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Ein Hund mit Charakter Roman von Márai, Sándor (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.11.2011
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Ein Hund mit Charakter

Es wird weiße Weihnachten geben. Seufzend beschließt der Herr, das Fichtenbäumchen mit den schon etwas zerschlissenen Sternen zu schmücken. Aber schenken wollten sie sich dieses Jahr wirklich nichts ... Entgegen der Abmachung begibt sich der Herr dann doch noch mit seinen letzten hundert Pengö in die Stadt, geradewegs zum Zoo. Und am Hundezwinger springt ihm ein hinreißendes schwarzes Stück Fell auf vier Beinen entgegen, das fortan sein Leben und das der Dame von Grund auf verändern wird. Der charmante, hintersinnige Hunderoman des großen ungarischen Erzählers Sándor Márai.

Sándor Márai, 1900 bis 1989, gehörte zu den gefeierten Autoren Europas, bis er 1948 mit seiner Emigration nach Italien und in die USA in Vergessenheit geriet. Mit der Wiederentdeckung des Romans "Die Glut" wurde er 1998 weltweit gelesen und als einer der bedeutendsten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts erkannt. Der Niedergang des europäischen Bürgertums zählt zu seinen wichtigsten Motiven.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 08.11.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492953894
    Verlag: Piper
    Originaltitel: Csutora
    Größe: 1900 kBytes
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Ein Hund mit Charakter

Es schneit

Also, wenn er nun schon einmal angefangen hat, so wird er jetzt auch nicht weiter nachsinnen, sondern ist entschlossen, dieses Unterfangen nach allen Regeln des Metiers und in epischer Gemächlichkeit, ja sogar in der Art eines Romans und mit Zwischenüberschriften, ganz so wie es sich eben ziemt, hinter sich zu bringen. Es schneit also, wir haben Weihnachten, zehn Jahre nach dem großen Krieg, und es ist kein Geld im Haus.

Die Dame und der Herr, die besagtes Haus bewohnen, verlassen nach Tisch das Speisezimmer und begeben sich in den Nachbarraum, wo den Schreibtisch des Herrn – es ist Heiliger Abend – bereits ein hageres und ein wenig zerzaustes Fichtenbäumchen mit Beschlag belegt hat, das mit seinem armseligen Schmuck samt dem kaum wahrnehmbaren Waldgeruch dazu bestimmt ist, festliche Stimmung zu verbreiten. Die Maße des Baums sind so bescheiden, die über Jahre angefallenen Sternchen und Kugeln so angeschlagen und abgegriffen, daß dieser seiner Aufgabe nur bedingt gerecht zu werden vermag. Der Herr stellt sich davor und betrachtet das Bäumchen nicht ohne Mitleid. Im Zimmer ist es leicht dämmrig, denn am Morgen hat sich milderes Wetter eingestellt, und es schneit. In diesem Halbdunkel funkelt der Christbaumschmuck des rachitischen Gehölzes etwas verschämt; dazu hat der ganze Aufbau auch noch eine Schieflage, steht nach vorn geneigt, wie alle Weihnachtsbäume, die kinderlose Ehepaare ungeschickt, weil wissentlich unberechtigt, für sich aufstellen. Die Wohnung istübrigens gegen Feuer versichert.

Doch die unmoralische Hoffnung auf letztere Möglichkeit verscheucht der Herr sogleich wieder. Er geht um den Baum herum und zuckt die Achseln. Das aufgeputzte Gewächs wirkt für ihn lächerlich, erinnert an Tante Gisella, die ein glitzerndes Kleid besaß, das wahrscheinlich aus Engelhaar gewebt und mit glimmernden Schuppen besetzt war und in dem sie zu allen großen Familienfesten zu erscheinen pflegte: blutarm, rachitisch, aber zurechtgemacht und eben wie ein Weihnachtsbaum funkelnd und behängt. Genau wie Tante Gisella, denkt er mißvergnügt. Voller Unbehagen blickt er auf das festliche Requisit, und dabei wird ihm klar, daß die Verachtung gar nicht dem Bäumchen und den naiven Accessoires des Festes gilt, sondern seiner eigenen Feigheit, die ihn davon abhält, sich auf die feierliche Stimmung der Festtage einzulassen. Dem Baum fehlt irgend etwas, denkt er noch, wagt aber nicht, sich dies laut einzugestehen.Wie er sich auch schon seit Jahren nicht mehr traut, vorzuschlagen, daß sie am Heiligen Abend statt dem Klingeling mit Kerzenlicht, dem üppigen Abendschmaus und den bescheidenen Geschenken doch vielleicht lieber in eines der wenigen Kaffeehäuser gehen sollten, die aus Gründen profaner Zweckmäßigkeit auch am Abend dieses Familienfestes offenhalten. Er wagt es nicht, dies zu empfehlen, traut sich auch nicht, etwas gegen das Bäumchen und den ganzen Klimbim zu äußern, weil die Dame und sogar das Dienstmädchen, das eben den Mokka hereingebracht hat, so ganz von freudiger Erregung durchdrungen sind; auch bereden sie gerade letzte Details zum abendlichen Programm, zum Festessen, es geht um die traditionellen Zutaten für den Mohnstrudel und den Nußstrudel, um die Sauce zum Fisch. Das alles vermittelt den Eindruck, als ginge es aufs Ganze, denkt der Herr mit aufrichtiger Verwunderung. Er stellt sich ans Fenster, betrachtet die tänzelnden Schneeflocken und hört den geflüsterten Verhandlungen der Dame mit dem Dienstmädchen zu. Auch eine Erinnerung, daß vor Weihnachten alles als Überraschung gehandelt wird – sogar vor sich selbst handhabt man alles und jedes irgendwie geheimnisvoller, etwa die Frage, wie viele Eier das Mädchen für die Mayonnaise

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