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Eine Kindheit (eBook) von Schopflocher, Robert (eBook)

  • Verlag: ars vivendi
eBook (ePUB)
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Eine Kindheit (eBook)

Robert Schopflocher bewegte sich zeit seines Lebens zwischen (mindestens) zwei Welten - der Welt seiner Kindheit, dem multikulturellen, alteuropäischen Fürth mit seiner reichen jüdischen Kulturlandschaft, und der Welt Südamerikas, in der er eine neue Heimat fand, nachdem er mit seiner Familie aus Deutschland flüchten musste. Sein Werk führt beeindruckend die Tradition jüdisch-deutscher Erzählkunst fort. Sensibel und poetisch verleiht Schopflocher den verschiedensten Lebensmodellen und kulturellen Kontexten eine Sprache und kreist stets um die Kraft der Erinnerung. Eine literarische Entdeckungsreise zwischen Deutschland und Argentinien, zwischen Gestern und Heute. Die wichtigsten Erzählungen von einem der bedeutendsten deutschsprachigen Exilautoren des 20. Jahrhunderts in einem Band. Besonderes Extra: Eine bisher unveröffentlichte Erzählung Schopflochers. Mit einem Nachwort der Schopflocher-Kenner Prof. Dr. Dirk Niefanger und Prof. Dr. Gunnar Och. Robert Schopflocher (1923-2016) wurde in Fürth geboren. 1937 musste er mit seiner Familie ins argentinische Exil gehen. Er war zunächst Landwirtschaftseleve in Patagonien, übernahm später den väterlichen Chemiebetrieb in Buenos Aires. Schopflocher schrieb Romane, Novellen und Theaterstücke, zuletzt erschien Das Komplott zu Lima (2015).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783869137568
    Verlag: ars vivendi
    Größe: 683 kBytes
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Eine Kindheit (eBook)

Mit der Veränderung der Persönlichkeit ändert sich auch die Qualität der Erinnerung. Dieser Satz sollte am Anfang jedwelchen Erinnerungsberichtes stehen, aber gewiß

am Anfang einer "Selbstdarstellung", um Raum für kritische Reflexionen zu schaffen.

Hans Keilson, "In der Fremde zuhause"

Eine Kindheit

Autobiographische Skizzen

Als Kind hatte es mir die Zauberwelt der Tropfsteinhöhlen in der Fränkischen Schweiz angetan: die Bing- und die Teufelshöhle, vor allem aber die Maximiliansgrotte. Die Stalaktiten und Stalagmiten glichen Orgelpfeifen und marmornen Skulpturen; die von den Karbidlampen angestrahlten Kavernen verwandelten sich in geheimnisvoll aufblitzende Schatzkammern. An gewissen Stellen blieb der Führer stehen, legte den Zeigefinger auf die Lippen und machte uns auf das leise Ticken der Wassertropfen aufmerksam oder auf das Rauschen eines unterirdischen Flusses. Es konnte geschehen, daß er sein Licht hinter einen der Steine hielt, der dann alabastern schimmerte. Und gelegentlich brachte er eine hohle Tropfsteinsäule durch einen behutsamen Schlag zum Klingen. Das Auftauchen erzschürfender Zwerge mit roten Zipfelmützen hätte mich kaum in Erstaunen versetzt.

Erstaunen dagegen rief das Erlebnis in mir hervor, das mich beeindruckte, als ich Jahrzehnte später noch einmal die Maximiliansgrotte besuchte. Inzwischen waren zahlreiche Städte in Schutt und Asche gesunken, Millionen Menschen waren dem von einer Verbrecherclique ausgelösten Mordrausch zum Opfer gefallen. Neue Staatsgebilde waren entstanden, alte waren von der Landkarte verschwunden, und der erste Mensch war auf dem Mond gelandet. Das Zeitalter der Antibiotika war angebrochen, das des Computers, der Gen- und Psychotechnik, der Atomphysik, der weltumspannenden Massenkommunikation. Und in der Tropfsteinhöhle, in die ich nun als Erwachsener zurückkehrte, erzählte uns der Führer in der gleichen maulenden fränkischen Mundart die gleichen Geschichten, die damals, als ich als kleiner Bub an der Hand meines Vaters das glitschige Labyrinth dieser Unterwelt entlang getippelt war, sein längst verstorbener Kollege - sein Großvater womöglich - heruntergeleiert hatte. Vom Windloch war die Rede, wo oaner nei'g'folln wor, tog'lang wor der so dogleg'n mit zerdepperte Glieder. Und wie viele Jahre es braucht, bis so ein Tropfstein heranwächst. Der gleiche Tonfall, die gleiche Höhlenluft und das gleiche Flattern der Fledermäuse. Nur daß man jetzt elektrische Taschenlampen in der Hand hielt anstatt der Karbidfunzeln. Und daß ich mich nunmehr des öfteren bücken mußte, um mir den Kopf nicht zu stoßen.

Angesichts dieser Galerien und Stollen kam mir die Vielschichtigkeit unserer Existenz zum Bewußtsein. Tiefliegende Seelenflöze drängten an die Oberfläche; verschüttete Kindheitserinnerungen erwachten. Die Vergangenheit pflegt einen leichten Schlaf. Das sachte Klopfen an einer Tropfsteinsäule etwa, das Herunterleiern eines längst vergessen geglaubten Spruchs im vertrauten Heimatdialekt - und schon richtet sie sich auf, die Vergangenheit, und bahnt sich den Weg in die Gegenwart, wird zur Gegenwart. Durch fragwürdige Gedächtnismanipulation gefilterte Geschichte, gefärbt vom Heute und von der im Laufe des Lebens erworbenen Erfahrung: eine nur noch unscharf erfaßbare, jedoch stets ausbruchbereite Vergangenheit.

Während ich die Augen schließe, regen sich die ersten Kindheitseindrücke: der süßliche Geruch des blühenden Flieders, der säuerliche Mief der Bierwirtschaften, die faulige Würze der frisch gedüngten Felder auf dem Weg nach Poppenreuth. Und die Gaumenfreuden der Laugenbrezeln, der Milchweck'n und Mohnbrötle, der Dampfnudeln mit Hiftmark, des Bitzelwassers mit Zitronengeschmack, des Ochsenmaulsalats. Und die Laute: das Bimmeln und Gequietsch der "Elektrischen", die Kinderlieder, das im Chor skandierte kleine Einmaleins i

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