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Dunkel, fast Nacht Roman von Bator, Joanna (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 07.03.2016
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Dunkel, fast Nacht

Eine Stadt ist in Aufruhr. Drei Kinder sind verschwunden. Die erfolglosen Ermittlungen schüren die Wut der Bürger, befeuern die Gerüchte. Verdächtigungen und Schuldzuweisungen greifen um sich. Gehetzt wird gegen die "Katzenfresser", die Zigeuner. Im Radio und im Internet lodert die Sprache des Hasses. Alicja Tabor hat diese Stadt früh verlassen. Nun kehrt sie als Journalistin zurück, um Nachforschungen über die rätselhaften Entführungen anzustellen. Sie quartiert sich im alten Haus ein, das seit dem Tod des Vaters leer steht; die Atmosphäre ist düster, die Stimmung im einst so geliebten Garten unheimlich. Ständig fühlt sie sich beobachtet, um sie herum ereignen sich unerklärliche Dinge. Schon in Sandberg und Wolkenfern begegnete uns Joanna Bator als Virtuosin der Verknüpfung, die in den verschwiegenen Familiendramen die Geschichte einer Epoche aufleuchten lässt. Mit der ihr eigenen Subtilität schildert sie, wie Stimmungen kippen können, wie latente Ängste und Traumata sich in jähe Ausbrüche von Wahnsinn verwandeln. Dunkel, fast Nacht ist ein Roman über die Brüchigkeit einer Gesellschaft, die ihre gemeinsame Sprache verloren hat.

Joanna Bator, 1968 geboren, publizierte in wichtigen polnischen Zeitungen und Zeitschriften und forschte mehrere Jahre lang in Japan. Die deutsche Übersetzung ihres Romans Sandberg durch Esther Kinsky war ein literarisches Ereignis. Seither gilt Joanna Bator als eine der wichtigsten neuen Stimmen der europäischen Literatur. Für Dunkel, fast Nacht (2012) wurde sie mit dem NIKE, dem wichtigsten Literaturpreis Polens, ausgezeichnet. Joanna Bator ist Hochschuldozentin und lebt in Japan und Polen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 511
    Erscheinungsdatum: 07.03.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518741788
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Ciemno prawie noc
    Größe: 5077kBytes
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Dunkel, fast Nacht

Der Weg zurück

Ich folgte den Spuren, die ich vor Jahren hinterlassen hatte, verwundert, wie mühelos meine Füße hineinfanden. Erst nach dem Umsteigen in Wroclaw kam mir zu Bewusstsein, dass ich in die Stadt meiner Kindheit unterwegs war. Auf dieser Strecke gibt es keine Eilzüge mehr, Walbrzych entfernt sich zunehmend vom großstädtischen Wroclaw und dem Rest der Welt. Ich setzte mich auf einen Fensterplatz in einem alten Doppelstockwagen und tastete immer wieder nach dem Schlüssel, der durch das Leder meines Portemonnaies Wärme auszustrahlen schien.

Nach Vaters Beerdigung hatte ich den Schlüssel in einen billigen Geldbeutel aus dem Indienladen gesteckt und ihn fünfzehn Jahre lang mit mir herumgetragen. Ich musste ihn immer bei mir haben und gewöhnte mir an, bei jeder Gelegenheit nachzuprüfen, ob er noch da war, ein harter länglicher Gegenstand, wie ein Tier- oder Kinderknochen. Mit diesem Schlüssel hatte ich die Tür des Hauses, das auf Schloss Fürstenstein blickt, hinter mir abgeschlossen und die Stadt verlassen. Und bis vor kurzem gab es in Walbrzych nichts, was mich zu einer Rückkehr oder auch nur einem Abstecher hierher hätte verlocken können. Um das Haus kümmerte sich Albert Kukulka, unser Nachbar, Freund meines Vaters, ein trauriger einsamer Mann mit Fliegermütze, der nur lächelte, wenn er Geige spielte. Als ich Kind war, hat er als Gärtner im Walbrzycher Botanischen Garten gearbeitet, ich besuchte ihn in seinen tropischen Gewächshäusern, und er zeigte mir Bananenstauden, Euphorbien, bis unter das gläserne Dach wuchernde Araukarien, fleischfressenden Sonnentau und Leuchtmoos. Er hob mich hoch zum saftigen Grün der Bäume, sodass ich mein eigenes verkleinertes Spiegelbild in den Wassertropfen auf den Blättern erkennen konnte. Wie gebannt wiederholte ich die Namen, die er mir vorsprach: Araukarie, Zantedeschie, Euphorbie. Seit ich nach Vaters Tod aus Walbrzych weggegangen war, schickte ich Herrn Albert Geld, auch wenn er es nicht annehmen wollte, ab und zu mähte er den Rasen und lüftete die Zimmer, bis auf das größte Zimmer im Erdgeschoss, das auf meinen Wunsch geschlossen blieb. In diesem Zimmer hatte Vater seine letzten Jahre verbracht, hier lagerten noch zahllose Karten von unterirdischen Gängen unter Schloss Fürstenstein und Listen mit Dingen, die er sich von dem Schatz kaufen wollte, den er jedoch nie entdeckt hat. Auf dem mächtigen Schreibtisch aus deutscher Eiche stand eine Fotografie: Vater, Mutter und wir beiden Töchter vor dem berühmten Gebäude, in einen Sommernachmittag vor fast vierzig Jahren gegossen wie Fliegen in Bernstein. Geblieben waren nur ich und das Schloss. Ich wollte nicht, dass Herr Albert sich mit der Traurigkeit ansteckte, die in den Ecken des Zimmers lagerte wie Ektoplasma. Ektoplasma. Die Substanz, aus der Geister gemacht sind, wie meine Schwester Ewa immer sagte. "Und woraus ist Ektoplasma gemacht?", fragte ich. "Aus Kohlenstaub und Tränen!" Herr Albert hatte auch mit Geistern zu tun, er pflegte das Grab meiner Verwandten, was er sicher auch ohne meine Bitte getan hätte, aber dass ich ihn darum gebeten hatte, linderte meine Schuldgefühle. Fünfzehn Jahre lang war ich nicht nach Walbrzych gekommen, in Gedanken aber jeden Tag zurückgekehrt, in allen anderen Städten habe ich nur diese eine gesucht, und Herrn Alberts künstliche Tropen im Palmenhaus ließen mich die echten Tropen nur als billigen Ersatz für etwas unwiederbringlich Verlorenes empfinden.

Am Fenster des Zuges zogen Bilder vorbei, die mir bekannt vorkamen wie ferne Traumbilder. In der Dunkelheit hinter der Scheibe formten Licht und Nebel geisterhafte Reisende, zerfloss und versickerte die Stadt, als wären Bewegung und Leben nur eine Insel in einem Meer von Schatten und Leere. Neue Siedlungen und Einkaufszentren machten kahlen, von Schleh- und Weißdornhecken durchschnittenen Feldern Platz, auf den Bäumen am Straßenrand lauerten Raubvögel beharrlich auf allzu leic

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