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Entschuldige aber ich habe deinen Hut auf Erzählungen von Mandel, Doris Cl. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.03.2017
  • Verlag: TWENTYSIX
eBook (ePUB)
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Entschuldige aber ich habe deinen Hut auf

Es handelt sich um einen Band mit zweiundzwanzig in sich abgeschlossenen Erzählungen unterschiedlicher Länge. Erzählt werden Geschichten aus der ostdeutschen Vor- und Nachwendezeit von unspektulären Menschen in alltäglichen Situationen, die plötzlich außer Kontrolle geraten. So ist von einem Mann die Rede, der sich während des politischen Umbruchs seiner Ehefrau heillos entfremdet und auf der Suche nach der verlorenen Zuwendung glaubt, einem schweigsamen Leidensgefährten wiederzubegegnen. Von einem jungen Paar, das sich auf eine Bootsfahrt über die Havelseen begibt und eine scheinbare Normalität in der Abnormität des geteilten Deutschlands lebt. Von einer jungen Lehrerin, die sich aus Verzweiflung über den ihr aufgezwungenen Lebensplan dem Alkohol verfällt und dabei einen früheren Kommilitonen nicht aus der Verantwortung entlässt. Von einer Komponistin, die dem Staatssicherheitsdienst der DDR zu verdanken hat, dass sie ihren Job an einem Klubhaus verliert, worauf sie an der neuen Unsicherheit ihres Lebens zu verzweifeln droht. Von einem berühmten Kammerchor, der in Jugoslawien auf eine Frankreichtournee vorbereitet werden soll und wegen der egoistischen Tat einer Sängerin in Gefahr gerät, mit einem Schlag alle seine Errungenschaften zu verlieren ... und von vielen anderen mehr.

Mandel ist 1951 in Merseburg geboren, lebt in Halle (Saale). Nach Abitur und einer Berufsausbildung zur Chemiefacharbeiterin Anlagenfahrerin in der Sauerstofffabrik der Leuna-Werke. 1971 bis 1975 Studium der Germanistik und Musik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Dort bis 1978 Forschungsstudentin im Wissenschaftsbereich Literatursoziologie. Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren, Kandidatin des Schriftstellerverbandes der DDR. Von 1978 bis 1991 freiberufliche Schriftstellerin und Journalistin. Leiterin verschiedener Zirkel und Arbeitsgruppen in Halle, Merseburg, Hohenmölsen und Profen. Als Sängerin zehn Jahre lang Mitglied bei den Hallenser Madrigalisten. Von 1980 bis 2001 künstlerische Leiterin des Kammerchores Leuna. Zwischenzeitlich 1989 Zeitungsverkäuferin bei der Deutschen Post. Gründete 1991 eine Wochenzeitschrift, den "Merseburger Anzeiger", und stand ihr als Chefredakteurin vor. Von 1994 bis 1997 Leiterin für Öffentlichkeitsarbeit am Künstlerhaus in Halle (Saale). 1999/2000 in derselben Funktion beim Verein zur Förderung von Frauen in Sachsen-Anhalt e. V. Mitbegründerin und Geschäftsführerin mit Prokura der projekte verlag 188 GmbH. 1997 Endrundenteilnehmerin beim Literaturwettbewerb des Mitteldeutschen Rundfunks (mdr). Von 1998 bis 2014 Mitglied im Förderkreis der Schriftsteller in Sachsen-Anhalt. 2002/2003 Stadtschreiberin von Halle (Saale). Seit 2005 Mitglied des Verbandes deutscher Schriftsteller in der Gewerkschaft ver.di (BR Deutschland). 2006 Gründerin der Galgenbergschen Literaturkanzlei e. K. 2008 Arbeitsstipendium der Kunststiftung Sachsen-Anhalt. Im selben Jahr zweite Preisträgerin beim Landespreis für Volkstheaterstücke Baden-Württemberg. 2013 Gründungsmitglied des Kulturwerks deutscher Schriftsteller Sachsen-Anhalt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 10.03.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783740754952
    Verlag: TWENTYSIX
    Größe: 453kBytes
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Entschuldige aber ich habe deinen Hut auf

DIENEN

A m ersten Tag, in der ersten Stunde, die sie dort zubrachten, hatte man sie in einen großen, graugrünen Saal mit verhängten Fenstern geführt. Später erfuhr er, dass es der Filmvorführungsraum gewesen war. Lange saßen sie auf den kugelschreiberbekritzelten Holzbänken, warteten auf irgendetwas, von dem sie nicht wussten, was es war, von dem sie lediglich ahnten, dass es kommen musste, eine Ansprache vielleicht, oder ein Befehl, vielleicht endlich eine Bewegung irgendwohin. Noch spürte er nicht die Angst, die bereits auf ihn lauerte hinter den Übergardinen auf seiner zukünftigen Stube, im Radioapparat des Klubraums, auf dem Tellerrand beim Mittagessen im Speisesaal. Aber schon wirkte alles trostlos. Wohl deshalb fragte er sich, warum er auf dem Weg hierher einen Schlager gepfiffen hatte. Der Straßenbahn entstiegen, zwei Stationen eher, als es nötig gewesen wäre, den Beutel mit den wenigen Habseligkeiten geschultert, hatte er eine Schnulze gepfiffen, die ihm zufällig in den Kopf gekommen war. Ein lustiges Tralala, das alle die mahnenden Worte übertönte, die ihm nachflogen wie krächzende Krähen. Was sich in seinem Leben bislang begeben hatte - und viel war es nicht gewesen - lag hinter ihm als schmaler Schatten bei der Biegung des Flusses, den er so frei und weit wie an diesem Tage noch nie hatte einsehen können. Von den Hügeln des Ufers her war er in die Stadt gelangt, zwischen die ersten Reihenhäuser. Er war an die Ampel-Kreuzung gekommen und hatte sich sofort erinnert, in welche Richtung er gehen musste. Schon nach wenigen Minuten war er auf die stacheldrahtbekränzte Ringmauer gestoßen und dahinter auf die Kaserne mit den hundert in Reih' und Glied ausgerichteten Fenstern - schwarze Augen, die ihn wissend angestarrt hatten, und unter ihnen hindurch war er in den schwarzen Schlund des Eingangsportals marschiert wie durch das Tor zur Hölle, das zum ewigen Schmerz führt, ihn aber nur in ein Vestibül geleitete, wo es nach Bohnerwachs und Leder roch und ein bisschen nach dem Muff feuchter Gemäuer. Im Kinosaal, den er nur mit Mühe gefunden hatte, fühlte er sich endgültig fremd unter all den anderen, die ihm ihre breiten Nacken vors Gesicht schoben und sich nassforsch miteinander bekannt zu machen begannen, als träfen sie sich auf dem Bolzplatz. Nach einer Weile kamen Uniformierte herein und setzten sich vorne an die Tische, die an der Rampe unterhalb der kleinen Bühne in einer langen Reihe aneinandergefügt waren. Die Männer zogen große Papierbögen aus ihren Aktenmappen und begannen, Namen vorzulesen und Zahlen aufzusagen. Endlich kam Bewegung in den Saal. Vorne bei den Tischen fügte sich ein vielgliedriger Lindwurm, der in sanften Windungen durch den Seitengang bis hin zu den Flügeltüren wuchs. Er wurde als einer der letzten aufgerufen, überreichte mit klopfendem Herzen seinen Ausweis und bekam zwei Zahlen genannt, die er sich zu merken hatte. Ihm wurde befohlen, sich gemeinsam mit einem Dutzend anderer in den Gang neben die Sesselreihen zu stellen und zu warten. Nach einer Ewigkeit baute sich vor ihnen jemand auf, von dem er schon bald wissen würde, dass es ein Unterführer war. Der hielt die Beine leicht gespreizt, in Hüfthöhe die Daumen hinter das braune Koppelleder geklemmt und den Kopf ein wenig in den Nacken gelegt, als wolle er im nächsten Augenblick unvermutet mit seiner Nase zupicken. Zackig machte er kehrt und stiefelte los, die Neuen ihm hinterher durch die verwirrend futuristische Ineinanderschachtelung von Fluren, Treppenaufgängen und pförtnerlogenähnlichen Glaskästen, durch einen Schleier von stumpfem Braun und Graugrün, bis sie zu der Stube kamen. Jetzt erst, als er das Blechschild über der Tür sah, wusste der Bursche, was die zwei Zahlen bedeuteten, die er sich hatte merken müssen. In der Tür stand ein Mann, der sein Stubenältester werden würde. Wegen seiner dunklen, tief in den Höhlen liegenden Augen und den langen, spindeldürren Extremitäten glich

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