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Feuerland Erzählungen von Bonné, Mirko (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.08.2015
  • Verlag: Schöffling & Co.
eBook (ePUB)
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Feuerland

Mirko Bonné schickt in seinem ersten Erzählungsband seine Figuren auf Reisen in extreme Gegenden, Situationen und Zustände. Eine Frau trennt sich im Urlaub und pilgert spontan zum Papst. Ein junger Werftarbeiter verliert durch einen Schmerzanfall jegliche Orientierung. Nach dem Tod ihres Mannes sucht eine Frau nach ihrem Bruder und findet sich auf einer Weihnachtsfeier wieder, auf der es nur Geschenke aus dem Wrack einer alten Fähre gibt. Familien- und Liebesbeziehungen sind für Mirko Bonné stets brüchig; Erwachsene wie Kinder bewegen sich in Parallelwelten und setzen alles daran, die Wirklichkeit zu hinterfragen und mit ihrer Fantasie zu bereichern. Am äußersten Ende Südamerikas gelegen und zur Hälfte Chile, zur anderen Argentinien zugehörig, steht Feuerland bei Mirko Bonné für eine unheimliche Grenzregion, es ist zugleich Sehnsuchtsort und gefährliches Reich der Imagination. Von feiner Melancholie durchzogen, lassen diese Erzählungen unsere vermeintlich vertraute Welt mit neuen Augen sehen. Mirko Bonné, geboren 1965 in Tegernsee, lebt in Hamburg. Neben Übersetzungen von u. a. Sherwood Anderson, Robert Creeley, E. E. Cummings, Emily Dickinson, John Keats, Grace Paley und William Butler Yeats veröffentlichte er bislang fünf Romane und fünf Gedichtbände sowie Aufsätze und Reisejournale. Für sein Werk wurde Mirko Bonné vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Prix Relay du Roman d'Evasion (2008), dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2010) und dem Rainer-Malkowski-Preis (2014). Sein Roman NIE MEHR NACHT stand 2013 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 232
    Erscheinungsdatum: 04.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783731760771
    Verlag: Schöffling & Co.
    Größe: 1259 kBytes
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Feuerland

Der Eichelhäher

A m Wochenende vor seiner abschließenden Schicht auf der Werft fuhr er mit der Kawasaki aufs Land hinaus und besuchte ein letztes Mal seine Eltern. Es war ein schöner Tag in einem allmählich winterlichen Herbst, und es war Hochsommer dort, wo er schon in wenigen Tagen sein würde. Obwohl ihn seit einiger Zeit ein gleichbleibend lästiger Schmerz in der Seite plagte, ließ er sich von seinem Stiefvater zu Kaffee und Kuchen im Wintergarten überreden. Dort berichtete er den Eltern von den Arbeiten im Bremer Trockendock und den letzten Vorbereitungen zu seiner Motorradrundreise durch Feuerland.

Mit dem Geld, das der Job ihm einbrachte, und der Summe, die seine Eltern beigesteuert hatten, war nach zwei Jahren genug für die Reise nach Südchile angespart. Länger noch hatten sich seine Mutter und sein Stiefvater nach einem Sommerhaus in der Provence umgesehen, und endlich, erzählten sie, waren sie fündig geworden, durch eine Freundin, die unweit von Aix eine ältere Maklerin kannte. In einem Weiler am Fuß der Sainte-Victoire vertrat sie ein Schweizer Rentnerpaar, das sein Ferienhaus zum Kauf anbot. Wie sich herausstellte, hatten sein Stiefvater und der Rentner fast zwanzig Jahre lang im selben Konzern gearbeitet. Vielleicht kannte man sich sogar.

Das Beisammensitzen vor der türkisgrünen Wand der alten Bäume, unter denen seine Schwester und er aufgewachsen waren, brachte somit die angenehme Wehmut eines Abschieds für länger mit sich. Wenn der Schmerz nichts Schlimmeres bedeutete und er also in zwei Tagen nach Buenos Aires und von da weiter nach Punta Arenas flog, würden seine Eltern bereits in der Provence sein, um das Sommerhaus in Augenschein zu nehmen. Noch nie waren sie so weit entfernt voneinander gewesen.

Bevor er sich verabschieden würde, ging er durchs Haus, auch in den oberen Stock. Im Bad der Eltern nahm er sich zwei Schmerztabletten aus dem Spiegelschrank und schluckte sie mit einer Handvoll Leitungswasser hinunter. Einem Impuls folgend, blieb er vor der Tür zum früheren Zimmer seiner Schwester stehen und trat schließlich ein. Die Möbel waren noch Wiebkes, doch ihre Mutter hatte sie umfunktioniert. Wiebkes Zimmer war jetzt ein Lesezimmer voller Bücher, Kataloge und Magazine. Auf einem Stapel sah er eine Shakespeare-Ausgabe, schlug sie auf, wo ein Lesezeichen steckte, und las, als wäre es an ihn gerichtet, was Titus Andronicus zu seinem Enkel sagt: "Ruhig, zarter Spross; du bist gemacht aus Tränen." Aus Tränen gemacht zu sein - er versuchte sich das vorzustellen, aber es gelang ihm nicht. Und er hatte den Satz schon vergessen, als er merkte, dass er durch die Verbindungstür gegangen sein musste, weil er auf einmal in seinem eigenen alten Zimmer stand.

Es war seltsam verändert, obwohl auf den ersten Blick nichts umgestellt worden war oder fehlte. Einzig das Fenster und die Tür zu der kleinen Loggia standen weit offen, und weil es trotz des linden Oktobers ungemütlich kühl in dem Raum war, nahm er an, dass sie schon seit Längerem nicht mehr geschlossen worden waren.

Wiebke war vor vier Jahren ausgezogen, er selber vor fast drei. Obwohl also viel Zeit vergangen war, empfand er diese Nachlässigkeit gegenüber seinen Sachen als Vernachlässigung seiner selbst, ein Gefühl, das ihm vertraut und fest mit seinem Kinderzimmer verbunden war - ein Gefühl, dachte Jan-Erik, als er Fenster und Tür schloss, das mich am Abend vor meiner Abreise nicht verwundern sollte. Er sah auf seine Hände, drehte sie. Dann blickte er im Zimmer umher, sah auf dem Regal seine alten Schiffsmodelle stehen, Schiffe, die alle entweder gesunken oder abgewrackt worden waren, und betastete unterdessen die schmerzende Region. In der Stille hörte er ein leises Geräusch, das er zunächst nicht weiter beachtete. Als es aber nicht aufhörte, suchte er die Ecken ab und fand schließlich zwischen Wand und Schlafcouch einen Vogel sitzen, der ihn aus dem Schatten heraus mit einem furchtsam

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