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Farida von Kattan, Naim (eBook)

  • Verlag: Verlag Hans Schiler
eBook (ePUB)
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Farida

Die Ermordung von Sasson Karkouli stürzt die jüdische Gemeinde im Bagdad der dreißiger Jahre in tiefe Ratlosigkeit. Eine politische Tat? Karkoulis Freund und Partner Salim Abdullah wird verhaftet und verurteilt. Kann Farida, die Frau, die er liebt, die Jüdin und die vergötterte Sängerin des Irak, Geliebte des Machtmenschen Jawad Hachem, ihn retten? Kattans Roman wirft nicht nur durch seine Protagonistin Licht auf die vergessene Geschichte irakischer Juden, der Autor selbst zählt zu den führenden Vertretern jüdisch-arabischer Literatur.

Produktinformationen

    Größe: 241kBytes
    Herausgeber: Verlag Hans Schiler
    Sprache: Deutsch
    Seitenanzahl: 240
    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    ISBN: 9783899303018
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Farida

S. (70-71)

Farida erschien allein im Malha. Salim hatte versprochen, im Zuschauer­,raum zu sein. Das Orchester bot jedem einzelnen Musiker Gelegenheit, seine virtuo­,sen improvisatorischen Fähigkeiten zu demonstrieren. Zuerst kam der Ud-, dann der Kanun- und der Nayspieler und zuletzt der Geiger, Sami. Salim bestellte einen Viertelliter Arrak und sah sich eingehend das Publikum an. Kein Jude hier", dachte er. Dabei gab es sicher welche, die aber ohne wei­,teres für Muslime gehalten werden konnten.

Er sah Armeeangehörige, Scheichs, Beamte... Sie sa-ßen zu dritt, zu viert, oft auch nur zu zweit an ih­,ren Tischen und tranken Arrak. Sie redeten laut miteinander und lachten or­,dinär. Salim war unbehaglich in dieser Umgebung. Er hätte Sasson auffor­,dern sollen mitzukommen, dachte er. Aber dann hätten sie die Angelegen­,heit Najiah erklären müssen, die ihrer Mutter davon berichtet hätte, die wiederum Naji von der Sache erzählt hätte... eine unendliche Geschichte. Er trank schnell, sein Gesicht glühte. Er fürchtete, das Fieber könne zu­,rückkommen, und versuchte, sich zu beruhigen. Er war hier auf fremdem Terrain. Kein einziges bekanntes Gesicht. Jeden Tag kam er an diesem Eta­,blissement vorbei, und doch war er der Eindringling, der Fremde.

Anton sagte den neuen Star an, die große Entdeckung des Malha "Al Zawraa". Farida erschien in einem langen, schwarzen Kleid, dessen Wir­,kung durch aufgestickte Pailletten an den ärmeln und am Halsausschnitt noch gesteigert wurde. Sie war ungeschminkt und blickte ernst drein, deutete dann aber ein Lächeln an. Sie kam ihm groß vor, schien die gesamte Bühne auszufüllen und sorgte so dafür, dass im Zuschauerraum rasch Ruhe ein­,kehrte. Den aufbrandenden Beifall quittierte sie mit einem Kopfnicken, dann wartete sie, bis das Orchester langsamer spielte, und begann mit ihren Improvisationen. "Ya laili, ya aini." Man vernahm die leise, aber feste Stim­,me, die sicher gesungene Melodie, die zuerst einfachen, dann komplizierter werdenden Modulationen, die den Vortrag lebendiger werden ließen, bis der Funke auf den Zuschauerraum übersprang. Salim vergaß das Publikum.

Ein Zuhörer unter vielen, hing er an den Lippen dieser Frau, die er wie zum ersten Mal entdeckte. Er liebte sie. Die Stimme wurde lauter, ließ dann wie­,der dem Orchester den Vortritt, kehrte flü-sternd und dunkel raunend zu­,rück, um dann erneut anzuschwellen. Im Zuschauerraum war es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Ab und an nur der kurze, aber rasch wieder verstummende Laut einer Stimme. Eine kleine Pause vor dem eigentlichen Lied. Das Ende des alle Kräfte fordernden Improvisierens, das strengeren Regeln gehorchte als irgendein Lied, verlangte das ganze Können der Künstlerin. Stürmischer Beifall brandete auf. Salim sah sich im Zuschauerraum um. Alle diese Augen, alle diese Män­,ner, die ihr Entzücken und ihre Dankbarkeit hinausschrien und die, kaum dass sie sich wieder beruhigt hatten, am liebsten von Farida Besitz ergriffen, sich ihrer bemächtigt hätten.

Dass er hier war, kümmerte niemanden, und keiner ahnte etwas von der Verbindung, die zwischen ihnen bestand. Er glaubte, Farida habe ihm einen Blick zugeworfen. Diese flüchtig lächelnde schwarze Gestalt war seine Frau. In ein oder zwei Stunden würde sie, ihres Kleides entledigt, ein zarter, fest an ihn geschmiegter Körper sein, der Be­,gierde hervorrief und Liebe forderte. Er war der Einzige unter all diesen Männern, der ihre Hautfarbe, ihren Duft und jene andere Musik kannte, die von ihr kam: das Keuchen der Lust und die leidenschaftlich gestammelten Liebesworte. Eindringlinge, Vollidioten, die verlangten, dass sich die Sänge­,rin an ihren Tisch setzte. Schwachköpfe. Diese Frau war nicht käuflich. Sie war verheiratet... Sie hatte einen Mann. Nur einen. Und zugleich hätte Sa­,lim am liebsten laut Nein geschrien und gesagt, dass nicht er das war, das

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