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Flammenalphabet von Marcus, Ben (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.08.2012
  • Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
eBook (ePUB)
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Flammenalphabet

'Am Anfang war das Wort - und das Wort tötete': Ein literarisches Epos über eine Welt, in der die Sprache der Kinder ihre Eltern umbringt. Zuerst sind es nur die Juden, bald schon trifft es jeden: Die Sprache der Kinder wird für Erwachsene unerträglich, sie macht krank und tötet. Claire, Sams Frau, ist bereits schwer erkrankt und erträgt die Nähe ihrer Tochter Esther nicht mehr, die sie über alles liebt. Unaufhaltsam breitet sich die Epidemie aus, Panik greift um sich, und die letzten Radiosendungen verkünden, dass die Menschen ihre Kinder und Häuser verlassen, um in die Wildnis zu fliehen. Als Claire kurz vor dem Zusammenbruch steht, scheint auch ihnen kein anderer Ausweg zu bleiben, aber am Vorabend ihres Aufbruchs verschwindet Claire, und Sam macht sich auf den Weg, um ein Heilmittel zu finden. Dabei gerät er in eine gefährliche Schattenwelt. Ben Marcus erzählt ebenso brillant wie literarisch funkelnd von der Macht der Familie, zu lieben und zu zerstören. 'Ben Marcus hat ungeheures Talent, dies ist ein traumwandlerischer, eindrucksvoller Roman.' New York Times 'Ben Marcus gehört zu der außergewöhnlichsten Art von Schriftstellern: Nämlich ein absolut notwendiger. Es ist nicht mehr möglich, sich die literarische Welt und damit die Welt selbst ohne seine mutigen Bücher vorzustellen.' Jonathan Safran Foer

Ben Marcus, geboren 1967, unterrichtet Creative Writing an der Columbia University in New York. Er hat zahlreiche Kurzgeschichten und Essays u. a. im New Yorker sowie drei Romane veröffentlicht. Auf Deutsch erschien von ihm 2012 der Roman Flammenalphabet ..

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 16.08.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783455810462
    Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
    Originaltitel: The Flame Alphabet
    Größe: 786 kBytes
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Flammenalphabet

4

Z uerst dachten wir, wir seien gebissen worden. Etwas war auf unseren Rücken gelandet und hatte an uns gesaugt. Jetzt würden wir verenden. Es war September, und die Luft war noch immer durchtränkt von Hitze, ein übler Frittiergeruch stand im Garten. Claire und ich verfolgten unsere Lethargie, die surrenden Glieder und Körper, die wir wie Säcke herumtrugen, zurück zu einer Reise ans Meer, wo wir uns einem unüberlegten Dösen hingegeben hatten über einem knisternden Gitter aus Seegras und Sandmücken, die dafür sorgten, dass wir uns tagelang hilflos kratzen mussten.

Wenn wir genau hinsahen, breiteten sich rote Flecken über unseren Rücken aus. Kartenfragmente, wie ein unvollendetes Tattoo. Keine Sommersprossen oder Muttermale. Womöglich die Folgen eines Bisses, irgendein Nagetier, das an uns herumfraß, als wir schliefen.

Claire legte sich auf den Bauch, und ich setzte mich rittlings auf sie für die Untersuchung, aber das war eine falsche, traurige Ansicht. Ihr Hintern wurde unter mir platt, als wäre er von seinen Knochen befreit, und die großzügige Haut ihres Rückens lappte auf das Bett.

Esther kam herein, sah uns voller Enttäuschung an. Ich winkte sie weg, formte irgendeinen Fluch mit den Lippen in der Hoffnung, Claire würde nicht bemerken, dass sie in dieser Position gesehen wurde.

"Im Ernst?", sagte Esther, lauter als nötig. "Ich meine, die Tür konntet ihr nicht schließen?"

Man sollte sich den Rücken seiner Partnerin nicht zu genau ansehen, sollte sie nicht auf diese Weise ans Bett heften. Es war eine in ihrer Genauigkeit völlig unkluge Untersuchung. Ich wusste nicht einmal, wonach ich suchte. Claire wand sich unter mir, versuchte, sich vor Esthers Blick zu verbergen.

"Mama geht's nicht gut", sagte ich und kletterte herunter.

"Vielleicht solltest du sie dann in Ruhe lassen, Papa."

"Ich will nur helfen", sagte ich.

"Hm", sagte Esther und zeigte mit ihrer Miene ganz offen, was sie davon hielt.

Hatte Esther nicht, trotz ihrer unversehrten Haut, höhnisch rein noch, im selben wirren Nest geschlafen? Wir hatten unser Lager auf verbranntem Sand aufgeschlagen und gewartet, bis wir an der Reihe waren, in das umzäunte Stück Meer zu tauchen. Wir drei hatten eine Tüte gesalzener Snacks aufgerissen und waren dann in eines jener segensreichen Nachmittags-am-Strand-Komas gefallen, hatten in der Sonne geschlafen, die Glieder fett vor Hitze.

Claire hatte eine Erklärung. Die Alten, die Müden, die Zerstörten wurden durch Bisse abgemurkst. Wurden zu löchrigen Säcken aus Brei. Wohingegen die Jungen das Gift bis zum Bodensatz soffen, weshalb es ihre Körper völlig überlud. Sie konnten nicht mehr aufgehalten werden.

Gespräche aus dem Museum der Uninformierten. Es beunruhigte uns, dass unser Alltagsverstand so wenig medizinischen Gehalt aufwies. Es gab Ärzte, und es gab Hobbyärzte, und dann gab es Leute wie uns, die im Schlamm krochen und kindische Diagnosen ablieferten in der Hoffnung, dass wir durch den bloßen Klang unserer Stimme, durch das Ausstellen unserer Autorität eine definitive Veränderung der Wirklichkeit bewirken könnten. Vielleicht dachten wir, dass die Welt, in der wir lebten, allein durch das, was wir sagten, in gefällige Formen gehackt werden könnte. Vielleicht glaubten wir das noch immer.

Als wir Rat suchten, waren die medizinischen Tests eindeutig, mit niedrigen und faden Zahlen. Die Ärzte verscheuchten uns. Wir waren nicht gebissen worden. Wir schüttelten es ab, als das Wetter wechselte und die kalte Luft hereinströmte. Als der unterbesetzte Apparat unserer Immun

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