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Ein Mann seiner Klasse von Baron, Christian (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.01.2020
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
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Ein Mann seiner Klasse

"Mochte mein Vater auch manchmal unser letztes Geld in irgendeiner Spelunke versoffen, mochte er auch mehrmals meine Mutter blutig geprügelt haben: Ich wollte immer, dass er bleibt. Aber anders." Kaiserslautern in den neunziger Jahren: Christian Baron erzählt die Geschichte seiner Kindheit, seines prügelnden Vaters und seiner depressiven Mutter. Er beschreibt, was es bedeutet, in diesem reichen Land in Armut aufzuwachsen. Wie es sich anfühlt, als kleiner Junge männliche Gewalt zu erfahren. Was es heißt, als Jugendlicher zum Klassenflüchtling zu werden. Was von all den Erinnerungen bleibt. Und wie es ihm gelang, seinen eigenen Weg zu finden. Mit großer erzählerischer Kraft und Intensität zeigt Christian Baron Menschen in sozialer Schieflage und Perspektivlosigkeit. Ihre Lebensrealität findet in der Politik, in den Medien und in der Literatur kaum Gehör. Ein Mann seiner Klasse erklärt nichts und offenbart doch so vieles von dem, was in unserer Gesellschaft im Argen liegt. Christian Baron zu lesen ist schockierend, bereichernd und wichtig. Christian Baron wurde 1985 in Kaiserslautern geboren. Er studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Germanistik in Trier. Nach Stationen bei der Lokalzeitung Die Rheinpfalz und Neues Deutschland sowie Veröffentlichungen bei nachtkritik , Neue Zürcher Zeitung und Theater der Zeit arbeitet er seit 2018 als Redakteur bei der Wochenzeitung der Freitag .

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 31.01.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843722445
    Verlag: Ullstein
    Größe: 2996 kBytes
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Ein Mann seiner Klasse

Zorn

Am Sterbebett hielt er ihn an der Hand. Ihn, der vor lauter Schläuchen und Verbänden und Kanülen nicht mehr reden konnte. Also waren die Tränen ihre Sprache. Tränen der Trauer, Tränen der Wut, Tränen der Reue - und Tränen der Erleichterung. In diesem Moment auf der Intensivstation des Westpfalz-Klinikums in Kaiserslautern erhielt ein Vater von seinem Sohn das Wertvollste, das ein Vater von seinem Sohn erhalten kann: einen Freispruch in allen Anklagepunkten.

Er sprach den Vater frei von jeder Schuld an den Wunden, die sich in die Kinderseele eingebrannt hatten. Er sprach den Vater frei von jeder Schuld an der Armut, in der die Familie leben musste. Und er sprach den Vater frei von jeder Schuld am Krebs, an dem acht Jahre zuvor die Mutter gestorben war, im Alter von zweiunddreißig Jahren. Ohne ein einziges Wort, nur mit einem Händedruck und einem sanften Blick, sagte der Sohn dem Vater während dessen letzten Atemzügen im Oktober 2003: "Ich verstehe dich. Ich verzeihe dir. Ich hab dich lieb."

Ich hab dich lieb. Das ist ein Satz, der dem Vater niemals über die Lippen gekommen wäre. Mir aber auch nicht. Zumindest nicht ihm gegenüber. Für meinen Vater war das ein Frauensatz. Darum war es das auch für mich. Wenn ihn ausnahmsweise die Zuneigung zu seinen Söhnen übermannte, dann nannte er mich und meinen Bruder Benny "Meine Gutsten". Den sprachlichen Fehler und den daraus sich ergebenden Witz erkannten wir schon damals, und ohne es als Kinder wirklich begreifen zu können, fühlten wir uns mit diesem ironischen Bekenntnis des Vaters wohler, als wenn er uns "in Frauensprache" bezärtelt hätte.

An Gott hab ich nie geglaubt. Aber wen hätte das je vom Beten abgehalten? Also lag ich wispernd unter der Bettdecke: Heute Abend, nur heute Abend möge der Sturm bitte schnell vorüberziehen. Ich dachte an die Nachbarin von gegenüber, die beim Müllrausbringen immer die Dresche überhörte. Ich dachte an den Mann von oben mit dieser Elvisfrisur, der beim Treppenhinabsteigen seine Kopfhörer aufsetzte und die Technomusik aufdrehte, bis das Wummern seines Walkmans das Wimmern meiner Mutter verschlungen hatte. Und ich dachte an das Keuchen der Alten aus dem Erdgeschoss, die vor ihrer Wohnungstür spätabends den Staub von der Fußmatte klopfte, im gleichen Rhythmus, wie die Schläge und Schreie durch das Treppenhaus hallten. Sie war die selbst ernannte Hausmeisterin, die über alles Bescheid wusste, aber nichts mit dem zu tun haben wollte, was sich bei uns abspielte.

Mein Bruder Benny und ich, zwei Jungs von neun und acht Jahren, ich blond und klein, er mit dunkler Mähne und ein echter Schlaks, teilten uns im Jahr 1994 ein Etagenbett. Unsere Eltern schliefen direkt neben unserem Zimmer. Darum drang es dumpf bis zu uns, wenn Mamas Kopf gegen die Wand donnerte. Niemals verloren wir darüber ein Wort. Wir spürten den Schmerz, wir betrachteten unsere zitternden Hände, wir warfen einander Blicke zu. Das Flehen und das Flennen wurden uns mit der Zeit zur Normalität.

Heute ließ beides besonders lange auf sich warten. Ich vergrub mein Gesicht unterm Kissen und genoss die letzten Minuten der Abendstille. Wie lange wartete ich? Vielleicht fünf Minuten. Kurz zog ich das Kissen weg, um frische Luft zu schnappen. Nichts. Oder doch? Draußen schlurfte mein Vater umher. Aus den halbwegs regelmäßig vernehmbaren Schritten schloss ich, dass er diesmal unter zehn Flaschen Bier geblieben war. Das aber musste noch nichts heißen. Auf der Türschwelle blieb er stehen. Der Schatten seiner starken Arme wanderte die Tapete entlang, da versenkte ich meine Nase wieder in das mit Tränen und Schweiß getränkte Kissen.

Schon vor Monaten hatte ich daraus einen Wettbewerb gegen meine Lunge gemacht. Mit jedem Mal nahm ich mir vor, einen neuen Rekord aufzustellen. Irgendwann würde ich bei den Paralympischen Spielen antreten. Ja, ich würde dort antreten und als Asthmakranker im Luftanhalten die Goldmedaille gewinnen. Irgendwa

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