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Fast schon kriminell Geschichten aus dem Alltag. von März, Ursula (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.08.2011
  • Verlag: Hanser
eBook (ePUB)
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Fast schon kriminell

Oft ist es nur ein kleiner Moment, der den Alltag plötzlich aus dem Gleis springen lässt. Wie bei dem Sparkassenangestellten, der eines Freitagnachmittags einfach so mit 3,2 Millionen Mark davongeht. Ursula März erzählt Geschichten von großen und kleinen Verbrechen, von kaltblütigen Betrügern und ungeschickten Mördern. Es sind ungeheuerliche Geschichten über menschliche Ausnahmesituationen, inspiriert vom wahren Leben und zugleich von großer literarischer Kraft. Einmal mehr offenbart die Autorin, wie schmal der Grat zwischen Normalität und Brutalität ist - und wie stark ein Verbrechen von absurden Zufällen abhängen kann.

Ursula März, geboren 1957, studierte Germanistik und Philosophie in Köln. Seit 2006 ist sie feste Mitarbeiterin der ZEIT. Sie lebt in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 29.08.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446238381
    Verlag: Hanser
    Größe: 966kBytes
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Fast schon kriminell

" SYMBIOSE (S. 107-108)

Ihr Zuhause ist die Enge, darüber hinaus gibt und gab es nicht viel. Vier Jahre lang haben sich Holger Dreh und Frank Hieber im Gefängnis eine Zelle geteilt. Sie teilten das Waschbecken und die Toilette. Sie teilten sich das Kofferradio, von dem sie am Ende ihrer Haftzeit gar nicht mehr wussten, wem es ursprünglich gehört hatte. Sie sahen sich beim Aufwachen und hörten sich beim Einschlafen. Sie kannten jede Stimmung, jede Bewegung des anderen so instinktiv genau, wie vielleicht nur Eltern ihre eigenen Kinder kennen.

An der Art, wie Holger Dreh das Besteck hielt, konnte Frank Hieber Drehs Appetit auf den Bissen genau abschätzen und somit, wie viel für ihn von dessen Portion übrigbleiben würde. Umgekehrt wusste Holger Dreh ohne zu fragen, wenn den Freund der alte Fußschmerz plagte. Er hörte es an Hiebers Atmung. Dann nahm er ihn am Arm, setzte ihn hin, zog ihm Schuhe und Socken aus und massierte ihm die Füße. Es war einer von vielen eingeübten Vorgängen, die sich wortlos abspielten.

Die beiden Männer waren sich liebevoll zugetan. Sie kümmerten und sorgten sich umeinander. Sie verspürten nicht das geringste Bedürfnis, sich aus der erzwungenen Nähe in abgegrenzte Nischen und eigenen Besitz zu retten, wie es die meisten Haftinsassen tun. Ihre Rettung bestand vielmehr darin, ihre Symbiose immer weiter zu vertiefen. Sie begannen, auch Geld und Zigaretten miteinander zu teilen. Sie verwuchsen in ihren paar Quadratmetern selbst zu einer Art menschlichen Zelle. Sie sahen, wenn sie den anderen anschauten, sich selbst, und es war ganz logisch, dass daraus Verwechslungen entstanden, wie beispielsweise diejenige, die ihre Sexualität betraf.

Holger Dreh ging stillschweigend davon aus, dass Frank Hieber homosexuell war, und bot sich ihm an, obwohl es seinen Trieben keineswegs entsprach. Er dachte dann eben an Frauen. Er wollte den Freund davor bewahren, in die Schwulenszene der Haftanstalt zu geraten. Davon abgesehen empfand er Eifersucht bei der Vorstellung, Frank Hieber könnte außerhalb der gemeinsamen Zelle intim werden. Der gleiche Gedankengang brachte Frank Hieber wiederum dazu, sich mit Holger Dreh einzulassen. Von ihm aus hätte das nicht sein müssen. Aber dem anderen zuliebe: in Gottes Namen.

So wurden sie, eher zufällig, auch ein Liebespaar, das sich selbst im erotischen Missverständnis noch spiegelte.Äußerlich haben sie allerdings keine Ähnlichkeit. Frank Hieber wirkt mit seinen dunklen, in die Stirn gekringelten Locken smart, jungenhaft, biegsam. Er besitzt eine bestimmte Art männlicher Anmut, und er weiß, dass sie auffällt. Holger Dreh ist zwar nur drei Jahre älter, aber seine ermüdete Erscheinung, die eingesackten Schultern, die langen dünnen Haarsträhnen, die schwarzen Schatten unter den Augen machen ihn zu einem Mann, dessen Lebenskurve sich zu neigen scheint. Überdies trägt er eine Brille mit dicken, die Pupillen optisch verkleinernden Gläsern, die das fahle Gesicht noch mehr zum Verschwinden bringen."

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