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Franziska Roman von Weiß, Ernst (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.12.2015
  • Verlag: Reese Verlag
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Franziska

Ernst Weiß (der ein Freund von Franz Kafka war) außergewöhnlicher Roman Franziska erzählt über die Schwierigkeiten der Vereinbarkeit von Kunst und Leben. Die Titelfigur ist eine willensstarke und brillante Pianistin, die wenig Zeit für die Liebe hat. Sie verliebt sich aber doch in einen arbeitslosen jungen Mann, der eine andere Frau liebt, und muss sich in einer Dreiecksbeziehung behaupten. Ihre Entschlossenheit bringt sie aus ihrem bescheidenen Haus, der Roman beginnt mit dem Tod von Franziskas Mutter, in einer kleinen tschechischen Stadt zu einem unkonventionellen Leben in Prag bis zum zerstörerischen Höhepunkt im Vorkriegs-Berlin. 'Weiß ist ein scharfer Beobachter, der seine Wahrnehmungen mit einer exakten Phantasie zu verbinden versteht. So gelingen ihm nicht nur nuancierte Seelenlandschaften, sondern auch einprägsame Stadtbilder Prags und Berlins.' (Neue Zürcher Zeitung) Ernst Weiß wurde am 28. August 1882 in Brünn/Mähren geboren. Am 15. Juni 1940, dem Tag nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris, nahm er sich das Leben.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 225
    Erscheinungsdatum: 21.12.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783944621616
    Verlag: Reese Verlag
    Größe: 397 kBytes
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Franziska

6

Im Februar des nächsten Jahres reiste Franziska nach Prag. Leonore Constanza sollte ein Konzert geben.

Die Fahrt dauerte lange; mutlos, unterirdisch klang das dumpfe Dröhnen des Zuges. Nebel lag über den winterlich tiefgerunzelten leeren Feldern, Nebel lag auch als feuchter Glanz auf den Straßen Prags, Nebel hing als zarte Hülle um die Bogenlampen, die sich über den breiten Straßen wiegten, an kaum sichtbaren Fäden gehalten. Nebel stand schüchtern vor den Schaufenstern der Geschäftsläden und wartete, Nebel schritt die ganze grandiose Weite des Wenzelplatzes empor, bis zur Höhe, wo ein gewaltiges ehernes Reiterstandbild drohend einen säulengetragenen Palast bewacht, erfüllt von wuchtender Kraft, heldenhaft und doch sanft wie ein Fürst vor einer Zauberburg in Tausendundeiner Nacht.

Ganz dürftig aber war das alte Haus, in dem die Schwester wohnte. Die dunkle Stiege war gekrümmt wie ein buckliger Rücken, die Stufen schadhaft wie eines greisenhaften Menschen Zähne. Hier war Minna vor einem Jahr bei einem pensionierten General in Dienst getreten. Franziska klingelte; eine alte Frau steckte ihr alabasterweißes Köpfchen heraus und hielt ihr das pergamentene Ohr hin.

"Ich möchte Fräulein Minna sprechen", sagte Franzi.

"Die Minna?" gab die schwerhörige Frau zurück und lachte. Sie sprach das Wort aus, als hätte sie es nie gehört, winkte dann mit flatternder Hand, schloß die Tür und legte den Riegel vor.

Franzi wartete. Unten klingelte die elektrische Straßenbahn, Menschenschritte gingen am Hause vorüber, man hörte Worte in einer fremden Sprache. Sie fühlte sich müde zum Umsinken, müde, wie sie es seit den Kinderjahren nicht gewesen war. Da wurde an der Tür gerüttelt, der Flügel wurde aufgerissen, die Kette klirrte. Tiefatmend fiel ihr die Schwester um den Hals und preßte sie schmerzhaft innig an sich. -

"Ich wußte sogleich, daß du es bist", sagte Minna. "Du hast doch nicht lange gewartet? Wie lange bleibst du bei uns? Ich lasse dich nicht mehr fort. Jetzt habe ich Dienst, aber abends fahrt die Herrschaft aus, und dann ..."

"Die Herrschaft? Was sind das für Worte?" fragte Franzi. "Ich habe es nicht so gemeint", sagte Minna; und wie zur Entschuldigung: "Du darfst nicht böse sein, du weißt doch. - Erinnerst du dich nicht mehr? Ich war krank."

"Du Arme", sagte Franzi, "was hat dir denn gefehlt?"

"Typhus! Aber du mußt mich nicht bemitleiden. Im Anfang hatte ich ja solche Angst vor dem Krankenhaus, aber im Grunde war es doch schön. Glaubst es? Denk nur, die ehrwürdigen Schwestern wollten mich gar nicht fortlassen. Als ich dann gesund wurde, gab es soviel zu essen. Sie haben mich wirklich verwöhnt, gaben mir Cheaudeau zu trinken, und ich konnte den ganzen Tag daliegen und durfte nichts arbeiten ... Und das Haar wuchs mir wieder. Aber im Anfang, da hatte ich einen kahlen Kopf wie unsere gnädige Frau."

"Hast du jetzt Zeit?" fragte Franzi.

"Jetzt? Nein, ich denke, es geht nicht. Hör' nur zu, der General schläft, ach, er schläft fast den ganzen Tag, er schläft und ißt und ißt - und dann schläft er wieder ein, er ist ja uralt -, und wenn er dann aufwacht, muß alles fix und fertig sein, und ich muß doch noch die Teller waschen und den Tisch decken, muß Ordnung machen in allen sechs Zimmern ... und für den Abend Feuer zünden ... Sieh nur", sie wies auf ihre Hände, die vom Küchenfeuer und der Lauge des Abwaschwassers gerötet waren; manchmal schämte sie sich ihrer, denn früher waren sie ihr Stolz gewesen. In der ersten Zeit hatte sie die Hände vor dem Schlafengehen mit Glyzerin eingerieben und Handschuhe angezogen. Später fügte sie sich in alles.

"Du bleibst doch die Nacht über bei uns?" fragte sie, "bleibst bei mir? Bitte!"

"Nein", sagte Franzi, "bitte mich nicht! Ich muß unbedingt nachts wieder heim, Henriette erwartet mich an der Bahn." "Und abends?" fragte Minna mit einem schüchternen Lächeln.

"Abends will ich ins Konzert."

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