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Fahrtenbuch Roman eines Autos von Maak, Niklas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.08.2011
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Fahrtenbuch

Auf einem Schrottplatz liegt das Wrack eines Mercedes 350 SL, Baujahr 1971. 350.000 Kilometer ist das Auto laut Tacho in vierzig Jahren gefahren, zehn Besitzer verzeichnet der Fahrzeugbrief. Ein Arzt fuhr ihn und ein italienischer Einwanderer, eine Studentin, ein junger Türke und ein gescheiterter Manager - Menschen, die sich nie kennenlernten, die nur der große Mercedes verband, der ihr Leben ändern sollte. Niklas Maak erzählt die Geschichte der zehn Fahrerinnen und Fahrer und zugleich auch die Geschichte von vier Jahrzehnten Bundesrepublik: die Geschichte eines Landes, seiner Träume und Abgründe. Niklas Maak, 1972 in Hamburg geboren, studierte in Hamburg und Paris Kunstgeschichte, Philosophie und Architektur. Seit 2001 ist er Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Kunst und Architektur. Daneben unterrichtete er als Gastprofessor für Architekturgeschichte an der Städelschule in Frankfurt am Main und Harvard. Für seine Arbeit erhielt er den George-F.-Kennan-Preis, 2012 den Henri-Nannen-Preis, den COR-Preis 2014, den BDA-Preis für Architekturkritik 2015 und den HBS-Kritikerpreis 2017. Im Carl Hanser Verlag erschienen: Der Architekt am Strand (2010), Fahrtenbuch. Roman eines Autos (2011), Wohnkomplex. Warum wir andere Häuser brauchen (2014), Atlas der seltsamen Häuser und ihrer Bewohner (2016) und Durch Manhattan (2017, mit Leanne Shapton).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 368
    Erscheinungsdatum: 29.08.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446238336
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 2029 kBytes
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Fahrtenbuch

" 2001 Die Mitte (S. 251-252)

Kilometerstand 238.874

"Ich soll Ihnen etwas über Marie Bergsson erzählen? Ich kannte sie eigentlich kaum. Ich habe sie nur ein paarmal gesehen.""Sie waren der letzte, der sie gesehen hat.""Das ist fast zehn Jahre her.""Acht." "Also gut, ich erzähle es Ihnen." Er wusste nicht viel über Marie Bergsson. Sie wohnte damals in der Tucholskystraße, in einer renovierten Altbauwohnung mit Blick auf die Polizeiabsperrungen vor dem Café Beth. Womit sie ihr Geld verdiente, wusste niemand, vielleicht hatte sie welches geerbt; an den Wochenenden habe sie als Sprecherin für einen privaten Radiosender gearbeitet – jedenfalls bis zu jenem Tag, als morgens um fünf ihr Telefon klingelte.

Es war ein Sonntag, sie war gerade ins Bett gegangen und hatte sehr viel getrunken, und als sie schon fast schlief und bestimmt nicht mehr ans Telefon gehen konnte, war ihr Anrufbeantworter angesprungen, und sie hatte von fern ihre eigene, rauchige Stimme vernommen, die verkündete, sie sei leider nicht da. Dann hatte sie, wie ein gedämpftes, unwirkliches Echo, die metallische Stimme des Redakteurs gehört: Ob sie verrückt sei, sie müsse gleich moderieren, wo sie denn stecke ... er habe es satt, dass er immer auf den letzten Drücker ... man müsse sich einmal grundsätzlich unterhalten ... ob sie jetzt bitte sofort ...

Woraufhin sie drei Aspirin genommen und eine vom Samstag übriggebliebene halbvolle Kanne kalten Espresso getrunken hatte, mit dem Mercedes zum Sender gerast war und, wie sie fand, die Nachrichten den Umständen entsprechend unauffällig bis gut verlesen hatte. Das sah man im Funkhaus anders.

Man hatte es schon öfter erlebt, dass Marie Bergsson im letzten Moment mit rotem Kopf ins Studio stürzte, atemlos keuchend ihren Mantel direkt neben das Mikrofon warf und man (jedenfalls bildete sich der Tontechniker das ein) ihr Herz schlagen hörte, während sie die Nachrichten verlas, was man jedoch nicht merkte, weil die Nachrichten ohnehin von einem Herzschlagton und diversen strukturierenden Scheppergeräuschen unterlegt waren. Aber im Sender wurde geredet, dass sie zu viel trinke, und diesmal war es schlimm. Sie beugte sich wie immer über das Blatt Papier und begann zu sprechen; sie hatte wie immer ihre sehr"

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