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Eine deutsche Leidenschaft namens Nudelsalat und andere seltsame Geschichten von Schami, Rafik (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.06.2011
  • Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
eBook (ePUB)
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Eine deutsche Leidenschaft namens Nudelsalat

Ein liebevoller Brückenschlag zwischen Orient und Okzident Seit beinahe vierzig Jahren lebt Rafik Schami nun schon in Deutschland, seinen staunenden und kritischen Blick auf den deutschen Alltag hat er dabei nicht verloren. Unnachahmlich charmant erzählt er in den teilweise erstmals veröffentlichten Erzählungen aus den Jahren 1990 bis 2010 von den Deutschen und ihren sprachlichen Eigenheiten, wundert sich über die unerschütterliche Konsequenz, mit der deutsche Gäste bei Einladungen selbst gemachten Nudelsalat mitbringen, muss erfahren, dass ein Kaufhaus kein Basar ist, verrät, warum er kein Amerikaner wurde, und schließt - beinahe - Freundschaft mit der sprechenden Stubenfliege Subabe. Neue, bislang unveröffentlichte und überarbeitete Erzählungen aus den Jahren 1990 bis 2010. Inhalt: - Warum wir keine Amerikaner wurden - Erinnerst du dich? - Eine deutsche Leidenschaft namens Nudelsalat - Der Leichenschmaus - Entspannung in Frankfurt - Von echten und unechten Deutschen - Vaters Besuch - Warum ist ein Kaufhaus kein Basar? - Eine Germanistin im Haus erspart den Psychiater - Schulz plant seine Entführung - Der geborene Straßenkehrer - Mein sauberer Mord - Eine Leiche zu viel - Der Libanese - Subabe - Eine harmlose Lesung - Der letzte Zettel - Gottes erster Kriminalfall - Einmal Kairo und zurück - Das Buch der Zukunft

Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren. 1971 kam er nach Deutschland, studierte Chemie und schloss das Studium 1979 mit der Promotion ab. Heute lebt er in Marnheim (Pfalz). Schami zählt zu den bedeutendsten Autoren deutscher Sprache. Sein Werk wurde in 29 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur 2015 und dem Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis 2018. Seit 2002 ist Rafik Schami Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Im Sommersemester 2010 hatte er die Brüder-Grimm-Professur der Universität Kassel inne.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 01.06.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783423407502
    Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
    Serie: dtv Taschenbücher 14003
    Größe: 248 kBytes
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Eine deutsche Leidenschaft namens Nudelsalat

Erinnerst du dich?

Erinnerst du dich an unsere erste Begegnung? Ich weiß es noch wie heute. Es war Ostern, und Damaskus hatte es wie immer eilig und bot seinen Bewohnern einen sommerlich heißen Tag. Du hast ein dunkelblaues Kleid getragen und dieses merkwürdige klotzige vergoldete Herz an einer nicht dazu passenden dünnen Halskette. Ich ahnte sofort, dass du aus ärmlichen Verhältnissen kommst. Das ist das Geschenk, das reiche Eltern ihren Kindern mit auf den Weg geben: einen unbestechlichen Blick für die Armut, auch wenn sich diese mit Strass und Klunkern tarnt.

Aber als du mich angeschaut hast, war ich irritiert. Deinen Blick besaßen damals nicht einmal die Töchter der höchsten Kreise. Nur die Söhne der Feudalen hatten diesen herrischen Blick, der jedem sagte, hier bin ich der Herrscher, der dir gestattet, seine Anwesenheit zu genießen. Deine Antworten waren verwirrend frisch. Sie begaben sich nie ins Labyrinth der arabischen Höflichkeiten, sondern zielten ins Schwarze und trafen mein Herz.

Ich war zwanzig und befand mich bereits am Ende einer Sackgasse. »Hat jetzt eine weitere Tonne bitterer Galle dein Herz verlassen?«, hast du oft scherzhaft gefragt.

Übertrieben hast du nie. Jahr für Jahr hast du eine Region meines Herzens von Bitterkeit befreit, bis ich mich nach zehn Jahren an deiner Seite eines schönen Morgens so federleicht fühlte, dass ich, wenn ich etwas mutiger gewesen wäre, hätte fliegen können.

Du hast mir viel Zeit gegeben. »Warum warst du so bitter?«, hast du erst Jahre später gefragt; und ich wollte es dir immer erzählen, doch ich fand keine Gelegenheit oder hatte die Ruhe nicht. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.

Mein Vater, der große Georg Abiad, hatte mit seiner Schwester Amina, der steinreichen Witwe des ersten syrischen Bankiers, Joseph Hawi, ausgemacht, dass ich ihre Tochter Maissa heiraten sollte, um Ruhm und Reichtum zu vermählen. Ich mochte Maissa nicht. Sie war doppelt so groß wie ich und ihr Hintern roch ekelhaft nach altem Ziegenbock. Woher ich das wusste? Das ist eine kleine Geschichte.

Sie war drei Jahre älter als ich, und was ich von ihr aus vergangenen Kindertagen im Gedächtnis behalten hatte, war, dass sie mich immer schlug, mich zu Boden warf, sich auf meine Brust setzte und ihre Süßigkeiten aß. Sie nannte mich nur Kissen und Docht oder Zahnstocher. Mit den Jahren bekam ich immer Angst, wenn ich hörte, dass Tante Amina mit ihrer Tochter Maissa zu uns kommen wollte. Ich versteckte mich, und obwohl unser riesiges Haus Nischen und Winkel hatte, die nicht einmal ich kannte, und obwohl mich keiner der vielen Bediensteten meiner Eltern verriet, saß Maissa schon nach einer Viertelstunde auf mir und aß, bis irgendjemand Mitleid mit mir bekam und sie höflich bat, mich freizugeben. Sie sagte dann nur schlecht gelaunt: »Na, wenn es sein muss«, und stand auf. Und danach rochen mein Hemd und meine Hose so sehr nach altem Ziegenbock, dass ich mich sofort umziehen musste, wollte ich mich nicht erbrechen. Ich habe sie gehasst, doch wie so oft im Leben sollte gerade sie mir zu meinem Glück verhelfen, aber das kam ja erst viel später.

An dem Tag, als ich dich sah, war ich also sehr verbittert. Mein Vater hatte am Morgen mit dem Bischof gesprochen und festgelegt, dass die Hochzeit an Ostern stattfinden sollte. Wir, meine Cousine und ich, könnten uns in dem verbleibenden Jahr näher kommen.

»Docht«, sagte sie mir bei der nächsten Begegnung. Sie war dreiundzwanzig, und obwohl sie sich seit Jahren nicht mehr auf mich setzte, roch ich nach jeder Begegnung mit ihr sehr unangenehm und musste mich duschen. »Docht, ich will dich nicht«, sagte sie leise, »ich liebe einen anderen, einen Prachtkerl, der mich bei jeder Umarmung zerquetscht. Er ist verheiratet, aber er wartet, bis seine schwerkranke Frau stirbt, und ich will nur ihn. Zum Teufel mit deinem Vater und meiner Mutter.«

Ich liebte damals keine Frau. Ich wusste nich

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