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Eine Welt in den Händen Roman von De Kerangal, Maylis (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.06.2019
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Eine Welt in den Händen

Eine junge Frau, Paula Karst, entschließt sich, ihre Heimatstadt Paris zu verlassen und nach Brüssel umzusiedeln: Dort besucht sie die Akademie für angewandte Kunst und lernt, auch die schwierigsten Aspekte der Wirklichkeit mit der Hand täuschend nachzuahmen. Da solche Fähigkeiten in einer Zeit, die sich mit Surrogaten zufriedengibt, en vogue sind, ist sie ständig mit der termingerechten Erfüllung ihrer Aufträge beschäftigt: Mal ist ihre Kunst in Russland gefragt, mal soll sie in Paris die entsprechend luxuriösen Apartments illuminieren, schließlich bricht sie nach Rom auf, in das Reich der Cinecittà, um an der Illusion von Wirklichkeit zu arbeiten. Doch die Serienproduktion von geschäftlichen Erwägungen dienenden Nachahmungen ist ihr nicht Herausforderung genug: Deshalb beschließt sie, sich bei den Nachbildungen der berühmten Höhlen von Lascaux (Entstehungszeit: zwischen 17000 und 15000 v. Chr.) in der Dordogne zu engagieren. Die Aufgabe unterscheidet sich zunächst in nichts von den gängigen, den Effekt der Realität erzeugenden Zeichnungen. Während der Arbeit an der millimetergenauen Rekonstruktion der berühmten Wandmalereien drängen sich ihr allerdings unabweisbare Fragen auf: Kann man als Gegenwartsmensch prähistorische Gemälde reproduzieren, müsste man sich dafür nicht in einen Urzeitmenschen verwandeln? Oder ist umgekehrt die Rettung der Zeichnungen durch Vortäuschung das einzige Gegenmittel zum die (Um-)Welt zerstörenden Lebensstil? Ist eine Welt, die jederzeit und überall zuhanden ist, nicht notwendigerweise dem Untergang geweiht? Gibt es überhaupt noch einen eindeutigen Unterschied zwischen Realität und Nachahmung, zwischen harten Fakten und inszenierten Illusionen, zwischen Nachrichten und fabrizierten Meldungen? Maylis de Kerangal, geboren 1967, veröffentlichte im Jahre 2000 ihren ersten Roman. Ihre Romane und Erzählungen wurden vielfach ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 300
    Erscheinungsdatum: 17.06.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518761199
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Un monde à portée de main
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Eine Welt in den Händen

V on den zwanzig Schülern, die zwischen Oktober 2007 und März 2008 am Institut de peinture, Rue du Métal 30A in Brüssel, ausgebildet wurden, sind drei in Verbindung geblieben, haben sich Kontakte und Aufträge weitergereicht, vor unrealistischen Plänen gewarnt, einander ausgeholfen, um eine Arbeit fristgerecht hinzukriegen, und diese drei - darunter Paula mit ihrem langen schwarzen Mantel und ihren smokey eyes - treffen sich heute Abend in Paris.

Es war eine einmalige Gelegenheit, eine Planetenkonjunktion, wie sie schöner nicht sein konnte, so selten wie die Wiederkehr des Halley'schen Kometen! - sie hatten im Netz ihre Aufregung geteilt, ihre Posts großspurig mit Bildern illustriert, die sie von Astrofotografie-Webseiten geklaubt hatten. Am späten Nachmittag jedoch blickte jeder Einzelne dem Widersehen eher zurückhaltend entgegen; Kate hatte den Tag auf einer Trittleiter in einem Hausflur der Avenue Foch verbracht und hätte nichts dagegen gehabt, daheim vor Game of Thrones abzuhängen und Tarama mit den Fingern zu essen, Jonas hätte lieber noch länger an diesem Tropendschungelfresko gearbeitet, das in drei Tagen fertig sein musste, und Paula, am Morgen erst aus Moskau zurückgekommen, litt unter einem Jetlag und wusste nicht mehr so recht, ob dieses Treffen eine gute Idee war. Etwas Stärkeres hat die drei nun aber hinausgetrieben, als es Abend wurde, ein Bauchgefühl, eine körperliche Sehnsucht, die Sehnsucht, einander wiederzuerkennen, ihre Gesichter und Gebärden, den Klang ihrer Stimmen, ihre Art, sich zu bewegen, zu trinken, zu rauchen, alles, was geeignet war, sie auf der Stelle wieder in die Rue du Métal zurückzuversetzen.

Das Café schwarz vor Menschen. Jahrmarktgeschrei und Kirchendämmer. Sie erscheinen pünktlich zur Verabredung, die drei, perfekte Übereinstimmung. Stürzen als Erstes aufeinander zu, Umarmungen und Eröffnungsgeplänkel, dann bahnen sie sich einen Weg, im Gänsemarsch, zusammengeschweißt, ein Block: Kate, platinblondes Haar mit schwarzem Ansatz, ein Meter siebenundachzig, mollige Schenkel in slalomtauglicher Steghose, Motorradhelm in der Armbeuge und so große Zähne, dass die Oberlippe zu kurz ist; Jonas, Eulenaugen und graue Haut, Arme wie Lassos, Yankeemütze; und Paula, die schon viel besser aussieht. Sie finden einen Tisch in einer Ecke, bestellen zwei Bier, ein Spritz - Kate: Ich mag die Farbe - und beginnen dann gleich mit dem Dauerpendeln zwischen Drinnen und Draußen, das die Abende der Raucher im Café rhythmisiert, gehen auf die Straße mit der Fluppe im Mund, das Feuer in der hohlen Hand. Die Müdigkeit des Tages verschwindet im Handumdrehen, die Erregung ist zurück, die Nacht bricht an, man wird reden.

Paula Karst, willkommen zurück, beschreib deine Eroberungen, erzähl deine Heldentaten! Jonas reibt ein Streichholz an, sein Gesicht zuckt kurz im Schein der Flamme, kupferfarben, und augenblicklich ist Paula in Moskau, ihre Stimme heiser, zurück in den großen Mosfilm-Studios, wo sie drei Monate verbracht hat, den Herbst, doch anstatt irgendwelche allgemeinen Eindrücke zu erzählen, statt eines chronologischen Berichts fängt sie an, den Salon Anna Kareninas zu beschreiben, der im Kerzenlicht fertiggemalt werden musste, weil ein Stromausfall am Abend vor dem ersten Drehtag die Dekors in Dunkelheit getaucht hatte; sie beginnt langsam, als folgten die Worte Bildern wie bei einer Simultanübersetzung, als erlaubte die Sprache zu sehen, und lässt die Räumlichkeiten erstehen, die Gesimse und Türen, die Täfelungen, die Form der Lambris' und die Gestalt der Fußleisten, die Feinheit der Stuckaturen und die so besondere Farbgebung der Schatten, die es an den Wänden aufzubringen galt; sie zählt genau die Töne der Palette auf, Seladongrün, Blassblau, Gold und Zinkweiß, nach und nach kommt sie in Fahrt, hohe Stirn, glühende Wangen, und schildert diese Malnacht, diese Wahnsinnsschinderei, beschreibt ausführlich die überreizten Produzenten in schwarzer Daune

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