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Eine gute Schule Roman von Yates, Richard (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.12.2018
  • Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
eBook (ePUB)
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Eine gute Schule

Das Haar hängt ihm fettig in die Stirn, sein fadenscheiniges Hemd ziert ein Muster aus Flecken. William Grove, fünfzehn Jahre alt und gerade als Stipendiat an der Dorset Academy angenommen, wird schnell der Stempel aufgedrückt: Mit diesem "Zigeuner" möchte keiner der Jungen im Internat etwas zu tun haben. Denn Grove kann nicht verbergen, dass er aus proletarischen Verhältnissen stammt. Doch genau das soll er an der Dorset, Hort englischer Erziehungstraditionen, lernen - seine Mutter hofft, dass ihrem Sohn sich so die Türen zur höheren Gesellschaft öffnen, die ihr, der großen Künstlerin, verschlossen geblieben sind, trotz aller Bemühungen. Glaubwürdig und mit viel Feingefühl gelingt es Richard Yates, dem Meister der klaren Worte, das psychologische Porträt eines Jungen zu zeichnen, der seinen Platz in der Gesellschaft noch finden muss. Richard Yates wurde 1926 in Yonkers, New York, geboren und lebte bis zu seinem Tod 1992 in Alabama. Obwohl seine Werke zu Lebzeiten kaum Beachtung fanden, gehören sie heute zum Wichtigsten, was die amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts zu bieten hat. Wie Ernest Hemingway prägte Richard Yates eine Generation von Schriftstellern. Die DVA publiziert Yates' Gesamtwerk auf Deutsch, zuletzt erschien der Roman 'Eine strahlende Zukunft'. Das Debüt 'Zeiten des Aufruhrs' wurde 2009 mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in den Hauptrollen von Regisseur Sam Mendes verfilmt. 'Cold Spring Harbor', zuerst veröffentlicht 1986, ist Yates' letzter vollendeter Roman.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 17.12.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641247140
    Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
    Originaltitel: A Good School
    Größe: 1643 kBytes
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Eine gute Schule

Vorwort

Als junger Mann studierte mein Vater im Staat New York Gesang. Er hatte eine schöne, disziplinierte Tenorstimme, in der sich große Kraft mit großer Zartheit verband; ihn singen gehört zu haben zählt zu den schönsten meiner frühen Erinnerungen.

Ich glaube, er hat einige Male professionelle Engagements gehabt, in Städten wie Syracuse, Binghampton und Utica, doch es gelang ihm nicht, das Singen zum Beruf zu machen, stattdessen wurde er Handelsvertreter. Ich nehme an, es war als eine Art Übergangslösung gedacht, als er sich der General Electric Company in Schenectady anschloss, damit ein paar Dollar hereinkamen, während er weiter nach Engagements suchte, doch es dauerte nicht lange, dann hatte die Firma ihn geschluckt. Mit vierzig, als ich geboren wurde, lebte er schon längst in der Stadt und hatte sich in der Tätigkeit eingerichtet, die er den Rest seines Lebens ausüben sollte, als stellvertretender Regionalverkaufsleiter in der Sparte Mazda-Lampen (Glühbirnen).

Bei gesellschaftlichen Anlässen wurde er immer noch gebeten zu singen - "Danny Boy" schien allgemein der Lieblingswunsch zu sein -, und manchmal sang er dann auch, doch in späteren Jahren lehnte er immer häufiger ab. Drang man in ihn, trat er einen Schritt zurück und machte eine kleine verneinende Handbewegung, wobei er lächelte und zugleich die Stirn runzelte: Das alles, schien er zu sagen - "Danny Boy", die Jahre im Norden, das Singen selbst -, sei doch Vergangenheit.

Sein Büro im General-Electric-Gebäude war kaum groß genug für einen Schreibtisch und eine gerahmte Fotografie von meiner älteren Schwester und mir, als wir noch klein waren; in diesem Kabäuschen verdiente er das, was er eben brauchte, um meiner Mutter jeden Monat, Jahr um Jahr, das Geld zu schicken, um das sie ihn bat. Sie waren fast so lange geschieden, wie meine Erinnerung zurückreicht. Er liebte meine Schwester sehr - das dürfte auch der Hauptgrund für seine nie nachlassende Großzügigkeit uns gegenüber gewesen sein; er und ich dagegen schienen, ungefähr ab meinem zwölften Lebensjahr, ständig voneinander irritiert zu sein. Zwischen uns herrschte offenbar immer die stillschweigende Übereinkunft, dass ich mit der Scheidung in den Besitz meiner Mutter übergegangen war.

In dieser Annahme lag ein Schmerz - für uns beide, würde ich sagen, auch wenn ich nicht für ihn sprechen kann -, aber auch eine ungute Gerechtigkeit. Sosehr ich es mir auch anders wünschen mag, bevorzugte ich eben doch meine Mutter. Ich wusste, sie war unvernünftig und verantwortungslos, sie redete zu viel, sie machte wegen nichts irrwitzige Szenen, und man konnte darauf rechnen, dass sie in einer Krise zusammenbrach, doch ich war allmählich zu der düsteren Ahnung gelangt, dass ich womöglich ganz ähnlich strukturiert war. In einer Art und Weise, die weder hilfreich noch besonders angenehm war, gereichten sie und ich einander zum Trost.

Die Bildhauerkunst und das Aristokratische hatten sie immer gleichermaßen angesprochen, und so wurde sie nach der Scheidung Bildhauerin und sehnte sich danach, dass reiche Leute ihre Arbeit bewunderten und sie an ihrem Leben teilhaben ließen. Beide Ambitionen, die künstlerische wie auch die gesellschaftliche, wurden immer wieder durchkreuzt, häufig auf demütigende Art, dennoch waren da gelegentlich hoffnungsfrohe Momente, in denen sich für sie alles hübsch zu fügen schien.

Einen solchen Moment gab es im Mai oder Juni 1941, als ich fünfzehn war. Seit ungefähr einem Jahr gab sie in ihrem Studio in Greenwich Village, das zugleich das Wohnzimmer unseres Apartments war, wöchentlich einen kleinen Bildhauerkurs, und eine ihrer Schülerinnen war ein reiches Mädchen von außergewöhnlicher Schönheit und Anmut namens Jane. Ich glaube, Jane hat meine Mutter wohl, wie viele andere auch (darunter ich), als verkannte Künstlerin romantisiert; wie auch immer, als sie den Bildhauerkurs verließ, um zu heiraten, lud sie u

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