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Erzähl Dir Zeit Geschichten. von Link, Luise (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.01.2016
  • Verlag: TWENTYSIX
eBook (ePUB)
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Erzähl Dir Zeit

In 'Geschichten', dem ersten Band der Reihe 'Erzähl Dir Zeit', entfaltet Luise Link ein Kaleidoskop unterschiedlicher Genres und Blickwinkel. Vergangenes und Zukünftiges, vor allem aber die Gegenwart, sind Folie der 'erzählten Zeit'. Von Liebe und Eifersucht, vom Glück, von Alter und Tod handeln die Geschichten und Fabeln. Und immer wieder gerät auch Politik und Gesellschaft in den Fokus. Ironie, bildreiche Sprache, Andeutung und Humor - für solches Erzählen ist es wieder höchste Zeit! Luise Link (Jahrgang 1950) hat Anglistik und Gesellschaftslehre studiert und fast vier Jahrzehnte als Lehrerin gearbeitet. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 18.01.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783740717513
    Verlag: TWENTYSIX
    Serie: Erzähl Dir Zeit .1
    Größe: 793kBytes
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Erzähl Dir Zeit

Im Krug

E r hatte, seit er die Autobahn verlassen hatte, nur zwei entdeckt. Eine "Dorfschänke" in Eschbach, einen "Alten Krug" in Mühlental. Früher hatte es in jedem kleinen Ort mindestens ein Gasthaus gegeben.

München, Frankfurt, Marburg, die kleinen hessischen Dörfer an der Lahn und jetzt die dunklen Fichtenwälder des Rothaargebirges. Stationen dieser Reise, seines Lebens, der Vergangenheit.

Wenn Mamas Beerdigung nicht gewesen wäre, wenn Mama noch leben würde, dann hätte er Tante Doris weiter vergessen. Mama hatte verfügt, dass nach ihrer Einäscherung die Personen auf der Liste von ihrem Tod zu unterrichten seien. An erster Stelle war Tante Doris' Namen vermerkt, Mamas ältere Schwester. Den Kontakt zu ihrer Familie hatte Mama schon viele Jahre nicht mehr gepflegt.

"Freunde kann man sich aussuchen, Verwandte nicht."

Immer war das nicht ihre Haltung gewesen. In seiner Kindheit hatte er die Ferien oft bei Tante Doris verbracht, wenn Mama mal wieder auf Geschäftsreise gehen musste.

"Tante Doris muss sowieso zu Hause bleiben, die störst du nicht."

Der Kontrast zwischen den beiden Schwestern war ihm schon damals aufgefallen. Onkel Fritz hatte ihm eines Tages die richtigen Worte verliehen.

"Deine Mama ist elegant und eloquent, deine Tante kann kochen."

Während sie am Tisch in der Gaststube saßen und auf das Mittagessen warteten, hatte Onkel Fritz das gesagt. Es dauerte lange, bis Tante Doris das Essen auftrug. Ein bisschen merkwürdig hatte sie ausgesehen und die ganze Zeit geschwiegen.

"Ich danke dir für deine Nachricht. Komm doch mal vorbei, ich würde mich freuen."

Er hatte Tante Doris' Zeilen mehrere Wochen unbeantwortet gelassen. Sie hatte keine Telefonnummer angegeben, unter der man sie erreichen konnte, im Netz waren kein Spuren von ihr zu finden. Vor einigen Tagen hatte er ihr dann einen Brief geschrieben und sein Kommen für heute angekündigt.

Sein Gewissen belastete ihn. Wie alle anderen der Familie auch, hatte er Tante Doris nach ihrer Scheidung von Onkel Fritz fallen gelassen. In seinem Falle war das Wort "vergessen" vielleicht zutreffender. Niemand hatte Tante Doris' Entscheidung verstanden, Tante Doris selbst blieb jede Erklärung schuldig. Sie schwieg einfach.

"Sie konnte doch froh sein, dass sie überhaupt noch einen abbekommen hat. Und dann noch so einen stattlichen und schlauen, das hatte ihr niemand zugetraut."

Mama vor allem, aber auch jeder andere in der Familie liebte Onkel Fritz. Er und Mama hatten sich immer blendend verstanden.

"Wenn ich ihn nicht hätte, ich wüsste nicht, was ich anfangen sollte."

Mama, die unabhängige Geschäftsfrau, alleinstehend, alleinverantwortlich. Mit einem Kind, dessen Vater sie nicht preisgab. Wie oft hatte er sie angefleht, ihm endlich die Wahrheit zu sagen.

"Halte dich an Onkel Fritz, du brauchst keinen Vater."

Wie sich Tante Doris wohl verändert hatte? Vor zwanzig Jahren war sie stattlich gewesen.

"Vollschlank, nicht voll schlank."

Vor Mamas Hohn und Spott war niemand sicher.

Es begann schon zu dunkeln, als er vor der Gaststätte, die vor so vielen Jahren und für so viele Sommer sein Zuhause gewesen war, anhielt.

Der geteerte schmale Platz vor dem Haus war an zahlreichen Stellen von Unkraut überwuchert. Er parkte den Wagen und ging zu der schweren hölzernen, mit kleinen Scheiben verglasten Tür, die über lange Jahrzehnte die Gäste empfangen und verabschiedet hatte. Sie stammte noch aus den Zeiten, in denen der Großvater die Schänke betrieben hatte. Ein paar der Scheiben waren gerissen. Der Klingelknopf, der sich links neben der Tür an der Wand befunden hatte, war mit einer Pappe überklebt:

"Klingel defekt. Bitte Nebeneingang benutzen."

Das große Fenster rechts neben der Eingangstür hatte man mit Sperrholz zugenagelt. Von den grünen Butzenscheiben war nichts mehr zu sehe

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