text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Ein langsamer Sturz von Bonné, Mirko (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.09.2015
  • Verlag: Schöffling & Co.
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Ein langsamer Sturz

Mario Ries weiß nicht, wie ihm geschieht. Er steht mit seinen Koffern allein auf einem türkischen Flughafen. Eben ist er einem Flugzeugabsturz entgangen. Beim Landeanflug auf Izmir hat er unter sich das Wrack der Maschine gesehen, mit der er hätte kommen sollen. Sein Weiterleben erscheint ihm wie 'ein Glück, ein furchtbares Glück'. Gerade erst hat ihn seine Frau verlassen, und Mario Ries vermutet, dass der skrupellose Chef der Hamburger Agentur dahinter steckt, deren Marseiller Niederlassung er leitet. In der abgestürzten Maschine saß auch Jacqueline Fontaine, die Leiterin des Kulturamts Marseille. Mit ihr hatte Mario Ries eine Affäre, die ihm seine Karriere verbaute. Jacqueline hat den Absturz überlebt. Warum will sie ihn so dringend sprechen? Mirko Bonné erzählt packend und souverän, wie in wenigen Tagen ein Leben aus dem Gleichgewicht gerät. Sein Held verliert aus heiterem Himmel den Halt. Nur in der jungen, rätselhaften Marina findet er eine verwandte, verlässliche Seele. EIN LANGSAMER STURZ spannt sich zwischen Demütigung und Treue, Schock und Aufbegehren, zwischen Kabale und Liebe. Mario Ries verliert erst die Fassung und dann den Glauben an die Welt. Stattdessen findet er zu sich. Mirko Bonné, geboren 1965 in Tegernsee, lebt in Hamburg. Neben Übersetzungen von u. a. Sherwood Anderson, Robert Creeley, E. E. Cummings, Emily Dickinson, John Keats, Grace Paley und William Butler Yeats veröffentlichte er bislang fünf Romane und fünf Gedichtbände sowie Aufsätze und Reisejournale. Für sein Werk wurde Mirko Bonné vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Prix Relay du Roman d'Evasion (2008), dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2010) und dem Rainer-Malkowski-Preis (2014). Sein Roman NIE MEHR NACHT stand 2013 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 01.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783731760856
    Verlag: Schöffling & Co.
    Größe: 1524 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Ein langsamer Sturz

Noch in der Luft, bevor seine Maschine sicher landete, sah er durchs Bordfenster, dass auf dem Nachbarrollfeld ein Unfall passiert war. Ein großes Propellerflugzeug lag verdreht und eingeknickt halb auf dem Grasstreifen und halb auf der Piste. Ein Flügel ragte in die Höhe. Über die Rumpfunterseite schlängelten sich silberne Furchen, mächtige Kratzer, Spuren vom Schlittern.

Er hatte nicht in der Maschine gesessen!

Kein Grund zu jubeln. Unverletzt besah er sich das Wrack wie einer, der vom Himmel gefallen kommt. Er konnte Arme und Beine bewegen, doch gerade das kam ihm unwirklich vor. Als lande er in einem Zwischenreich.

Egal! Hauptsache, er lebte. Ein Glück, dass er einen anderen Flieger genommen hatte. Das Glück war auf seiner Seite gewesen, während die anderen Furchtbares durchlitten hatten in dieser Höllenmaschine, in der auch für Mario Ries ein Platz gewesen war.

Ein Glück, ein furchtbares Glück.

Er musste sich das innerlich hersagen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Die türkische Stewardess wiederholte, dass die havarierte Fokker frühmorgens in Marseille gestartet war, und er merkte, dass der Schock nachließ. Zumal die Frau, die halb im Cockpit und halb im Korridor stand, irritiert schien, weil er ihr zum Abschied die Hand gab. Er spürte die kleine, vollkommen trockene Hand in der seinen so deutlich, als wäre sie aus Holz.

"Sie machen einen irritierten Eindruck", sagte sie, so dass er ihr sicherlich hätte erklären können, dass er selber aus Marseille kam und nur durch eine Verkettung glücklicher Umstände über Brüssel hierher geflogen war.

Er sagte: "Ich bin nur zufällig hier", was sie natürlich nicht verstehen konnte.

Nüchtern betrachtet gab es keinen Grund, verunsichert zu sein. Es hatte seine frühere Frau Rebecca immer belustigt, wenn er einen Platzregen als persönlichen Angriff betrachtete oder etwas auf sich bezog, das für sie entweder höhere Gewalt war oder so simpel wie das Gebot, bei unbeständigem Wetter die Faltregenjacke in die Handtasche zu stecken.

Im Shuttle-Bus lief Musik, während er beschloss, in Hamburg anzurufen. Die Hitze lähmte. Wenn er den Blick hob, kam der spiegelnde Asphalt ihm verlockend wie ein kühles Gewässer vor. Er sagte sich, dass er einer Täuschung aufsaß, und sah in die andere Richtung. Er beobachtete die junge Frau mit dem Pferdeschwanz und der Tennistasche. Bislang hatte er keine zwanzig Meter türkischen Boden betreten. Allerdings kannte er das Land. Desgleichen die Melodie im Bus, die so getragen war, dass sie einem Boxer als Hymne hätte dienen können.

Alle, die ausstiegen und zu dem verglasten Hauptgebäude hinübergingen, trugen viel leichtere Sachen als er mit seinem Straßenanzug. Er fiel zurück in der Gruppe und zückte das Handy. Er hatte seinen Roaming-Vertrag soeben erneuern lassen und konnte in ganz Europa telefonieren. Hier aber war Europa zu Ende. Wie genau nahm sein Handy das?

Hakan meldete sich nicht.

Hoppes Begrüßung beruhigte ihn: "Na endlich! Wo seid ihr? Schon im Pool gewesen?"

Helge Hoppe war vergrippt, dennoch klang seine Stimme in dem Gerät so jovial wie immer.

"Es hat einen Unfall gegeben", begann Ries. Die Situation sprach für sich, fand er, außerdem waren taktische Telefonate nicht seine Sache. Er drehte sich um und sah ein paar Nachzügler aus dem Bus kommen.

"Warte mal", hörte er Hoppe sagen und nahm sich im selben Moment vor, nicht als Letzter in die Schalterhalle zu gehen. Er wollte den Anruf kurz halten.

Hoppe sagte: "Also es hat einen Unfall gegeben. Was für einen Unfall? Sagst du mir, wo du steckst, bitte? Ich muss hier schließlich ..."

"Wo, meinst du wohl, stecke ich? In Izmir natürlich! Ich habe eine andere Maschine genommen, weil es gestern Streit mit Hakan gab, und die Maschine, in der er saß, ist verunglückt. Sie liegt hier verteilt übers Rollfeld." Das war übertrieben.

"Ja und?", sagte Hoppe aus

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen