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Es gab keinen Sex im Sozialismus Legenden und Missverständnisse des vorigen Jahrhunderts von Kaminer, Wladimir (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.10.2012
  • Verlag: Random House E-Books
eBook (ePUB)
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Es gab keinen Sex im Sozialismus

Good bye, Lenin - hier kommt der Sozialismus, wie Wladimir Kaminer ihn sieht
Mit hintergründigem Witz und ironischem Augenzwinkern erzählt Wladimir Kaminer Geschichten aus seiner untergegangenen Heimat, der Sowjetunion. Es ist ein Land voller Überraschungen und Abenteuer, vom Kauf eines Neuwagens über die lebensgefährlichen Feierlichkeiten am Tag der Kosmonautik bis zur täglichen Schnäppchenjagd. Besonders günstig waren in der UdSSR übrigens nicht nur Brillen, Streichinstrumente und Nasentropfen, sondern auch Steppenschildkröten aus Kasachstan. All das und noch viel mehr erfährt der Leser in diesen hinreißend komischen neuen Geschichten von Deutschlands Lieblingsautor Wladimir Kaminer.
Originalausgabe mit 30 brandneuen, liebevoll illustrierten Geschichten.

Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Seit 1990 lebt er mit seiner Frau und inzwischen erwachsenen Kindern in Berlin. Mit seiner Erzählsammlung "Russendisko" sowie zahlreichen weiteren Bestsellern avancierte er zu einem der beliebtesten und gefragtesten Autoren Deutschlands.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 30.10.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641098025
    Verlag: Random House E-Books
    Serie: Manhattan
    Größe: 1608 kBytes
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Es gab keinen Sex im Sozialismus

Die rasenden Russen

"Welcher Russe mag das schnelle Fahren nicht?" Die darauf folgende pathetische Abhandlung in dem Roman Tote Seelen des russischen Schriftstellers Nikolai Gogol mussten wir als Kinder in der Schule auswendig lernen. Der Schriftsteller verglich darin den Geist Russlands mit einer rasenden Pferdekutsche, die ohne Ziel und Zweck die Schneewüste in Richtung Horizont durchquert.

Wie kam diese anarchistische Sichtweise in unser sowjetisches Schulprogramm? Offiziell galt doch, dass die Große Oktoberrevolution Russland ein klares Ziel vorgegeben hatte: den Aufbau des Sozialismus. Gogol wollte in seinem Werk angeblich bloß die ungerechten Lebensbedingungen unter der Monarchie geißeln. Der Held des Romans, ein Angeber, zieht durch die russischen Dörfer und kauft den ahnungslosen Gutsbesitzern ihre vor kurzem verstorbenen, aber noch als lebend geführten Bauern für ein paar Groschen ab, um diese "tote Seelen" bei einer Kreditbank als Sicherheit zu hinterlegen. Die ganze Sache muss schnell über die Bühne gehen, bevor die Bank oder die Behörden Wind davon bekommen, deswegen rast der Held in seiner Pferdekutsche mit so hoher Geschwindigkeit durch Russland. Wobei der Gogol die Kutsche mit ganz Russland gleichsetzt.

"O meine Heimat, wohin rast Du? Gib mir eine Antwort!, rufe ich. Doch die Heimat schweigt!", schrieb er 1840. Hundertfünfzig Jahre später mussten wir über diesen Vergleich leise schmunzeln. Denn das uns bekannte Russland ähnelte am allerwenigsten einer wild dahinrasenden Kutsche. Die Zeit der Pferdestärken war lange vorbei und die Zeit der Pkw noch nicht wirklich gekommen.

Verkehrstechnisch war Russland in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts ein Fußgängerparadies. Selbst in Moskau konnte man an jeder Kreuzung mit geschlossenen Augen bei Rot über die Straße gehen. Die Chance, überfahren zu werden, war nicht größer, als ein Auto im Lotto zu gewinnen. Der billigste sowjetische Pkw kostete so viel, wie ein Ingenieur in drei Jahren verdiente. Und die Lebenserwartung im Sozialismus war niedriger als in Afrika. Es gab kaum eine gesetzliche Möglichkeit, so viel Geld innerhalb einer solchen kurzen Lebenszeit zu verdienen, abgesehen von drei Ausnahmen.

Die erste Ausnahme war das "Sportlotto". Wer von neunundvierzig Zahlen sechs richtig erriet, bekam ein Auto. Die zweite Ausnahme war ein Fünfjahresvertrag zur Eroberung Sibiriens mit Zielsparbuch. Wer diesen Vertrag abschloss, musste fünf Jahre lang auf den Baustellen der längsten Eisenbahnstrecke der Welt ackern, der Baikal-Amur-Magistrale, kurz BAM. Dafür bekam er nach der Beendigung der Frist eine Wohnung oder ein Auto. Drittens konnte ein Autoliebhaber eine Parteikarriere starten. Mit etwas Glück würde er dann irgendwann einen schwarzen Wolga-Dienstwagen mit eigenem Fahrer zugeteilt bekommen. Man konnte notfalls auch eine reiche KGB-Witwe heiraten oder die Tochter eines Mitglieds des Politbüros. Doch diese Wege waren ausgesprochen schwierig und gehörten eher in den Bereich der Theorie.

Die normale sowjetische Praxis sah anders aus: Um im Lotto zu gewinnen, brauchte man jede Menge Glück, beim Bau der Baikal-Amur-Magistrale fror einem schnell die Nase ab, und die reichen KGB-Witwen liefen einem auch nicht jeden Tag über den Weg. Deswegen bildeten die Autofahrer in der Sowjetunion eine eigene Kaste. Es waren geheimnisvolle Leute, die, jeder auf seine Art, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatten und deswegen zur Strafe dem Neid und der Schadenfreude ihren autolosen Nachbarn ausgesetzt waren. Ihr Leben gestaltete sich wesentlich komplizierter als das der Fußgänger. Im Alltag mussten Autofahrer eine Stunde früher aufstehen als Fußgänger, um ihre Ladas und Moskwitschs für die Fahrt vorzubereiten. Am Wochenende, wenn die ganze zivilisierte Welt zu Hause vor dem Fernseher saß, mit Freunden in der Sauna abhing oder mit anderen zusammen ins Kino ging, lagen die Autofahrer unter ih

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