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Ferne Berührung von Dittrich, Volker (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.06.2014
  • Verlag: Dittrich Verlag
eBook (ePUB)
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Ferne Berührung

In seinem zweiten Roman Ferne Berührung gelingt es Volker Dittrich aus dem Kaleidoskop eigener Erfahrungen heraus, ein Porträt der erinnerungssüchtigen Nachkriegsgeneration zu zeichnen. Eindringlich schildert der Autor die Spurensuche von zwei Menschen, die sich einander als vertrauensvolle Zuhörer gewinnen wollen - aber vorerst wenig Mut zeigen. Was treibt Trautmar dazu von seinem Küchenfenster aus Dias auf die freie Hauswand des Hinterhofes zu projizieren? Und warum ist Marleen, seine Nachbarin, so gespannt auf die nächste Vorführung? Virtuos erzählt Volker Dittrich die Geschichte von Nähe und Distanz und einer späten Liebe, die sich ohne die Erinnerung an frühere nicht entfalten kann. In Rückblenden werden die Geheimnisse um Marleen und Trautmar erzählt und immer mehr bewegen sich ihre Vorstellungen aufeinander zu. Sie erzählen, was sie bewegt, spielen mit dem Gedanken, den Nachbarn anzusprechen, erwägen ein mögliches gemeinsames Leben, stellen Vergleiche mit Partnern an, von denen sie sich getrennt haben. Marleen, seit 20 Jahren im gleichen Frisörladen, unterhält die Kunden mit immer haarsträubenderen Geschichten, bis sie in die Krankheit flüchtet. Ihre Mutter erzählt ihr von ihrer einzigen großen Liebe und deren tragischem Ende. Trautmar reist mit seinem Vater in dessen Heimat, aus der er mit seiner Familie vertrieben wurde. Auch Trautmar wird mit einer ihm unbekannten Familiengeschichte konfrontiert. Die gemeinsame Spurensuche entwickelt sich zu einer zärtlichen Vater-Sohn-Geschichte. Trautmar erkrankt. Am Tag der ersten gemeinsamen Wahl nach der deutschen Teilung begegnen sich Marleen und Trautmar nach ihrer begonnenen Genesung in ihrem Wahllokal. Geboren 1951 in Fleestedt, bei Hamburg. Kaufmännische Lehre, Arbeit als Speditionskaufmann, Pädagogikstudium, Lehrer an einer Gesamtschule, Herausgeber beim Institut für Bildung und Kultur, Remscheid, Journalist und Autor. 1990 Gründung des Dittrich Verlags. Veröffentlichungen: Romane, Hörfunk-Features, Dokumentarfilm "Die Nacht der Georgier", 2002. Zuletzt "Zwei Seiten der Erinnerung - Die Brüder Edgar und Manfred Hilsenrath", Deutschlandfunk 2011.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 440
    Erscheinungsdatum: 16.06.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783943941548
    Verlag: Dittrich Verlag
    Größe: 1430 kBytes
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Ferne Berührung

E ndlich belebte er wieder die Wand mit seinen Bildern. Er hatte es monatelang mit einer Regelmäßigkeit getan, auf die Verlass war. Doch seit einigen Wochen hatte Marleen vergeblich gewartet. Sie fürchtete, dass er den Tag gewechselt habe. Sie hörte nichts von ihm. Vielleicht war er verreist. Sie wurde immer unruhiger, traute sich nicht einmal, nach Feierabend kurz etwas einkaufen zu gehen. Sie lebte immer in der Angst, er würde ohne sie beginnen, oder dass sie es vielleicht ganz verpassen könnte. Saß sie abends vor dem Fernseher, wurde sie nach fünf Minuten unruhig und ging mindestens in einem Zehnminutenrhythmus in die Küche, um nachzusehen. Wochenlang vergeblich. Heute ist ein Festtag. Endlich können sie wieder zusammensitzen.

Mit dem Ohr an der Wand lauschte sie den Geräuschen. Glück gehabt. Er sortierte noch. Sie stellte den Kassettenrekorder auf den Tisch. Die richtige Musikkassette war eingelegt. Sie spulte das Band vor. Nach Ende der letzten Töne drückte sie die Pause-Taste. Der Wasserkessel begann zu pfeifen. Zwei oder drei Nelken mit in den Tee geben, zur Verfeinerung und für das Aroma im Raum. Sie stieg über den Sessel, um das Gewürzregal, die kleinen Gläser und die Flasche Sherry zu erreichen.

Gegenüber, an der Wand des Hinterhauses, die ihre Küche auch tagsüber nie ganz hell werden ließ, ein helles Viereck. Es wackelte und bewegte sich nach unten. Nebenan war das Vorspiel von Tristan und Isolde zu hören. Sie wartete bis es zu Ende war, löste dann die Pause-Taste, und die jetzt auch von ihr geliebte Musik füllte nun beide Räume.

Das erste Dia. Wieder das gleiche. Die Aufnahme eines Gemäldes. Eine schwarze Figur auf einem kleinen Platz vor einer braunen Hauswand mit weißen und hellbraunen Kacheln. Die Figur steht wie vor einem Menetekel, um etwas über die Zukunft zu erfahren. Zur Einstimmung ließ er es immer lange an der Wand. Sie goss sich Sherry ein, schälte eine Apfelsine. Weniger, weil sie großen Appetit darauf hatte, mehr wegen des Geruchs. Der Raum sollte erfüllt sein von diesem Gemisch aus Tee, Nelken, Apfelsine, Sherry und brennender Kerze. Jetzt war sie zu Hause. Die braune Hauswand mit den Kacheln scheint eine magische Anziehungskraft auf den Mann zu haben. Ganz oben ein kleines Fenster mit weißem Kreuz. Links von dem Mann steht ein blühender Baum. Die Äste ein schwarzes Gerippe. Davor große, helle, sargähnliche Steinquader für den Neubau des fehlenden Hauses. Wenn sie lange auf diesen Platz sieht, fühlt sie sich eingeschlossen. Wohin geht dieser Mensch? Was sucht er in dem weißbraunen Mosaik?

Das zweite Dia zeigte die Frau von gegenüber aus dem ersten Stock. Alt ist sie geworden. Er muss sie fotografiert haben, als sie gerade die Haustür verließ. Es ist, als würde sie in ihre Küche sehen. Ein suchender Blick. So hat er sie noch nie aufgenommen. Nur Kopf, Hals und Schultern. Fast aufdringlich der Blick in ihre Wohnung. Schön das verschwommene helle Braun im Hintergrund. Stand er direkt vor ihr? Aber das ist nicht möglich. Es muss ein neuer Fotoapparat sein, mit einem riesigen Objektiv. Bestimmt hat er gegenüber in der Toreinfahrt gestanden. Sie sieht schlecht aus. Ihr suchender Blick ist fast stechend. Jede Falte ist zu sehen. Um die Mundwinkel zwei scharfe, verhärmte Züge. Jetzt war sie gespannt auf die nächsten Bilder. Bisher hat er die Nachbarn von weitem aufgenommen. So hatte sie ihren Tagesablauf kennenlernen können. Beim Einkaufen, Fensterputzen oder wie sie Wäsche im Hof aufhängten. Manche auch bei der Arbeit oder mal, wenn sie spazieren gingen, irgendwo draußen saßen, ein Bier oder Kaffee tran

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