text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Ein anderes Blau Prosa für sieben Stimmen von Stein, Benjamin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.02.2015
  • Verlag: Verbrecher Verlag
eBook (ePUB)
12,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Ein anderes Blau

In einer Großstadt bricht ein Bus durch die Straßendecke hindurch in einen U-Bahn-Tunnel. Mehrere Menschen sterben. Zwei von ihnen - ein Mann Mitte dreißig und eine junge Frau - können erst nach Wochen geborgen werden. Unter dessen fristen die beiden eine Existenz in einem Reich zwischen Leben und Tod, Träumen und Ahnungen, Tanz und Taumel. Sie finden sich wieder in der dünnen Wand zwischen zwei Wohnungen, einem leeren Raum zwischen zwei fremden Leben, in dem nur sie sich bewegen können. Sie versuchen, den Abschied hinauszuzögern, den Abschied von ihren Irrtümern und sorgsam verborgenen Gefühlen, liebevollen und erschreckenden Erinnerungen. Und wenn sie auch nicht umkehren können, verändert sich auf dem letzten Stück Weg doch noch einmal ihr Leben und das der Menschen zu beiden Seiten der Wand - unbemerkt vom Rest der sie umgebenden Welt. 'Ein anderes Blau' erschien 2008 nur in einer Kleinstauflage und ist seit Jahren vergriffen. Für diese Ausgabe hat Benjamin Stein den Text komplett überarbeitet und mit einem neuen Nachwort versehen.

Benjamin Stein, geboren 1970 in Ostberlin, lebt heute in München. Seit 1982 veröffentlichte er Lyrik und Kurzprosa in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien. Nach der Wende studierte er Judaistik und Hebraistik in Berlin. Seit 1998 arbeitet er freiberuflich als Berater im Bereich der Informationstechnologie. Von 2006 bis 2008 war er Mitherausgeber der Literaturzeitschrift spa_tien. Er betreibt das literarische Weblog Turmsegler. Seine Lyrik und Prosa wurde mehrfach ausgezeichnet. 'Das Alphabet des Juda Liva' war 1995 sein erster Roman, 2010 folgten 'Die Leinwand' und 2012 'Replay'. Im Verbrecher Verlag hat Benjamin Stein die gesammelten Gedichte seiner Mentorin Charlotte Grasnick unter dem Titel 'So nackt an dich gewendet' (2010) herausgegeben, zudem erschien die Neufassung seines Debütromans unter dem Titel 'Das Alphabet des Rabbi Löw' (2014). Benjamin Steins Werke wurden in zehn Sprachen übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 120
    Erscheinungsdatum: 23.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957320957
    Verlag: Verbrecher Verlag
    Größe: 292 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Ein anderes Blau

1

/Ev a /Dein Ausgehen am Morgen: ein Wort, ein Kuss; so flüchtig.

Während du über den Hof gehst, stehe ich am Fenster und winke. Doch du drehst dich nicht um, bemerkst mein Winken nicht und mein plötzliches Innehalten. Wie ich langsam die Hand sinken lasse und lächle, enttäuscht und entschuldigend zugleich, als hätte ich einen Fremden mit einem Freund verwechselt und ihn überschwänglich gegrüßt als jemanden, der er nie war.

Du hast die Hoftür geöffnet und bist fortgegangen. Du hast dich nicht umgedreht; und so ist dir all dies entgangen: mein Winken, mein Innehalten, mein stilles Aufgeben vor dem Tag, als ich die Gardine wieder vors Fenster zog und ins Dunkel des Zimmers zurücktrat.

Wo bist du, wenn ich mich mir entgegen beuge im großen Spiegel auf dem Flur? Wenn ich zu der Frau, die mir von dort entgegensieht, sage, dass sie sich kämmen soll; und niemand antwortet, und nichts geschieht?

Die Zigarette im Mundwinkel läufst du unruhig den Boulevard entlang. Am Bahnhof hast du die Aktentasche ins Schließfach gesperrt, den Mantel aufgeknöpft und die Haare aus der Stirn gestrichen.

Es ist Zeit.

Du steuerst auf das Café zu in der kleinen Passage, vor dem ich jeden Tag spiele, gegen Mittag. Ich werde noch vor dem Spiegel sitzen, wenn du dort ankommst, vor dem Spiegel sitzen mit Kamm und Schminke. Und so wirst du beschließen zu warten und einen Cognac bestellen.

Du weißt: Es kann nicht lange dauern, bis ich hinauskomme. Die Schminke ist ein gutes Alibi, noch Zeit verstreichen zu lassen. Doch auch diese Galgenfrist hat ein Ende. Das Rouge soll wirken.

Ich werde hinausgehen, den Klingelhut vor mir aufs Pflaster stellen und zu spielen beginnen. Von deinem Tisch aus wirst du mir lange zuschauen, genau auf all meine Gesten achten und die Regungen meines Gesichts: Was tut der Mund? Was die Augen?

Du wirst versuchen, dir alles genau einzuprägen, um es später vielleicht einmal wiederholen zu können. Das nennst du sprechen: Meinem Körper die Stimme ablauschen und sie kopieren. Du bestaunst meine Umarmung, meine Küsse ins Leere; und du glaubst, nicht zu wissen, wen ich küsse, doch dass ich liebe.

So kommst du, wie ausgehungert, jeden Tag. Abends sitzt du im zweiten Rang des Theaters, das Opernglas an die Augen gepresst, und mittags hier, an deinem Tisch im Café. Dein Zuschauen ist eine Art, von Liebe zu träumen, ohne an sie zu glauben: Sehen Sie meine Frau; mir genügt ihr Spiel. Und ich soll schweigen.

Nachher wirst du die Rechnung begleichen, das Café verlassen und eine Münze in meinen Hut werfen, um mir nichts schuldig zu bleiben, bevor Du heimkommst. Es beruhigt dich und schmerzt nur ein wenig.

Wie soll ich die Perücke herunterreißen, meine Rolle verlassen? Ich habe dir einen zweiten Cognac kommen lassen. Ich will die Münze nicht und dass du gehst ohne ein Wort. So steht es auf dem Zettel, den der Kellner dir reicht, mit einem Gruß von mir: Du solltest mich sehen, wenn ich dir winke. Du würdest erstaunt sein über dein Gefühl und umkehren.

Warum kommst du hierher? Was schaust du mir zu? Für dich ist doch all dies nur Geste, und ich bin nur Mimin, die die Schminke liebt, den Spiegel und die Flucht auf die Bühne. Du versuchst, meine Gesten zu deinen zu machen, und verzweifelst, weil es nie gelingt und dein Spielen nur ein ratloses Suchen ist.

Du hast nicht begriffen, dass ich um mehr spiele als um deine achtlos in meinen Hut geworfene Münze. Und nichts begriffen von der Vergeblichkeit meines Spiels und meines Winkens am Morgen. Du hast nichts begriffen.

Das ist ein Tag für dich: der Mantel offen, im Mundwinkel glimmt die Zigarette. Am Bahnhof liegt, gebändigt im Schließfach, die Akten

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen