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Erlebtes Leben von Binding, Rudolf Georg (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.08.2015
  • Verlag: OTB eBook publishing
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Erlebtes Leben

Rudolf Georg Binding, meist Rudolf G. Binding ( 13. August 1867 in Basel, 4. August 1938 in Starnberg, Bayern) war ein deutscher Schriftsteller. (Auszug aus Wikipedia)

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 185
    Erscheinungsdatum: 11.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783958640306
    Verlag: OTB eBook publishing
    Größe: 361 kBytes
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Erlebtes Leben

Kindliche Odyssee

Das erste Erlebnis, von dem ich weiß und das ich als eigenes bezeichnen darf, war das Erlebnis einer Richtung. Ich saß als kleines Kind auf dem Arm einer Frau, die mich trug, und weiß, daß, wenn sie mit mir aus der Tür eines Hauses ins Freie trat, sie sich nach rechts wendete, um zu einem großen Springbrunnen zu gelangen. Ich konnte damals sicher weder sprechen noch laufen, noch auch sonstwie mich entscheidend verständlich machen. Denn ich erinnere mich ganz genau meiner stillen Spannung, ob die Frau mit mir auf dem Arm die Wendung nach rechts machen würde oder nach links. Ich wartete auf die Wendung nach rechts und auf das Gefühl, das sie in meinem Korper hervorbrachte; denn ich erkannte sie an diesem Gefühl. Doch nahm ich beides, rechts oder links, schweigend hin. Aber nach rechts, das wußte ich eben, ging es zu dem großen Springbrunnen. Wer die Frau war, die mich trug - wahrscheinlich war es meine Mutter -, wie ich bis zur Türe des Hauses gelangte, aus der sie trat, wo das Haus war oder was es bedeutete, was sonst mit mir vorging, davon habe ich nicht die leiseste Vorstellung oder Erinnerung zurückbehalten. Ich bemerkte mich aber sofort und ganz deutlich jedesmal, wenn jene Frau aus dem Haus ins Freie trat, fühlte die Wendung, die sie machte und wußte daraus, ob es zum Springbrunnen ging oder ins Ungewisse, Unbestimmte. Der Springbrunnen spielte sicher mit; er zog mich natürlich an und ich bestaunte ihn. Aber als bleibendes Erlebnis hatte er in mir einen viel geringeren Raum als die Wendung der Frau und das dadurch ausgelöste Gefühl. Das ging mich an; in diesem Vorgang spielte ich selber mit; er erregte mich; ich war in ihn einbezogen, ich erlebte ihn.

Alles, was mir später aus dieser ersten Zeit meines Lebens erzählt wurde - und es war mancherlei -, hatte gar kein Gewicht im Vergleich zu dieser ersten eigenen Erfahrung, die die erste Sicherheit bot. Meine Mutter erzählte mir etwa, ich habe damals, da sie mit mir zu ihrer Erholung einige Wochen auf einem hohen Berg weilte, jeden Abend die untergehende Sonne auszublasen versucht. Ich muß das Spiel eines Sonnenuntergangs also schon haben wahrnehmen können und mich handelnd gegen es gestellt haben. Aber ich habe keine Erinnerung an meine Großtaten. Sie gingen spurlos an mir vorüber wie vieles in der Welt, von dem ich daher eingestehen muß, daß ich es nicht erlebt habe.

Wenn meine Mutter - mein Vater tat es nie - mir später als Knabe, da ich schon hätte fragen können, von meinen ersten Regungen und Streichen erzählte, hörte ich ihr zwar lachend zu, aber ich war traurig, sehnsüchtig und enttäuscht davon berührt, daß sie niemals von dem großen Springbrunnen sprach, den ich bestaunte und wie man zu ihm gelangte. Sie hatte wohl recht, ihn zu vergessen; denn es bestätigte sich zwar - wie sich später herausstellte -, daß man sich rechts wenden mußte, um zu dem Springbrunnen zu gelangen; dieser aber war eben ein ganz gewöhnlicher Springbrunnen und nur für mich war er groß. Ich aber wartete viele Jahre auf die Erwähnung meines ersten Erlebnisses durch meine Mutter wie auf eine Bestätigung meines Lebens. Dann merkte ich, daß es nicht Absicht war, daß vielmehr meiner Mutter mein Erlebnis, obgleich sie es wahrscheinlich täglich eigentlich selbst herbei- und geradezu für mich ausführte, gar nichts bedeutet hatte. Ich hielt es daher nach und nach - wie im Verlauf alle späteren meines Lebens - für unbedeutend und nicht der Rede wert. Ich bewahrte es mit den andern, die ihm folgten, in meinem Innern wie Kindereien und wurde so in bezug auf mich und meine wahren Erlebnisse einer der schweigsamsten und verschlossensten Menschen, die man sich vorstellen konnte. Dies gar nicht aus einer Verstocktheit oder Ablehnung, aus Mangel an Zutrauen zu Menschen oder dem Bedürfnis mich zu verschließen, sondern aus einer frühen Bescheidung und Bescheidenheit. Meine Mutter, so schien es mir, war reizend; viel amüsanter, lieben

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