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Eva Luna Roman von Allende, Isabel (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.07.2015
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Eva Luna

Die drei Romane markieren Etappen meines Lebens. Das Geisterhaus war Bewältigung meiner Erinnerung. Von Liebe und Schatten nahm mir meinen Haß und meine Wut. Eva Luna ist ein fröhliches Buch. Isabel Allende

Isabel Allende, 1942 in Chile geboren, ging nach Pinochets Militärputsch 1973 ins Exil. Die Erinnerungen ihrer Familie, die untrennbar mit der Geschichte ihres Landes verwoben sind, verarbeitete sie in dem Weltbestseller Das Geisterhaus . Allende zählt zu den meistgelesenen Autorinnen weltweit, ihr gesamtes Werk erscheint auf Deutsch im Suhrkamp Verlag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 400
    Erscheinungsdatum: 06.07.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518743577
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Eva Luna
    Größe: 1714 kBytes
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Eva Luna

Zwei

Acht Jahre bevor ich geboren wurde, am selben Tag, da der Wohltäter wie ein unschuldiger Großvater in seinem Bette starb, kam in einer österreichischen Kleinstadt ein Junge zur Welt, der Rolf genannt wurde. Er war der jüngste Sohn von Lukas Carlé, dem gefürchtetsten Lehrer des dortigen Gymnasiums.

Körperliche Züchtigung war Teil der schulischen Erziehung, Wissen muß eingebläut werden, behaupteten Volksweisheit und Schulsystem, und kein vernünftiger Vater hätte gegen dieses Mittel Einspruch erhoben. Als aber Carlé einem Jungen die Hände brach, verbot ihm der Direktor den Gebrauch des Rohrstocks, denn es war offenkundig, daß er, wenn er zu schlagen anfing, die Kontrolle über sich verlor. Um sich zu rächen, verfolgten die Schüler seinen Sohn Jochen, und wenn sie ihn erwischten, prügelten sie ihn durch. Das Kind wuchs in Ängsten auf, floh vor den Jungenbanden, leugnete seinen Nachnamen, versteckte sich, als wäre er der Sohn eines Henkers.

Lukas Carlé herrschte in seinem Heim nach demselben Gesetz der Furcht, das er in der Schule vertrat. Mit seiner Frau verband ihn eine Zweckehe, die Liebe kam in seinen Plänen nicht vor, sie konnte allenfalls in der Literatur oder der Musik geduldet werden, war aber gänzlich unpassend für das Alltagsleben. Die beiden hatten geheiratet, ohne sich vorher näher kennenzulernen, und sie haßte ihn von der Hochzeitsnacht an. Für Carlé war seine Frau eine minderwertige Kreatur, den Tieren näher als dem Mann, dem einzigen intelligenten Wesen der Schöpfung.

Als er seinerzeit, durch den Ersten Weltkrieg aus seinem Heimatort vertrieben, nach langer Wanderung in die Stadt gekommen war, war er fünfundzwanzig Jahre alt, hatte ein Lehrerdiplom in der Tasche und so viel Geld, um eine Woche zu überleben. So suchte er sich erst einmal Arbeit und dann eine Ehefrau, und er wählte die seine, weil ihm der Ausdruck von Furcht gefiel, der plötzlich in ihre Augen trat, und ihrer breiten Hüften wegen, die ihm eine notwendige Bedingung schienen, damit sie Söhne gebären und die schweren Hausarbeiten bewältigen konnte. Sein Entschluß wurde auch bestimmt durch zwei Hektar Land, ein halbes Dutzend Vieh und eine kleine Rente, die das junge Mädchen von ihrem Vater geerbt hatte. All das ging in seine Tasche, er war ja der rechtmäßige Verwalter der ehelichen Güter.

Lukas Carlé hatte eine Schwäche für Damenschuhe mit sehr hohen Absätzen, und am liebsten mochte er sie aus rotem Lackleder. Bei seinen Fahrten in die Kreisstadt bezahlte er eine Prostituierte dafür, daß sie nackt vor ihm auf und ab ging, nur dieses unbequeme Schuhwerk an den Füßen, während er in Hut und Mantel auf einem Stuhl saß wie ein hoher Würdenträger und zu unbeschreiblichem Genuß gelangte angesichts dieser Hinterbacken - möglichst üppig, weiß, mit Grübchen -, die bei jedem Schritt schaukelten und wippten. Selbstverständlich rührte er das Mädchen nicht an. Das tat er niemals, bei aller Begierde hielt er es mit der Hygiene. Da seine Mittel ihm nicht erlaubten, sich diesen Freuden mit der wünschenswerten Häufigkeit hinzugeben, kaufte er ein Paar leichtfertige französische Stiefelchen, die er im unzugänglichsten Winkel des Schrankes versteckt hielt. Von Zeit zu Zeit schloß er seine Kinder in ihrem Zimmer ein, stellte das Grammophon auf volle Lautstärke und rief seine Frau. Sie hatte seit langem gelernt, die Stimmungswechsel in ihrem Ehemann zu erkennen, und ahnte, noch ehe er selbst es wußte, wann ihn das Gelüst ankam, über sie herzufallen. Dann zitterte sie schon im vorhinein, und wenn sie seinen Ruf hörte, glitt ihr alles aus den Händen.

Carlé duldete keinen Lärm im Haus, "ich habe durch die Jungen in der Schule schon genug auszustehen", sagte er. Seine Kinder lernten, in seiner Gegenwart weder zu lachen noch zu weinen, sich wie Schatten zu bewegen und im Flüsterton zu sprechen, und so viel Geschick entwickelten sie darin, unbemerkt zu kommen und zu gehen, daß ihre M

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