text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Dshamilja Erzählung von Aitmatow, Tschingis (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.12.2017
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
4,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Dshamilja

Im zentralasiatischen nordöstlichen Kirgisien, irgendwo im Tal des Kukureuflusses, im Sommer des dritten Kriegsjahres 1943, hat sie sich abgespielt, "die schönste Liebesgeschichte der Welt" (Aragon). Said, der damals Fünfzehnjährige, der nicht wußte, wie Liebe sich zuträgt, erzählt sie mit großem Erstaunen. "Hier, in diesem hochmütigen Paris, das alles gesehen, alles gelesen, alles erlebt hat, merke ich plötzlich, daß mir Werther, Bérénice, Antonius und Kleopatra, Manon Lescaut, die Education sentimentale oder Dominique nichts bedeuten, weil ich Dshamilja gelesen habe", schreibt Louis Aragon in seinem Vorwort. Tschingis Torekulowitsch Aitmatow wurde am 12. Dezember 1928 in Scheker im Talas-Tal, Kirgisistan geboren und starb am 10. Juni 2008 in Nürnberg. Sein Vater war Verwaltungsbeamter in Scheker, seine Mutter Nagima Chasijewna, eine gebürtige Tatarin, war Schauspielerin am örtlichen Theater. In seiner Kindheit zog er, wie damals die meisten Kirgisen, mit seiner Familie und den Tieren des Klans von Weide zu Weide. 1937 wurde sein Vater Torekul Aitmatow während der stalinistischen "Säuberungen" verhaftet und 1938 hingerichtet. Aitmatow begann sein Arbeitsleben mit 14 Jahren als Gehilfe des Sekretärs des Dorfsowjets. Darauf folgten Tätigkeiten als Steuereintreiber, Lagerarbeiter und Maschinistenassistent. Da Kirgisistan zu dieser Zeit zu einer Sowjetrepublik wurde, hatte Aitmatow die Gelegenheit, an der neu eingerichteten russischen Schule in Scheker zu lernen und sich für ein Studium zu qualifizieren. 1946 begann er mit dem Studium der Veterinärmedizin, zunächst an der Technischen Hochschule im nahe gelegenen kasachischen Dschambul, und dann bis 1953 am Kirgisischen Landwirtschaftsinstitut in Frunse. Seine literarische Tätigkeit begann 1951 mit Übersetzungen kirgisischer Prosa ins Russische; er arbeitete jedoch noch bis zum Erscheinen seiner ersten Erzählung Dshamilja am Wissenschaftlichen Forschungsinstitut von Kirgisistan. 1956 begann er mit einem Studium am Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau, wo er bis 1958 lebte. 1957 wurde er in den sowjetischen Schriftstellerverband aufgenommen. Danach arbeitet er acht Jahre für die Parteizeitung Prawda . Tschingis Aitmatow war letzter Botschafter der Sowjetunion in Brüssel und vertrat dann seine Republik diplomatisch bei der EU. Er starb 2008 an den Folgen einer schweren Lungenentzündung.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 123
    Erscheinungsdatum: 12.12.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518750643
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1271 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Dshamilja

Es gibt eine Geschichte von Rudyard Kipling, die heißt: "Die schönste Geschichte der Welt". Sie war die Titelgeschichte einer Sammlung von Geschichten. Mit diesem Buch kam ich, ich mochte etwa zwölf Jahre gewesen sein, nicht zu Rande. Man hatte es mir geschenkt, aber ich konnte mich nicht entschließen, es zu lesen. Und zwar wegen seines Anfangs. Ich las es schließlich doch, mochte mich aber immer noch nicht an die Titelgeschichte heranmachen. Ich wußte nämlich, daß dieser Titel eine Bauernfängerei, daß diese Geschichte nicht die schönste der Welt war, gar nicht sein konnte. Und sie war es auch wirklich nicht. Ich habe das Kipling nie verziehen.

Heute, wo ich sagen will, was ich von Dshamilja halte, zögere ich daher, sie so zu nennen, und dennoch, für mich ist es die schönste Liebesgeschichte der Welt. Deshalb habe ich diese Geschichte übersetzt, wider alle Vernunft und in einer Zeit, die allem, was mich quält, entzogen wurde, und nun liegt sie für den Druck fertig vor mir; es ist die schönste Liebesgeschichte der Welt. Ich mußte es aussprechen. Ich mochte keine andere mehr. Man hätte es einfach auf das Streifband schreiben können, mit meiner Unterschrift. Aber kaum hatte ich diese Worte Die schönste Liebesgeschichte der Welt geschrieben, da wußte ich schon, daß ich mich nicht darauf beschränken könnte.

Ich las die aus dem Kirgisischen übersetzte Novelle in der sowjetischen Zeitschrift Novyj mir vom August 1958. Der Name des Autors war mir unbekannt. Ich informierte mich, und man sagte mir ganz banale Dinge, die mich nicht aufklärten. Es handelte sich um einen literarischen Neuling. Der Schriftsteller Tschingis Aitmatow ist am 12. Dezember 1928 geboren, war also erst 30 Jahre alt, als Dshamilja erschien. Er ist der Sohn eines Angestellten aus dem Dorf Sheker in Kirgisien. Daß er in Sheker zur Schule gegangen ist, dann auf eine Bezirksschule, und daß er mit fünfzehn Jahren, das heißt genau in der Zeit, in der Dshamilja spielt, im Sommer des dritten Kriegsjahres, als es nur noch wenige Männer im Dorf gab, - daß er damals Sekretär des Dorfsowjet war, das alles sagt uns wenig über ihn. 1946 treffen wir ihn in Dshambul, einer Stadt in der Nähe von Kasachstan, auf der Technischen Hochschule, wo er Veterinärmedizin studiert, dann auf dem Landwirtschaftsinstitut von Kirgisien, das er 1953 verläßt. Von diesem Zeitpunkt an bis zum Erscheinen von Dshamilja arbeitet Aitmatow auf dem Experimentiergut des Wissenschaftlichen Viehzuchtforschungsinstituts von Kirgisien. Von 1952 an erscheinen in der Presse seines Landes eine Reihe von Erzählungen, mit denen er in die Literatur eintritt. Aitmatow übersetzt Werke kirgisischer Schriftsteller ins Russische. Daß er von 1956 bis 1958 ein Praktikum am Literatur-Institut "Maxim Gorki" in Moskau absolviert und 1957 in den Sowjetischen Schriftstellerverband aufgenommen wird, das sind vielleicht unentbehrliche Informationen, jedenfalls die einzigen, die ich habe, aber nichts von alldem erklärt, daß irgendwo in Zentralasien ein junger Mann zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Geschichte geschrieben hat, die, ich schwöre es, die schönste Liebesgeschichte der Welt ist.

Hier, in diesem hochmütigen Paris nämlich, dem Paris von Villon, Victor Hugo, Baudelaire, dem Paris der Könige und Revolutionen, dem jahrhundertealten Paris der Maler, wo jeder Stein von einer Geschichte oder Legende erzählt und wo es so viele berühmte Verliebte gegeben hat, daß es mir, wollte ich sie aufzählen, so ginge wie in dem Lied, je ne sais lequel prendre, ich weiß nicht, welchen ich nehmen soll ... in diesem Paris, das alles gesehen, alles gelesen, alles erlebt hat, merke ich plötzlich, daß mir Werther, Bérénice, Antonius und Cleopatra, Manon Lescaut, die Education sentimentale oder Dominique nichts mehr bedeuten, weil ich Dshamilja gelesen habe, nichts mehr Romeo und Julia, nichts mehr Paolo und Francesca, nich

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen