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Erinnerung eines Mädchens von Ernaux, Annie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.10.2018
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)

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Erinnerung eines Mädchens

Mit schonungsloser Genauigkeit erzählt Annie Ernaux von ihrer ersten sexuellen Begegnung - von Macht, Ohnmacht und Unterwerfung. Von einer Wunde, die niemals ausgeheilt ist. Und vom teuer bezahlten Erkennen des eigenen Werts. Sommer 1958: Annie Duchesne wird 18 Jahre alt. Sie arbeitet als Betreuerin in einer Ferienkolonie. Sie findet in eine Clique, zusammen feiern sie Feten, genießen ihre Jugend. Und Annie ist in H. verliebt, mit ihm hat sie ihr erstes Mal. Eine Nacht, die einen anhaltenden Schock bedeutet. Auch weil H. sie fortan ignoriert, weiß sie nicht, wohin mit sich und lässt sich auf andere ein. Schnell ist sie verfemt. Was folgt, sind Ausgrenzung, der Hohn der anderen, ihre eigene Scham. Und Schweigen. Denn über 55 Jahre braucht Annie Ernaux, um sich dieser "Erinnerung der Scham" stellen zu können. "Annie Ernaux gelingt es ganz hervorragend, in ihrem Roman noch einmal zu der innerlich zerrissenen, verliebten, magersüchtigen, ehrgeizigen jungen Frau zu werden, die sie war, als alles in ihr ins Wanken geriet." Iris Radisch, Die Zeit Annie Ernaux, geboren 1940, bezeichnet sich als "Ethnologin ihrer selbst". Sie ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, ihre zwanzig Bücher sind von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert worden.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 140
    Erscheinungsdatum: 02.10.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518758878
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Mémoire de fille
    Größe: 1970 kBytes
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Erinnerung eines Mädchens

Es war ein Sommer

Es war ein Sommer ohne meteorologische Besonderheiten, der Sommer von Charles de Gaulles Rückkehr, des neuen Francs und der neuen Republik, Pelé wurde Weltmeister, Charly Gaul gewann die Tour de France und Dalida sang Mon histoire, c'est l'histoire d'un amour .

Ein endloser Sommer, wie alle bis zum fünfundzwanzigsten Lebensjahr, bevor sie sich zu immer schneller vergehenden Sommern verkürzen, deren Reihenfolge man verwechselt, weil einem nur die besonders heißen, trockenen im Gedächtnis bleiben.

Der Sommer 1958 .

Wie in den vorigen Sommern fuhr ein kleiner Teil der Jugend, der wohlhabendste, mit seinen Eltern an die Côte d'Azur in die Sonne, ein anderer Teil, der gleiche, der aber auf ein Gymnasium oder eine katholische Privatschule ging, nahm in Dieppe die Fähre, um seine Englischkenntnisse zu verbessern, nach sechs Jahren stammelnder Versuche, die Sprache aus Schulbüchern zu lernen. Die Übrigen, Oberschüler, Fachschülerinnen und Studenten, hatten lange Ferien, wenig Geld und fuhren in eine der Ferienkolonien, die überall in Frankreich auf Landsitzen und sogar auf Schlössern organisiert wurden, um Kinder zu betreuen. Wohin es auch ging, die Mädchen legten eine Packung Damenbinden in ihre Koffer und fragten sich mit einer Mischung aus Angst und Begehren, ob sie in diesem Sommer zum ersten Mal mit einem Jungen schlafen würden.

In dem Sommer wurden auch Tausende von Rekruten nach Algerien geschickt, um die staatliche Ordnung wiederherzustellen, oft waren sie zum ersten Mal von zu Hause weg. Sie schrieben Dutzende Briefe, in denen sie von der Hitze erzählten, dem Djebel, den Douars und dem Analphabetismus der Araber, die nach hundert Jahren Besatzung immer noch kein Französisch sprachen. Sie schickten Fotos von sich in kurzen Hosen, lachend, mit Freunden, in einer trockenen, felsigen Landschaft. Sie sahen aus wie Pfadfinder auf Expedition, man hätte meinen können, sie wären im Urlaub. Die Mädchen stellten keine Fragen, als würden die "Kampfhandlungen" und "Hinterhalte", von denen Zeitungen und Radio berichteten, nicht die Jungen betreffen, sondern Fremde. Sie fanden es selbstverständlich, dass die Jungen ihre Pflicht taten und, so ging jedenfalls das Gerücht, ihre körperlichen Bedürfnisse an einer angepflockten Ziege stillten.

Sie kamen auf Heimaturlaub, brachten Halsketten mit, eine Hand der Fatima, ein Kupfertablett und mussten wieder zurück. Sie sangen "Der Tag, als die Entlassung kam" auf die Melodie von Gilbert Bécauds Der Tag, als der Regen kam . Und als sie dann endlich wieder zu Hause waren, in allen Ecken Frankreichs, mussten sie sich neue Freunde suchen, die nicht im " bled " gewesen waren, die weder von "Fellaghas" noch von "algerischem Pack" sprachen, die vom Krieg unberührt waren. Sie waren desorientiert, stumm. Sie wussten nicht, ob das, was sie getan hatten, gut oder schlecht war, ob sie stolz sein oder sich schämen sollten.

Es gibt kein einziges Foto von ihr aus dem Sommer 1958 .

Nicht einmal von ihrem Geburtstag, dem achtzehnten, den sie dort gefeiert hat, in der Kolonie - die Jüngste von allen Betreuerinnen und Betreuern -, und der auf einen ihrer freien Tage fiel, sodass sie am Nachmittag in die Stadt gehen und ein paar Flaschen Sekt, Löffelbiskuits und Chamoix -Orangenplätzchen kaufen konnte, aber dann schauten nur eine Handvoll Leute in ihrem Zimmer vorbei, um ein Glas zu trinken und etwas zu knabbern, und sie verabschiedeten sich schnell wieder - vielleicht gehörte sie da schon zu denen, die man eher mied, oder zumindest zu denen, für die man sich nicht groß interessierte, schließlich hatte sie weder einen Plattenspieler noch Schallplatten mit in die Kolonie gebracht.

Wer von denen, die im Sommer 1958 im Ferienlager von S im Departement Orne mit

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