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Entscheidung von Jecker Lambreva, Evelina (eBook)

  • Verlag: Braumüller Verlag
eBook (ePUB)
19,99 €
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Entscheidung

Bulgarien im Sommer 1987. Die junge Ärztin Anja wird wie Hunderte Medizinabsolventinnen und -absolventen vom Staat aufs Land beordert. Sie tritt ihre erste Stelle in einem gottverlassenen Dorf im Balkangebirge an. In der harten Lebensschule des Dorfes Svescht lernt sie nicht nur den Tod, das Leiden und die Nöte der eigenartigen Dorfbevölkerung kennen, sondern wird auch mit den bestürzenden Schicksalen der Insassen des dortigen Heimes für Kinder und Jugendliche aus randständigen Familien konfrontiert. Ein Lichtblick ist die Lehrerin Dora. Wie Anja verachtet auch sie das kommunistische System, die Gewalt und den Gewaltapparat, der sich lückenlos und in verschiedensten Formen vom Schul- bis ins Greisenalter der Menschen in der bulgarischen Gesellschaft hinzieht. Dass sich zwischen den zwei stillen Rebellinnen eine Freundschaft entwickelt, bleibt dem Geheimdienstler Genosse Nakov, der alle Fäden im Dorf zieht, nicht verborgen. Evelina Jecker Lambreva, 1963 in Stara Zagora, Bulgarien, geboren, lebt seit 1996 in der Schweiz. Sie arbeitet als niedergelassene Psychiaterin und Psychotherapeutin in Luzern und als Klinische Dozentin an der Universität Zürich. In deutscher Sprache liegen der Gedichtband 'Niemandes Spiegel' sowie die Erzählbände 'Unerwartet' und 'Bulgarischer Reigen' vor. Bei Braumüller erschienen: 'Vaters Land' (2014) und 'Nicht mehr' (2016).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783992002597
    Verlag: Braumüller Verlag
    Größe: 1621 kBytes
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Entscheidung

4.

Als Anja am Montagmorgen um halb sieben die Dienststelle betrat, warteten im Korridor bereits acht Leute, die zum Arzt wollten. Anja wunderte sich, dass alle so früh gekommen waren, denn sie sollte erst um halb acht beginnen. Vorher wollte sie noch ihre Krankenschwester kennenlernen und sich mit ihr austauschen. Und da es im Korridor aus der halbgeöffneten Tür des Untersuchungszimmers nach frisch gekochtem Kaffee duftete, nahm Anja an, dass auch die Krankenschwester schon da war.

Sie klopfte kurz an die Tür und trat ins Untersuchungszimmer. Auf dem Holzpult standen zwei Kaffeetassen und ein Tellerchen mit hausgemachtem Gebäck. Zwischen dem Wandschrank und dem Fenster entdeckte Anja eine kleine transportable Heizplatte, auf der eine italienische Kaffeekanne gurgelte. Da war niemand.

Anja packte Stethoskop, Blutdruckapparat, neurologischen Hammer und ihr dickes Lehrbuch "Innere Medizin" aus und wollte sich gerade den weißen Arztkittel, der am Kleiderhaken an der Wand hing, überziehen, als die Tür aufging und eine Frau mit kurzen, dunklen Locken, auch in einen weißen Kittel gekleidet, hereinstürzte.

"Oh, Entschuldigung!", rief sie überrascht, als sie Anja sah. "Sie sind vermutlich Doktor Anja Assenova? Ich habe Sie nicht so früh erwartet."

Zwei Augen, die an Schwarzkirschen erinnerten, lächelten Anja warm an.

"Ja", nickte Anja strahlend. "Und Sie sind die Krankenschwester?"

"Ja", nickte die Frau ihrerseits und gab Anja die Hand. "Ich bin Krankenschwester Zarah Bobeva. Sie können mich aber einfach Schwester Zarah nennen. Ich habe eine kleine Begrüßung zubereitet, zum Morgenkaffee." Sie wies auf das Tellerchen mit dem Gebäck.

Anja setzte sich vor dem provisorischen Kaffeetisch an ihr Arbeitspult und bedankte sich. Schwester Zarah schenkte den duftenden Kaffee ein, dann nahm sie Anja gegenüber Platz. Aus dem Warteraum drang durch die geschlossene Tür zunehmend Unruhe. Man hörte laute Stimmen und immer wieder ungeduldiges Hüsteln.

"Warum stehen die Patienten schon so früh da?", fragte Anja und schaute auf ihre Uhr.

"Das sind Leute aus den Nachbardörfern. Montag ist Markttag in Svescht. Bevor sie jedoch zum Markt gehen, kommen sie zum Arzt, um den Blutdruck zu messen, ein Rezept für ihre Medikamente zu holen, zur Nachkontrolle oder um sich untersuchen zu lassen", erklärte die Krankenschwester. "Sie wissen, dass wir um halb acht beginnen, sind aber schon so früh da, um die ersten Plätze zu ergattern, damit sie nachher schneller auf den Markt können."

"Wie viele Patienten kommen pro Tag?", fragte Anja und trank einen Schluck Kaffee.

"Am Montag sind es um die vierzig, sonst zwischen fünfzehn und zwanzig, wenn man auch die Hausbesuche mitzählt. Bitte, nehmen Sie doch von meinen Plätzchen, Doktorin", sagte die Krankenschwester und schob einladend den kleinen Teller vor Anja hin.

Anja biss gerade in ein feines Butterplätzchen, als mit lautem Klopfen die Tür aufging und ein großer Mann mit Glatze und langen Armen hereinstürmte.

"Ich komme für mein Rezept", sagte er grußlos und würdigte Anja kaum eines Blickes.

"Wir beginnen in einer halben Stunde ...", sagte Anja mit vollem Mund. "Könnten Sie, bitte ..."

"Sie können beginnen, wann Sie wollen, ich muss jetzt mein Rezept haben", unterbrach der Mann sie mürrisch und holte aus seiner Hemdtasche ein Bündel leerer Rezepte, die Anja in einer solchen Form noch nie gesehen hatte.

Schwester Zarah blickte sie mit großen Augen an und gab ihr zu verstehen, dass sie dem Mann nicht widersprechen sollte. Anja schluckte ihren Bissen hinunter, nahm das Bündel Rezepte entgegen und griff nach dem Kugelschreiber. Auf dem Rezeptkopf stand rotgedruckt "Grat

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