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Ein schönes Kleid Roman über eine queere Familie von Nicolaisen, Jasper (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.09.2016
  • Verlag: Querverlag
eBook (ePUB)
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Ein schönes Kleid

Die Welt um Jannis und Levi herum scheint halbwegs in Ordnung zu sein. Beziehung, Wohnung, Arbeit - die wichtigsten Kernbereiche des Zusammenlebens sind mehr oder weniger gesichert. Wenn da nicht was wäre, was den beiden Männern fehlt. Sie hätten gern ein Kind.So beschließen sie nach einigem Überlegen, einen Pflegesohn aufzunehmen, und machen sich auf zu einem Abenteuer, das sich mal skurril, mal bürokratisch, mal lustig-absurd, mal herzzerreißend-genderqueer gestaltet. Vom ersten Termin beim Jugendamt, dem Kennenlernen des Pflegesohns Valentin und dessen leiblicher Mutter Vanessa bis hin zur Eingewöhnung in den Kindergarten - wir begleiten den Ich-Erzähler Jannis und dessen Mann Levi während der vielen Etappen auf dem Wege zum queeren Familienglück.

Jasper Nicolaisen (1979) ist Übersetzer, Autor und arbeitet mit Kindern und deren Eltern. Er mag Boxen, Spiele mit Elfen und Zwergen und Cowboylieder. Mit einem Mann und einem Kind lebt er in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Erscheinungsdatum: 02.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783896566324
    Verlag: Querverlag
    Größe: 379kBytes
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Ein schönes Kleid

Kapitel 2

"Hör auf. So warst du gar nicht." Levi strubbelte mir durchs Haar. "Du warst total süß. Und gar nicht so uncool. Du hattest eine Lederhose an und hast alleine gewohnt. Und punkige Haare. Und du hast immer diese Kunstprojekte gemacht. Und du warst vielleicht schwul. Wir haben total viel über dich geredet. Da haben sich einige für dich interessiert. Du warst halt nur zu blöd."

"Danke."

"Bist du ja heute immer noch." Levi grinste.

Sojus bellte hämisch.

"Was soll denn das heißen?" Ich war nach all den Jahren immer noch ein bisschen angepiekst.

"Das soll heißen", sagte Sojus und streckte die Pfoten von sich, "dass du verklemmt bist."

"Bloß, weil du es mit jeder machst, die an eine Straßenecke pinkeln kann."

Sojus bleckte die Zähne. "Hey, und ich bin kastriert!"

Levi sah zwischen mir und Sojus hin und her. "Wenn du dich mehr mit netten Frauen und Männern unterhalten würdest, statt mit unserem Hund oder Elfen und Zwergen aus deinen Büchern, hättest du bessere Chancen, das meine ich. Du bist eine coole Sau, du zeigst es nur nicht so. Das finde ich manchmal schade."

"Du tust ja so, als hätte ich keine Freunde."

"Du hast einen Sack voll Freunde. Aber, Schatz, die meisten von denen spielen mit dir Spiele, bei denen ihr so tut, als wärt ihr Elfen und Zwerge. Das ist nicht die Art von Rollenspielen, die besonders sexy ist."

Eigentlich hätte ich lachen sollen. Aber dieser Fragebogen ging mir langsam doch ein bisschen an die Nieren. Welches Heteropärchen, das sich mit Kinderabsichten trug, musste sich denn bitte erst mal hinsetzen und mit dem Partner das ganze gemeinsame Leben durchgehen? Und überhaupt, wie viel ich gerne von mir zeigen wollte, das war doch wohl immer noch meine Sache, oder?

"Mann, ich guck halt lieber erst mal und komme dann aus mir raus. Muss sich ja nicht jeder gleich so aufdrängen."

Jetzt war Levi empört. "Dräng ich mich auf, oder was?"

"Ich habe Sojus gemeint."

Schnell beugte ich mich wieder über den Fragebogen.

Es dauert dann tatsächlich noch ein paar Wochen, bis Levi mich durch die Bettritze zog , wie Anthea sich ausgedrückt hatte. Es war schön und ganz anders, als ich erwartet hatte. Für alle anderen Menschen war er eine junge Frau; zu mir sprach sein Körper Männersachen: die Bestimmtheit, die harten Hände, aber auch das plötzliche Nachgeben. Ich fühlte mich genommen, konnte mich nehmen lassen und entdeckte langsam, dass mein eigener Körper keine Gebrauchsanweisung mitbrachte und dass ich alles an ihm vielseitig einsetzen konnte. Wie ich es einsetzen wollte, das lag an mir (und an Levi), und das war verwirrend, manchmal anstrengend, aber auch eine schöne Arbeit.

Levi zog zu Hause aus, und ich ließ die Katzen-Oma hinter mir, um den Zivildienst in einer psychiatrischen Klinik zu beginnen. Dort liefen mir allerhand Menschen über den Weg, die es nicht leicht hatten, aber sich nicht unterkriegen ließen. In der Arbeitstherapie-Gärtnerei trafen sich Psychotiker, Depressive, Alkoholiker, Auf-Tripps-Hängengebliebene oder einfach nur Leute, die irgendwo vom Weg abgekommen waren, mit denen keiner mehr was anzufangen wusste und die so sehr in ihrer eigenen Welt lebten, dass sie keiner mehr verstand. Bis auf mich.

Dass ich nicht nur zwischen meinem und Levis Körper, zwischen Mann und Frau ein guter Übersetzer war, merkte ich, als Herr Stöker mir Handgranatenweitwurf beibrachte.

Wir waren damit beauftragt, ein paar alte Pflaumenbäume am Rand des Klinikgeländes abzuernten. Mit einem knarrenden Handwagen zockelten wir los, die klappernden Werkzeuge auf der Ladefläche, durch Sommerstaub, Grasgeruch und prickelndes Licht auf der Haut. Auf den Wiesen standen Patienten und dachten vor sich hin. Manche schrien zwischendurch. Wind rauschte in den Bäumen, die genau so alt waren wie das Klinikgelände mit den verschnörkelten Holzveranden./

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