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Ein Sonntag auf dem Lande von Bost, Pierre (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.06.2013
  • Verlag: Dörlemann eBook
eBook (ePUB)
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Ein Sonntag auf dem Lande

Monsieur Ladmiral, ein erfolgreicher, wenn auch konventioneller Maler, hat sich außerhalb von Paris niedergelassen, wo ihn - wie jeden Sonntag - der Sohn Gonzague mit seiner Familie besucht. Man isst, man spaziert, alles ist wie immer, bis Irène, die Tochter, auftaucht. Während Gonzague ein eher langweiliges bürgerliches Leben führt, geht Irène undurchschaubaren, doch umso lukrativeren Geschäften nach und lässt sich von niemand in die Karten ihres (Liebes-)Lebens blicken. Der Familiensonntag wird in Pierre Bosts kleinem Roman zu einem Panorama der Gefühle, wie sie in Familien nicht nur kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges unter der Oberfläche brodeln. Rivalität unter Geschwistern, Eifersucht und die Angst vor dem Tod des Vaters treten zutage - nur die Mitglieder der Familie würden sich dies nie eingestehen. 1901 in Lasalle geboren, wuchs in Le Havre auf und kam kurz nach dem Ersten Weltkrieg nach Paris. Zwischen 1924 und 1945 veröffentlichte er mehr als ein Dutzend Romane, Erzählbände und Essays. Er gehörte zu den bedeutendsten Literaten und Journalisten der Zwischenkriegszeit. Zu seinen wichtigsten Werken gehören Faillite (1928), Le scandale (1931), Porte-Malheur (1932) und Monsieur Ladmiral va bientôt mourir. Mit diesem kleinen Roman verabschiedete er sich 1945 aus der Literatur, um fortan als Drehbuchschreiber zu arbeiten. Pierre Bost starb 1975 in Paris. 1984 wurde Monsieur Ladmiral va bientôt mourir von Bertrand Tavernier unter dem Titel Ein Sonntag auf dem Lande verfilmt. Das Werk wurde bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem Preis für die Beste Regie ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 18.06.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783908778271
    Verlag: Dörlemann eBook
    Originaltitel: Monsieur Ladmiral va bientôt mourir
    Größe: 1162 kBytes
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Ein Sonntag auf dem Lande

Wenn Monsieur Ladmiral über das Älterwerden klagte, sah er seinem Gesprächspartner mitten ins Gesicht und schlug einen provozierenden Ton an, der nach Widerspruch zu verlangen schien. Wer ihn schlecht kannte, täuschte sich leicht und antwortete, wie man es zu tun pflegt, höflich, dass sich Monsieur Ladmiral etwas einrede, er immer noch putzmunter sei und alle anderen überleben werde. Darüber ärgerte sich Monsieur Ladmiral jeweils und führte Beweise ins Feld: Er könne nicht mehr bei künstlichem Licht arbeiten, stehe in der Nacht bis zu vier Mal auf, leide unter Kreuzschmerzen, nachdem er Holz gesägt habe, und zu guter Letzt sei er über siebzig Jahre alt. Dieses Argument diente dazu, den größten Optimisten den Mund zu stopfen, und das umso mehr, da Monsieur Ladmiral nicht nur über siebzig war, sondern schlicht ganze sechsundsiebzig Jahre auf dem Buckel hatte. Folglich war es besser, keine Anstalten zu unternehmen, ihm zu widersprechen, wenn er sich übers Älterwerden beklagte. Und überhaupt: warum sollte man ihm seine letzten Vergnügen nicht gönnen? Es ärgerte ihn, älter zu werden, aber es tröstete ihn ein wenig, darüber zu klagen. Tatsächlich alterte Monsieur Ladmiral stark und das immer schneller. Das Alter ist ein sanfter Abhang, aber selbst am Ende eines sehr sanften Abhangs nehmen die Steine schließlich rasch Fahrt auf.

Natürlich musste man sich davor hüten, Monsieur Ladmiral zu sehr beizupflichten. Er behielt sich vor, von seinem Älterwerden zu sprechen, und unternahm in Wirklichkeit große, wenn auch vergebliche Anstrengungen, diese unerfreuliche Tatsache zu verbergen - unerfreulich vor allem für ihn - , die er letztlich doch kaum verbarg, außer vor sich selbst. Und zum Preis von was für Lügen! Als Monsieur Ladmiral zehn Jahre zuvor Paris verlassen hatte, um nach Saint-Ange-des-Bois zu ziehen, hatte er, um mit dem Haus zu prahlen, das er gekauft hatte, alle wissen lassen, dass es acht Minuten vom Bahnhof entfernt liege. Damals stimmte das fast. Später lag das Haus, je älter Monsieur Ladmiral wurde, zehn Minuten vom Bahnhof entfernt, dann eine gute Viertelstunde. Monsieur Ladmiral hatte dieses Phänomen sehr langsam begriffen und es nie zu erklären gewusst, richtiger gesagt, hatte er es nie zugegeben. Es war eine ausgemachte Sache, dass er immer noch acht Minuten vom Bahnhof entfernt wohnte, was nicht dazu angetan war, sein Leben zu vereinfachen: Man musste Spielchen mit den Wanduhren machen, bei den Zeitplänen falsche Berechnungen einbauen und behaupten, dass die Bahnhofsuhr vorgehe oder dass der Fahrplan heimlich geändert worden sei. Zu der Zeit, als Monsieur Ladmiral noch nach Paris fuhr, hatte er sogar heldenhaft Züge verpasst, damit niemand sagen konnte, er wohne mehr als acht Minuten vom Bahnhof entfernt.

"Ich gebe gern zu", sagte er an solchen Tagen der Aufrichtigkeit, "dass ich ein wenig langsamer als früher gehe, aber man wird mir nie weismachen, dass dieser Weg in weniger als zehn Jahren (es handelte sich um etwas mehr als zehn Jahre) um zehn Minuten länger geworden ist."

Monsieur Ladmiral lebte mit Mercédès, einer Bediensteten, zusammen, die mit äußerster Höflichkeit und untrüglicher Sicherheit immer mit den unangenehmsten Worten antwortete.

"Monsieur irrt sich", sagte sie, "wenn er sich nicht bewusst macht, dass sich Monsieur inzwischen wie eine Schnecke fortbewegt. Aber wenn es Monsieur genehm ist, liegt es nicht an mir, dafür Gründe zu suchen. Meine Mutter ist ganz wie Monsieur; alte Leute sind oft so."

Monsieur Ladmiral nahm diese Art respektvoller Unverschämtheit mit sehr großer Gelassen

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