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Exerzierplatz Roman von Lenz, Siegfried (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.10.2012
  • Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
eBook (ePUB)
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Exerzierplatz

Die Geschichte einer Familie 'aus dem Osten' wird in diesem Roman ohne aufdringliches Symbolisieren zum Spiegelbild der Nachkriegsgeschichte unserer Gesellschaft. Ein ehemaliger Exerzierplatz, auf dem einst Angriff, Abwehr und Rückzug geprobt wurden, wandelt sich zu einer blühenden Baum- und Pflanzschule, zum Schauplatz von Neubeginn und gewagter Lebensgründung. Doch nach vollbrachter Leistung folgt der Abstieg: Die Kräfte des Gründers lassen nach, die Familie zerfällt, unabweisbar stellt sich die Frage nach dem Wert eines Lebens unter dem Vorzeichen drohender Entmündigung. Diese E-Book-Ausgabe von 'Exerzierplatz' wird durch zusätzliches Material zu Leben und Werk Siegfried Lenz' ergänzt. Siegfried Lenz (1926 - 2014) zählt zu den bedeutenden und meistgelesenen Schriftstellern der deutschen Literatur. Für seine Bücher wurde er mit vielen wichtigen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und mit dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2009. Seit 1951 veröffentlichte er alle seine Romane, Erzählungen, Essays und Bühnenwerke im Hoffmann und Campe Verlag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 644
    Erscheinungsdatum: 04.10.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783455810851
    Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
    Größe: 2066 kBytes
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Exerzierplatz

Exerzierplatz

Sie haben ihn entmündigt. Ich weiß nicht, was das bedeutet, aber Magda hat gesagt, daß sie ihm einen Vormund bestellt haben, ihm, der eine Million Bäume und Pflanzen besitzt, die er wie kein anderer zum Wachsen bringt, hier, in den milden Ostseewinden. Solange ich denken kann, hat er dafür gesorgt, daß ich zu essen bekam, und er hat es bestimmt gewußt – wenn nicht sogar befürwortet –, daß Magda mir oft spät in der Dunkelheit Reste aus der Küche brachte, Brotenden und Wurst- und Käsescheiben für den Nachthunger. Er hat alles über mich gewußt, nicht nur über meinen ewigen Hunger, und vermutlich empfand er soviel für mich, daß er mich einmal seinen Freund genannt hat, seinen einzigen Freund; das war, als er mir die Aufsicht über alle Messer und Scheren anvertraute, über die schönen Okulier- und Stecklingsmesser, über die Schnelläugler und Schwunghippen. Wenn ich's richtig bedenke, Bruno, hat er damals gesagt, bist du mein einziger Freund. Danach hat er sich hingesetzt, in unserem alten kleinen Geräteschuppen, den er für mich zur Wohnung hat ausbauen und mit Sicherheitsschlössern versehen lassen, hat sich hingesetzt und mich lange grüblerisch angesehen.

Wenn Magda nicht gesagt hätte, daß sie ihn entmündigt haben, hätte ich mir gewisse Veränderungen gar nicht erklären können, jetzt aber weiß ich, woher sein besserwisserisches Lächeln kommt und die Mattigkeit und diese Scheu, die ich nie zuvor an ihm festgestellt habe. Er ertappte mich, als ich in der Abenddämmerung die jungen Nadeln aus den Fichten riß und aus ihrem harzigen Ende die Süße saugte, die den Hunger besänftigt und gegen die Gicht schützt. Früher hätte er sich erregt und wäre rot angelaufen unter seinem struppigen Stoppelhaar, jetzt aber lächelte er nur besserwisserisch und blickte auf seinen Hund hinab, scheu, als riskierte er nicht, mich zur Rede zu stellen. Ach, Bruno, sagte er, und das war schon alles. Da beeilte ich mich, zu dem neuen Geräteschuppen zu kommen, um noch vor der Dunkelheit die Rillenscheibe zu reinigen und vielleicht auch noch die Zapfegge und die Pflüge.

Bei Dunkelheit bin ich am liebsten bei mir zuhause, liege auf meinem Lager oder sitze auf dem braunen Sessel, den der Chef mir vor vielen Jahren geschenkt hat, zur Belohnung für einen Dienst, den ich ihm erwiesen haben soll. Licht mache ich selten, auf die beiden Sicherheitsschlösser kann ich mich verlassen. Die Quartiere der Jungpflanzen, die endlosen Spaliere der Koniferen und Buschbäume liegen dann verlassen da, alle Kulturen scheinen sich zu ducken in Erwartung des Hakenmannes, den ich so oft im Traum gesehen habe; es ist ein kleiner, barfüßiger Mann mit einem Haken, der still durch unsere Pflanzungen geht und nach einem Plan, den nur er kennt, die jungen Stämme knickt. Meist warte ich bis zum Pfeifen der Lokomotive, die weit hinter unserer Baumschule einen Zug durch hügeliges Land schleppt, nach Schleswig, und ich nehme mir dann vor, eines Tages auch aufzubrechen, um eine Stadt kennenzulernen.

In besserer Zeit brachte Magda mir Brötchen und Schinkenscheiben, die als angetrocknet galten; obwohl ich beobachten konnte, wie Magdas Schatten sich vom großen Haus löste, ließ ich sie siebenmal klopfen und öffnete erst, nachdem sie sich am Fenster gezeigt hatte. Es hat ihr Freude bereitet, mir beim Essen zuzusehen, und sie hat mich bewundert, wie schnell ich mit allem fertig wurde. Wie oft hat sie danach meine offene Hand unters Licht gezogen, um in den Linien zu lesen, doch an einer bestimmten Stelle seufzte sie immer und schüttelte ärgerlich den Kopf, weil da angeblich e

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