text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Es war einmal in Italien Roman von Di Fulvio, Luca (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.10.2020
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
11,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Es war einmal in Italien

In Rom setzen drei Menschen für einen großen Traum alles aufs Spiel: Ein Waisenjunge, der mit seiner Kamera den Blick auf die Welt verändern will. Ein Zirkusmädchen, das für die Politik brennt. Eine Gräfin, die anderen die Freiheit schenkt. Drei Menschen, die das Schicksal im Jahr 1870 nach Rom führt, das pulsierende Herzstück Italiens auf dem Weg zum Nationalstaat. Inmitten dieser Stadt der Verheißungen kreuzen sich ihre Wege, und ihre Träume scheinen wie durch ein magisches Band miteinander verwoben. Doch das schillernde Rom stellt die drei vor ungeahnte Herausforderungen. Als eines Tages ein dramatisches Ereignis die Ewige Stadt erschüttert, drohen sie alles zu verlieren, was ihnen kostbar ist ...

Luca Di Fulvio, geb. 1957, lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Rom. Bevor er sich dem Schreiben widmete, studierte er Dramaturgie bei Andrea Camilleri an der Accademia Nazionale d'Arte Drammatica Silvio D'Amico. Seine Vorgängerromane standen auf den ersten Plätzen der Spiegel-Bestsellerliste.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 716
    Erscheinungsdatum: 12.10.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732594740
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 1998 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Es war einmal in Italien

1

5. März 1870

Königreich Italien - Olengo, Provinz Novara

Eine elendige Schar. Verwahrlost. Mager. Erbärmlich. Ausgemergelte, wachsfarbene Gesichter. Quaddeln an Wangen, Händen und Füßen, die von Heerscharen an Bettwanzen in ihren Lagern zeugten.

Alle trugen das Gleiche, eine verschlissene, mit unzähligen Flicken versehene Uniform. Wären sie nicht so jung, hätte man ihnen nicht mehr viel Zeit auf Erden vorausgesagt. Aber sie waren zwischen vier und siebzehn Jahre alt. Einhundert heruntergekommene, elendige Jungen, aufgereiht am morastigen Hofrand des Königlichen Waisenhauses Erzengel San Michele in Olengo, schwach auf der Lunge und zitternd vor Kälte, Hunger und an diesem Tag auch Aufregung.

Tief über ihnen lastete der Himmel drohend wie ein Fluch, von so dichtem Grau, dass man ihn hätte in Scheiben schneiden können. Ein Gewicht, viel zu schwer, um es je wieder abstreifen zu können.

Aber einer von ihnen würde heute das große Los ziehen.

Und deshalb murmelten sie alle eine endlose Litanei, bewegten die rissigen Lippen zu einem Wiegenlied ohne Hoffnung, einem Gebet ohne Glauben. Teilnahmslos, wie nur die sind, in deren Welt das Wort »Glück« keine Bedeutung hat, wandten sie sich flüsternd an einen Gott, der noch nie etwas für sie getan hatte: »Mach, dass ich es bin ... mach, dass ich es bin ... mach, dass ich es bin ...«

Mach, dass ich der Eine bin.

Am Hofeingang, wo träge die Trikolore des frisch gegründeten Königreichs Italien im Wind flatterte, erschien eine vornehme Dame um die dreißig: die Contessa Silvia di Boccamara, diesen Namen kannten sie alle.

Bei ihrem Anblick hielten die Jungen in ihrem Gebet kurz inne, um es dann noch inbrünstiger fortzusetzen: »Mach, dass ich es bin ...«

Hinter ihr tauchte ihr Mann auf, Ippolito Odìn. Er war etwa vierzig Jahre alt und äußerst wohlhabend. Neben ihm lief unterwürfig der Direktor der Einrichtung, gefolgt von drei schwarz gekleideten korpulenten Frauen. Eine von ihnen war die Frau des Direktors, die anderen beiden waren Vinzentinerinnen aus der Basilica San Gaudenzio in Novara - Schwestern der Genossenschaft der Töchter der christlichen Liebe vom heiligen Vinzenz von Paul.

Die Jungen versuchten, einen Blick auf die heranschreitende Contessa zu erhaschen, worauf die unbarmherzigen Erzieher ihre Weidenpeitschen knallen ließen, um sie in Reih und Glied zu halten.

Nur einer von ihnen reckte nicht den Hals, sondern blickte starr vor sich hin und fuhr in seiner Litanei fort, die Hände so fest zu Fäusten geballt, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Er zählte gut sechzehn Jahre, und sein Gebet war nicht wie das der anderen. Denn er wandte sich nicht an Gott. In seinem Kopf sprach er direkt zur Contessa, denn sie war der einzige Gott an diesem Tag: »Nimm mich ... nimm mich ... nimm mich ...«

Die Contessa schritt an den aufgereihten Waisen vorbei, ohne auf ihre Seidenschuhe oder den Saum ihres Kleides zu achten. Sie sah jeden einzeln an, kurz und konzentriert - dann ging sie zügig weiter, und die Zurückgelassenen waren aussortiert.

Als sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war, dachte der Junge noch flehentlicher: Nimm mich ... nimm mich ... nimm mich ...

Die Contessa sah den Jungen neben ihm an. Unmerklich schüttelte sie den Kopf und ging einen Schritt weiter.

Kurz bevor sie ihn ansah, bereute der Junge inständig, sich nicht ordentlich gekämmt zu haben, er hasste die widerspenstige blonde Strähne, die ihm immerzu ins Gesicht fiel. Er bereute, sich nicht das Gesicht gewaschen zu haben, aber auch an diesem Morgen war das Wasser eisig gewesen, und so klebte auf seiner linken Wange ein nunmehr getrockneter Schmutzfleck wie eine Kruste. Er schämte sich für die Jacke und die graue Hose, beide ausgebeult und verschlissen, zusammengenäht aus d

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen