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Flüsterlieder von Kain, Eugenie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.12.2012
  • Verlag: Otto Müller Verlag
eBook (ePUB)
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Flüsterlieder

Die Araber wissen, dass der Tod ein schwarzes Kamel ist... ...das niederkniet vor der Haustür, wenn es so weit ist. In den Heimen sprechen die Alten verstohlen vom Qui Qui, der sie abholen kommt. Wer hatte ihn mitgenommen? Ein rostiger Donaudampfer? Oder der Rabe, der seit einer Woche vor dem Fenster hockt? Ein Mann stirbt unerwartet und ohne Abschied. Eine Frau bleibt zurück mit ihrer Trauer und Verstörung und findet kein passendes Foto für die Todesanzeige. Eugenie Kain erzählt die Geschichte einer Nacht, erzählt von den Schatten des Schmerzes und der Niederlagen. Sie erzählt aber auch vom Licht, das Zuversicht gibt. Das Licht fängt sich im Schacht einer Höhle, es fällt auf einen Weinstock im Karst, in eine enge Gasse in Genua, auf einen Küchentisch, durch ein Mansardenfenster in Linz, auf den Hals einer Gitarre. In Eugenie Kains Sprachkunst leuchtet das innere Gesicht einer Geschichte auf.

Eugenie Kain, geboren 1960 in Linz/OÖ, studierte Germanistik und Theaterwissenschaften in Wien. Autorin, Kulturjournalistin und Beraterin im Sozialbereich. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien sowie im Österreischischen Rundfunk. 1983 erhielt sie den Max von der Grün-Literaturpreis und den Buch.Preis 2003. Am 8. Januar 2010 starb sie nach einer Krebserkrankung in ihrer Heimatstadt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 128
    Erscheinungsdatum: 10.12.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701361120
    Verlag: Otto Müller Verlag
    Größe: 360 kBytes
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Flüsterlieder

Schluckloch

Die Schwester sah ihr im Nachtlicht des Ganges entgegen. Die Hände ließ sie in den Kitteltaschen und nickte ihr nur zu. Kurz. Es war ihr recht. Sie vermied es, der Schwester ins Gesicht zu sehen. Weitergehen, dachte sie. Ihre Schatten glitten auf dem schimmernden Bodenbelag voraus.

Zuletzt waren sie wieder am See gewesen. An die Lichter der Stadt gewöhnt, waren sie erst nach dem Mittagessen aufgebrochen. Sie hatten nicht an das Gebirge gedacht. Der See war zugefroren. Im Schnee war ein schmaler Weg gespurt. Sie mussten hintereinander gehen. Der Gletscher leuchtete. Der Felskamm und die Wände glosten. Dann brach das Licht und es wurde still. Sie kehrten nicht um. Sie blieben auf ihrem Weg um den See. Aus dem Fels wuchs das Eis. Rund und glatt überzog es den Stein, in armdicken Zapfen drängte es sich an Überhängen. Der See ist ein Speichersee. Im Winter wird sein Spiegel gesenkt. Sie warfen Eiszapfen auf die Eisdecke unter ihnen. Beim Aufprall begann das Eis zu klingen. Ein Summen flog über den See wie ein flacher Stein. Das Eis sang und sie standen da und horchten und konnten nicht genug bekommen von diesen Tönen. Am Himmel hatten sich Orion und der Fuhrmann niedergelassen, als sie durchfroren und steif den Ausgangspunkt erreichten. Jetzt hatten die Kinder einen Wunsch offen. Die Kinder jubelten, als sie über den vereisten Asphalt des leeren Parkplatzes schlitterten. Er gab wieder Gas und zog die Handbremse. Ihr war nicht wohl dabei, aber sie schwieg. Sie waren schon lange nicht mehr so ausgelassen gewesen. Sie hielt sich fest, und während sich das Auto vor der dunklen Seilbahnstation drehte und drehte und drehte, konzentrierte sie sich auf den Gesang des Eises am See. Der Klang war bei ihr geblieben. Manchmal überlagerten ihn die Geräusche der täglichen Verpflichtungen. Aber er war da. Als sie mit der Schwester durch das Nachtlicht ging, füllte er den Gang aus und sie trat vorsichtig auf, um nicht einzubrechen.

Vor dem Zimmer Nummer 4 blieb sie stehen. Aber die Schwester ging weiter und öffnete eine Tür auf der anderen Seite des Ganges. Zusammengeklappte Rollstühle standen in dem Raum, Besen, Kübel, fahrbare Ständer für Infusionsflaschen. Und in der Mitte stand das Bett. Seitlich waren jetzt Gitter angebracht. Um das Kinn hatte man ihm ein weißes Tuch gebunden. Die Augen waren geschlossen, die Hände über der Bettdecke gefaltet.

- Warum haben Sie mich nicht früher angerufen?

- Hat Tagdienst nicht gemacht.

Die Schwester sprach mit Akzent. Ein schwer verständliches Deutsch. Wortbrocken formierten sich, aber es blieb offen, ob sie zu einem Fragesatz zusammenkommen wollten oder zu einer Behauptung. Hat Tagdienst nicht gemacht, wiederholte die Schwester. Sie sahen sich an. Es war ein Glück, dass die Schwester nicht besser Deutsch konnte. Sonst hätte sie fragen müssen, ob sie ihn vorher in den Abstellraum geschoben hatten oder nachher, ob er seine Ruhe haben wollte oder sie. Und ob sie allen Menschen die Hände falten, auch denen, die ohne Bekenntnis sind. Und sie hätte sie fragen müssen, wie er gestorben war, während sie daheim Zwiebeln schnitt, Nudeln abseihte und ihr das Essen nicht schmeckte, weil das Kochen immer seine Sache war. Sie hätte sie fragen müssen, ob er nach ihnen verlangt hatte, während sie den Tisch abräumte und Geschirr abwusch und noch einmal das Kind bewundern musste. Es hatte sich als Schaf verkleidet. Dieser Tag war anders. Er war herausgenommen aus dem vorgegebenen Rhythmus der Besuchszeiten. Es war Fasching und das Kind von einem Kostümfest abzuholen. Außerdem gab es Arbeit, die liegen geblieben war. Sie ging ihr nicht von der Hand. Sie schrieb einen Brief und horchte auf das Brausen der Stadt. Draußen zog die Kälte an. Im Hof lachten Stimmen, dann fiel eine Tür. Sie würden wieder kommen, bei den Nachbarn schräg gegenüber wurde in der Wohnung nicht geraucht. Das Telefon läutete. Eine Frauenstimme nannte seinen Namen. Fragte nach der E

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