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Emoticon von Durlacher, Jessica (eBook)

  • Verlag: Diogenes
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Emoticon

Emoticon Das Gewissen Die Tochter Emoticon Der Sohn

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 480
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257601695
    Verlag: Diogenes
    Originaltitel: Emoticon
    Größe: 2303kBytes
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Emoticon

[11] 1

Ein guter Tischler war er gewesen, Arik.

Stundenlang hatte Ester vorher zugeschaut, wie er ein Stück Holz so fräste und schliff, daß es sich präzise mit dem Gegenstück verband. Es war herrlich anzusehen, wie er die Teile mit seinen breiten, trockenen Händen zusammensetzte - als würden alle Neurone in ihrem Hirn für einen Augenblick geordnet: Ruhe, Stille!

Das war danach vorbei gewesen. Hatte sie später je noch einmal so in sich geruht?

Zwei Dinge hatte sie daraus gelernt. Es war schwer vorherzusagen, was bleibende Erinnerungen liefern würde, so sehr man sich auch bemühte, sich alles gut einzuprägen. Und völlig unvorhersehbar war, wann Erinnerungen wiederkamen. Von dem einen Mal waren ihr sämtliche physischen Details glasklar vor Augen geblieben; es erstaunte sie immer wieder, wenn die Bilder aufschienen, wenn das Gefühl wieder da war. Wenn sie einen schönen Tisch sah, den Geruch von Holz auffing. Manchmal waren Assoziationen naheliegend. Hinterher. Doch warum, wenn sie im Supermarkt eine Packung Milch aus dem Kühlfach nahm oder die Dekanatssekretärin, mit der sie befreundet war, von weitem "dieser Scheißcomputer!" schreien hörte und danach einen Knall, als werde etwas auf den Boden geworfen?

[12] Jedesmal - heute noch! - spürte sie, wie ihr das Blut in den Kopf stieg und ihr Körper zu glühen begann, wenn sie wieder vor sich sah (oder fühlte: War es nicht nur eine Erinnerung ihres Körpers?), wie sie in der Hitze jenes kleinen Zimmers auf dem niedrigen, harten Bett gefangen war, während er vor ihr kniete und mit der gleichen schweigsamen, überlegenen Geduld agierte, die sie in seiner Werkstatt so fasziniert hatte, vor hundert Jahren oder so. Wie er sein Geschlechtsteil aus der Hose hervorholte, als handle es sich um einen Schatz, und es, als sei er selbst darüber erstaunt, andächtig auf der flachen Hand wog.

Das war geblieben, und nicht das endlose stumme Werben, die Spannung, die unter ihren Rippen gepocht und in ihren Kleidern geklebt hatte. Verweht der Anlauf voller Frust und Qualen. Geblieben war die Katharsis in ihrem wahrsten Sinne - kein Drumherum mehr. Was zählte, war allein dieses Ergebnis. Und natürlich die Wut über das, was dann folgte.

Quadratisch, hatte Ester mit noch erstaunlicher geistiger Präsenz festgestellt: rechte Winkel, gerade Seiten. Das also war ein Mann. Da waren auch noch das Gesicht, die leuchtendblauen Augen, die muskulösen Schultern, aber mehr als alles andere war er vielleicht quadratisch, massig gewesen. Eine erschreckende Feststellung - bedrohlich, aber auch erregend. Zumal für sie, die sich damals sogar noch an die eigene Nacktheit hatte gewöhnen müssen.

Manchmal kam es ihr unerträglich vor, daß sie ihn nie wiedergesehen hatte, daß seine Existenz kaum zu beweisen war.

Wie Arik trotz seiner Masse und seiner Eckigkeit mit [13] der Präzision eines Ingenieurs sicher und ohne Eile in sie eingedrungen war, sich scheinbar festgeschraubt hatte, trotz seiner vermeintlichen Eckigkeit überzeugt von seiner technischen Erkenntnis: daß er passen würde. So konzentriert, fast ohne eine Bewegung, nur dieses sanfte und doch erbarmungslose Schrauben, das sie beide so fest ineinandersetzte - sie war beinahe ohnmächtig geworden. Ein kurzer, flammender Schmerz hatte sich mit etwas wunderbar Überwältigendem vermischt, wobei sie gleichermaßen von ihm weg wie sich an ihm festklammern wollte, ihm etwas antun wie von ihm beschützt werden wollte.

Sie wußte noch, wie sehr es ihr geschmeichelt hatte. Daß ihr Körper stimmte. Daß sie paßte. Herrliche Herabwürdigung, erfüllende Erniedrigung. Sie war noch so jung gewesen, daß sie an diese Vollkommenheit glaubte. Rechte Winkel waren heilig, die Geometrie auf die Liebe anwendbar. Damals war Ester noch mit tiefem Glauben ausgestattet gewesen.

An jenem Tag war die Ordnung zerstört wo

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