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Ein Haus für die Müden Fünf Geschichten von Karahasan, Dzevad (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.01.2019
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Ein Haus für die Müden

Sarajevo im September 1914. In einer Zeitungsredaktion, bei der Landesbank und an anderen offiziellen Stellen treffen Briefe mit großer Verspätung, oft erst nach Jahren ein. Doch es ist nicht der Krieg, der die kaiserlich-königliche Post durcheinander gebracht hat, sondern ein verliebter Briefträger, der kürzlich auf dem Schlachtfeld des beginnenden Weltkriegs gefallen ist. Von Liebe und Verlust, Fortschritt und Erinnerung handeln die fünf großen Erzählungen, mit denen D?evad Karahasan aus dem fernen Epochenschauplatz seines Opus Magnum, Der Trost des Nachthimmels ("ein Jahrzehnte-Ereignis", NZZ), ins 20. Jahrhundert zurückkehrt. Der Kommunismus erreicht die bosnische Provinz. In den kleinen Städten, umgeben von einsamen, majestätischen Landschaften, spüren Karahasans Helden, dass eine Zeit anbricht, in der sie keinen Platz mehr haben. Sie verweigern sich - radikale Alte, trotzige Weltverweigerer, die auf dem Recht bestehen zu träumen, zu trauern und einfach müde zu sein. Briefe, die ihre Adressaten nicht erreichen, weil Tod und Weltgeschichte in eine Liebe hineinpfuschen, tauchen im Haus für die Müden immer wieder auf. Mit seinen weit ausschwingenden Sätzen und Reflexionen, dem hintergründigen Humor und den mystisch-phantastischen Elementen erzählt Karahasan vom Altwerden - dem Zurückbleiben in einer Welt, die sich schneller verändert, als der Einzelne sie erleben kann. D?evad Karahasan, 1953 in Duvno/Jugoslawien geboren, Erzähler, Dramatiker und Essayist. Die Belagerung Sarajevos war Thema seines in zehn Sprachen übersetzten Tagebuchs der Aussiedlung (1993) und seiner beiden Romane Schahrijârs Ring (1997) und Sara und Serafina (2000). Für den Essayband Das Buch der Gärten wurde er 2004 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Karahasan lebt in Graz und Sarajevo.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 250
    Erscheinungsdatum: 14.01.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518758991
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Kuca za umorne. Pjesme o ljubavi u smrti
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Ein Haus für die Müden

Prolog

D as Sarajevoer Blatt Hrvatski dnevnik brachte in der Nummer 216, in der Beilage der Vijesti , etwa zehn Artikel auf der Titelseite. Über die Bedeutung, die die Redaktion den einzelnen Artikeln beimaß, lassen sich schwerlich irgendwelche Schlüsse ziehen, weil kein einziger durch einen Rahmen, ein Foto, das ihn dokumentieren oder kommentieren würde, eine Überschrift, die durch die Größe der Buchstaben, die Farbe oder auf irgendeine andere Art ins Auge fiele, hervorsticht. Sie reihen sich nebeneinander und untereinander an, sind gleichmäßig in Spalten eingeteilt, mit gleichen Lettern gedruckt, mit immer den gleichen Überschriften versehen, die sich vom eigentlichen Text nur wenig durch größere und fett gedruckte Buchstaben abheben. Will man eine Hierarchie der veröffentlichten Artikel aufstellen, wird einem diese ausgesprochen diskret suggeriert, etwa durch die Reihenfolge und den Platz, den jeder Artikel auf der Seite einnimmt. In diesem Fall wäre der wichtigste Artikel wahrscheinlich der in der Ecke links oben auf der Seite, also der erste in der Folge, weil sich der Blick des europäischen Lesers schlicht auf diesen als den ersten richten muss. Wäre der zweitwichtigste der darunter oder der mitten auf der Seite? Der in der Folge zweite wäre es sicher nicht, die Haupteigenschaft des zweiten ist, dass er im Schatten des ersten steht, das wissen alle, die auch nur zweimal eine gut redigierte Zeitung durchgeblättert haben. Gute Zeitungen verstecken auf der zweiten Seite Texte, die sie am liebsten nicht veröffentlichen würden, aber aus irgendeinem Grund müssen, es ist logisch anzunehmen, dass es sich so auch mit dem zweiten Text auf einer Seite verhält. An die zweite Stelle setzt man einen Text, den man nicht zu sehen und zu lesen braucht, deshalb bringt man nach dem ersten Artikel in der Folge immer den, von dem man Unsichtbarkeit erwartet und wünscht.

Den zweitwichtigsten Artikel muss man also in den geometrischen Mittelpunkt der Seite stellen, dorthin, wo sich die gedachten Diagonalen schneiden, weil der Blick des Betrachters schlicht dorthin fallen muss. Auf der Seite der Vijesti im Hrvatski dnevnik fiel dieser Platz dem Artikel "Wahl des neuen Papstes" zu, der folgendermaßen lautet:

WAHL DES NEUEN PAPSTES

Rom, den 30. August

Die hiesige Tribuna schreibt:

Mit den Kardinälen, die heute in Rom eingetroffen sind, ist das heilige Kollegium komplett. Von denen, die am Konklave teilnehmen (der Wahl des neuen Papstes), fehlen nur noch zwei, und zwar die amerikanischen Kardinäle Gibbons und O'Connel. Von 65 Kardinälen werden 60 an der Wahl des neuen Papstes teilnehmen, und zwar 32 italienische und 28 ausländische Kardinäle. Von den ausländischen sind 6 Franzosen, 1 Engländer, 1 Brasilianer, 3 Amerikaner, 1 Ire, 1 Belgier, 1 Niederländer, 2 Deutsche, 3 Österreicher, 5 Spanier, 2 Portugiesen, 2 Ungarn.

Das Konklave wird am 31. August um 5 Uhr nachmittags eröffnet.

Aber in der linken oberen Ecke der Seite steht als der wahrscheinlich wichtigste Artikel oder wenigstens als der Artikel, dem die Redaktion am meisten Wichtigkeit beimisst: "Tagesbefehl des G.d.K. Dankl"

Der Text lautet:

TAGESBEFEHL DES G.D.K. DANKL - 6000 RUSSEN GEFANGEN

Wien, 30. August.

Aus dem Kriegspressequartier wird amtlich gemeldet: Der Armeekommandant G.d.K. Dankl hat am 26. August folgenden Armeekommandobefehl an seine unterstehenden Truppen erlassen:

Die Armee hat am 23. und 24. August in der Schlacht von Krasnik, Polichna und Goraj ihre Feuertaufe glänzend bestanden. Alle Korps haben dank dem todesmutigen

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