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Freiheitsübungen und andere Kleine Prosa von Nádas, Péter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.10.2010
  • Verlag: Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Freiheitsübungen

Eine splitternackte Schwarze wäscht sich bei klirrender Kälte auf dem Trottoir, während die New Yorker mit hochgeklapptem Kragen vorbeieilen; zwei Männer und eine Frau drehen in einem Pariser Park die immer gleichen Runden; ein Bettler hopst ununterbrochen brüllend herum - solche und andere einprägsame Bilder notiert Péter Nádas in formvollendeter Prosa. Péter Nádas, Erzähler, Dramatiker, Essayist und Fotograf wurde 1942 in Budapest geboren. Seine berufliche Laufbahn begann er 1961 als Fotoreporter für das Frauenmagazin 'Nök Lapja'. Nach zweijährigem Militärdienst arbeitete er dann ab 1965 als Journalist bei der Tageszeitung 'Pest Megyei Hirlap', kam jedoch immer stärker in Konflikt mit den Leitlinien der offiziellen Berichterstattung, bis er 1968 die journalistische Arbeit aufgab und sich als freier Schriftsteller aufs Land zurückzog. Da er bis 1977 auf Grund der Zensur keinen Verlag für seine Werke fand, arbeitete er neben der schriftstellerischen Tätigkeit noch für verschiedene Zeitschriften. Auf Einladung des DAAD lebte Péter Nádas 1981 ein Jahr in Deutschland. Für seinen Roman "Buch der Erinnerung" (1986, dt.1991) wurde er u.a. mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur (1991), dem französischen Prix du Meilleur Livre Étranger und dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung (1995) ausgezeichnet. Péter Nádas lebt in Gombosszeg und Budapest.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 216
    Erscheinungsdatum: 09.10.2010
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783827071798
    Verlag: Berlin Verlag
    Größe: 976 kBytes
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Freiheitsübungen

Notate

Heute morgen ist es, als säße ich gestern nachmittag hier auf diesem Stuhl.

Wir waschen das sorgfältig ausgenommene Hühnchen gut, salzen es innen und außen gründlich, streuen Majoran in die leere Bauchhöhle, stecken eine kleine Zwiebel, einen ganzen säuerlichen Apfel und in feine Streifen geschnittenen, durchwachsenen Speck hinein, nähen die Öffnungen dann zu, spicken die Haut mit Streifen geräucherten Specks, bestreichen das Hühnchen danach reichlich mit Fett oder Öl und schieben es in die heiße Röhre; während des Bratens wenden wir es mehrmals um und beträufeln es zusätzlich mit Fett, damit es schön gleichmäßig bräunt, knusprig wird und sich sein roter Leib gut auf der weißen Platte ausnimmt, die wir noch mit einem rohen und möglichst grünen Apfel garnieren.

Auch der Tod ist kein unerklärlicher Vorgang. Mit unserem Verstand können wir auch im Tod frei herumwühlen. Und in dem, was nach dem Tod folgt. Schließlich kommen auch im Körperzerfall, der Verwesung, keine anderen als physische Gesetzmäßigkeiten zur Geltung, und die sind wahrhaftig begreifbar. Man sollte sich bewußt machen: Mein Zerfall geht im selben Organismus vor sich wie mein Leben. Bemerkenswert sind diesbezügliche Beobachtungen Merkels: Die sich in der intakten Schädelhöhle entwickelnden Verwesungsgase können die zersetzte Hirnmasse in die Venen drücken und von dort in die rechte Herzkammer - in diesem Fall ist die Embolie nicht im Lebenden entstanden.

Ein Prinz, im goldenen Mantel, steht im Baum und reicht der unsichtbaren Prinzessin die Hand.

Nach dem Aufwachen kommt es ihm überraschend in den Sinn. Schon sechs Jahre ist es her! Sein Kopf in der Zange der Schenkel. Sie hielten sich mit den Mündern. So ist es danach nie wieder gewesen. Soweit er sich erinnert, schliefen sie ohne Orgasmus ein: und doch auch nicht. Als hätten sie den Orgasmus in einer übersinnlichen Sinnlichkeit erlebt. Da, wo die Gesetze der Materie keine Gültigkeit mehr haben. Und dann dieser dicke graue Wintermorgen und ausgerechnet zwischen den scheußlichen Stationen des Kalvarien-Platzes.

"Man muß ihm die Flügel abhacken!" sagt jemand am Morgen unter meinem Fenster.

Heute sitzt ein Jäger im Baum, den großen Hut übers Ohr geschoben.

Ich sehe aus dem Fenster. Die Katze ist da. Vermutlich habe ich sie im Frühjahr vor dem Hungertod gerettet. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es diese Katze ist. Und vielleicht ist auch die Behauptung übertrieben, ich hätte sie gerettet. Sie spielt mit irgendetwas. Später gehe ich hinunter. Sie hält eine lebendige Maus im Maul, und es ist, als könnte man in ihren großen Augen etwas spüren, das sie äußerst vergnüglich stimmt. Vielleicht das spielerische Glück des Jägers. Ich möchte die Maus gern befreien, doch als ich mit meiner Hand näherkomme, geht die Bewegung in Streicheln über: Als hätte meine Hand für mich zu Ende gedacht, daß es doch ohnehin umsonst wäre, daß wir einander doch ohnehin unausweichlich umbringen. Und das Streicheln löst anscheinend ihre letzte Hemmung. Falls es sie gab. Auf jeden Fall aber muß es für sie wichtig sein, es spornt sie zur Entscheidung an, denn sie beginnt unter meiner Hand zu schnurren und zerknackt den zuckenden kleinen grauen Körper zwischen ihren Zähnen. Aus ihrer Mundhöhle ein letztes Wimmern des verendenden Lebewesens. Und keine Minute später hat sie es fröhlich knackend mit Haut und Haar verzehrt.

"Wieviel Kilo haben seine Erdbeeren gebracht?" - "Sie waren wäßrig, allesamt wäßrig." - "Wieviel Kilo haben sie gebracht?" - "Fünfundvierzig. Tausendeinhundert Forint hat er dafür gekriegt." - "Ui, verdammt! Davon kann er die Schulden bezahlen, die er dem Dorf und den Genossenschaften an den Hals gebracht hat, der Schweinehund!"

Ich sitze neben der offenen Glastür und lese. Ich wende den Kopf zur

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