreens; die Reisekalesche und die eleganten Hotels; die Armen, denen wir mit graziöser Nonchalance ein Almosen zuwerfen, die Dienerschaft, welche wir mit vornehmer Impertinenz ignorieren, und die Frauen unseres Standes - Rivalinnen, mit denen wir eine Lanze brechen - und die ebenbürtigen Kavaliere, Sklaven unserer hochadeligen Kaprizen, Spielbälle unserer phantastischen Herzensunersättlichkeit.

Oh! Das Leben ist schön auf diesen Höhen der Existenz! Wie die ewig lächelnden, leichtlebenden Götter des Olymps leben wir, und heißen Dank sollte das bürgerliche Gros der Menschheit denjenigen zollen, die ihm in ihren Romanen ein Abbild unseres Daseins gewährten, die ihm vergönnten, die Portieren zu lüften, hinter denen sich unsere aristokratische Existenz, unsere noblen Passionen verbergen.

Ich liebe die Großmut in dem Charakter des Edelmannes, sie gehören zu ihm wie der Helmsturz in seinen Blason; und ich schätze die Milde in dem Herzen einer Frau, denn sie kommt ihr zu wie die blassgelben Handschuhe ihren zierlichen Händchen. So will ich, obgleich es mein Herz zerreißt, untertauchen in die schmerzlichen Erinnerungen meines Lebens und mich opfern zum Besten der Roture, die schon seit Jahren mit blödem, verehrendem Staunen den mirakulösen Schicksalen unsers Hauses folgte.

Ich stamme von einem altgriechischen Hause ab, dessen Uranfänge sich in die Zeiten des Deukalion verlieren. Der erste Ahne, dessen Name in den Registern unsers Geschlechtes verzeichnet worden, ist Diogenes; seine Laterne, mit der er Menschen suchte, leuchtet in unserm Wappen. Er hinterließ keinen männlichen Erben, er selbst hatte in seiner schroffen, gewaltsamen Natur die Kraft ganzer Generationen verbraucht. Nur eine Tochter blieb von ihm zurück. Ihr vermachte er seine Laterne, sie segnete er in seiner Sterbestunde mit den Worten: "Suche einen Menschen, bis du den Rechten findest."

Dies mysteriöse Wort ist der Segen und der Fluch unsers Geschlechtes geworden. An ihm sind die edelsten Herzen zerbrochen. Die ganze wandernde Rastlosigkeit, der ganze zynische Idealismus, oder soll ich sagen, der ideale Zynismus und alle Abnormitäten in dem Benehmen unseres Stammvaters sind auf uns übergegangen und machen heute noch die Grundzüge unsers Geschlechtes aus, das sich merkwürdigerweise fast nur durch die Geburt von T

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