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Ein ganz besonderes Jahr Roman von Montasser, Thomas (eBook)

  • Verlag: Piper Verlag
eBook (ePUB)
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Ein ganz besonderes Jahr

Eigentlich wollte Valerie die etwas altmodische Buchhandlung ihrer spurlos verschwundenen Tante auflösen. Doch die junge Betriebswirtin hat die Macht der Bücher und die Magie der kleinen Buchhandlung mit dem Samowar unterschätzt. Jeden Tag entdeckt sie neue Schätze der Literatur und taucht immer tiefer in die zauberhafte Welt der Bücher ein. Als sie auf ein merkwürdiges Buch stößt, das nicht zu Ende geschrieben wurde, hält sie es für einen Fehldruck. Doch dann betritt ein Kunde ihre Buchhandlung, der genau dieses Buch schon lange sucht ...

Thomas Montasser arbeitete als Journalist und Universitäts-Dozent und war Leiter einer kleinen Theatertruppe. Er schrieb den große Epochenroman 'Die verbotenen Gärten' und unter dem Pseudonym Fortunato auch Kinderbücher wie 'Zauber der Wünsche'. Als Vater von drei Kindern lebt er mit seiner Familie in München. Er ist Literaturagent und kennt nichts Schöneres, als in kleinen Buchhandlungen zu stöbern. Mit 'Ein ganz besonderes Jahr' hat er sich seinen Traum erfüllt, endlich ein Buch über die Macht der Geschichten und über ihren Zauber zu verwirklichen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492965354
    Verlag: Piper Verlag
    Serie: Piper Taschenbuch 30689
    Größe: 2251 kBytes
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Ein ganz besonderes Jahr

ZWEI

Die Farbe war schon etwas abgeblättert, die Türverglasung hatte in einer Ecke einen Sprung. Valerie schüttelte den Kopf. Als sie das altertümliche Schloss endlich aufbekommen hatte - es war schon etwas verrostet und die Tür klemmte obendrein -, schlug ihr die abgestandene Luft von Wochen entgegen. Sie ließ die Tür offen stehen und ging als Erstes ganz nach hinten ins Büro, um auch dort ein Fenster zu öffnen. Zum Glück war es ein warmer Frühlingstag.

Valerie ließ ihre Tasche zu Boden gleiten und versuchte, nicht gleich zu verzweifeln. Wo um alles in der Welt sollte sie anfangen? Dieser Laden war wie ein Kleid, das die alte Frau um ihr Leben geschneidert hatte. Ihr mochte es gepasst haben. Für Valeries junges Leben war es unbequem, unförmig und ganz und gar unpraktisch. Zögernd nahm sie auf dem verschlissenen Sessel Platz, den Tante Charlotte des besseren Lichtes wegen in der Nähe des Fensters aufgestellt hatte. »Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?«, seufzte sie.

Auf einem Beistelltischchen lag ein Stapel Visitenkarten mit dem Schriftzug des Geschäfts in fein geschwungenen Buchstaben. Valerie nahm eine davon zur Hand. Ein eigentümlicher Zauber ging von ihr aus. Die Oberfläche fühlte sich an wie mit Samt überzogen, die Lettern waren in tiefdunklem Rot hineingestanzt. Valerie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. »Ringelnatz & Co.«, sagte sie leise, halb amüsiert, halb peinlich berührt. Offenbar hatte Tante Charlotte der von ihr so bewunderten Pariser Buchhandlung Shakespeare & Co. nacheifern wollen. Warum sie ihren Laden dann nicht wenigstens gleich Goethe & Co. genannt hatte, war Valerie ein Rätsel. Aber vielleicht musste sie das auch nicht verstehen. Vielleicht hatte es ganz einfach damit zu tun, dass Tante Charlotte aus einer anderen Zeit stammte.

Nun also dieser Buchladen. Wie lange war sie schon nicht mehr hier gewesen? Jahre. Einige. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie die Tante nicht mehr oft gesehen, Papa und sie hatten sich nie wirklich verstanden. Als Ökonomieprofessor kam er in Gesprächen immer schnell auf wirtschaftliche Themen. Bei Tante Charlotte hatte ihn das regelmäßig auf die Palme gebracht. »Du bist einfach keine Geschäftsfrau, Charlotte, sieh es doch endlich ein!«, hatte er im Laufe buchstäblich jedes Gesprächs mit ihr ausgerufen und sich kopfschüttelnd abgewandt. Die beiden hatten kein gemeinsames Thema gefunden.

Und nun sollte ausgerechnet Valerie den alten Buchladen liquidieren, in dem sie in ihrer Kindheit so oft und gerne gewesen war und den sie später in seiner Überholtheit so befremdlich gefunden hatte. Der Zufall hatte es gewollt, dass sie die nächste Verwandte der alten Dame war und mit ihrem frisch errungenen Bachelor in Betriebswirtschaft auch über das nötige Know-how verfügte. Nur dass sie eigentlich andere Ziele gehabt hatte für die Zeit nach dem Abschluss. Sie wollte vier Semester anhängen und den Master machen, nebenbei Teilzeit Berufserfahrung sammeln und ihre Karriere als Consultant für Skandinavien und die aufstrebenden Volkswirtschaften des Baltikums vorbereiten. Während sie hier in Tante Charlottes altem Buchladen saß, waren da draußen zwei Dutzend Bewerbungen an Top-Firmen unterwegs: Unternehmensberatungen, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Marketingagenturen und Think Tanks. Das war es, wo sie hinwollte: ins Herz der Geschehnisse, dorthin, wo das Business pulsierte, wo die Geistesblitze knisterten und die Zukunft erfunden wurde. Stattdessen war sie hier zwischen Altpapier gestrandet und konnte sich einigermaßen vorstellen, was sie in den Geschäftsbüchern ihrer Tante erwartete. Das hieß: Sie konnte es sich nicht vorstellen - aber das wurde ihr erst bewusst, als sie schon mittendrin war in dieser Geschichte. Oder sogar noch später.

*

Die ganze Sache war noch viel komplizierter dadurch, dass Tante Charlotte zwar verschwunden, nicht aber als tot registrier

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