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Gallus, der Fremde Roman von Alioth, Gabrielle (eBook)

  • Verlag: Lenos Verlag
eBook (ePUB)
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Gallus, der Fremde

Seit über zwanzig Jahren haust Gallus in der Wildnis des Steinachtals, als eines Tages eine Fremde erscheint. Mit ihren Fragen zwingt sie den widerspenstigen Einsiedler, sich an seine Vergangenheit zu erinnern: an den gefahrvollen Weg, der ihn um 590 n. Chr. mit einer Gruppe von Wandermönchen aus Irland in die Vogesen und dann an den Bodensee geführt hat, an ihre gewaltsamen Bekehrungsversuche und vor allem an die Trennung von seinem strengen Lehrer und Gefährten Columbanus. Die Geschichte des freiwilligen Exilanten und sozialen Aussteigers aus dem frühen siebten Jahrhundert, der zum Namensstifter St. Gallens wurde, findet ihren Widerhall im Leben der Fremden am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, die in Irland eine Heimat fand und wieder verlor. Ihre Schicksale verbinden sich über die Zeit hinweg zu einer Geschichte von Emigration, Liebe und Verlust. Gabrielle Alioth, geboren 1955 in Basel, war als Konjunkturforscherin und Übersetzerin tätig, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. 1990 publizierte sie ihren ersten, preisgekrönten Roman 'Der Narr'. Es folgten zahlreiche weitere Romane, Kurzgeschichten, Essays sowie mehrere Reisebücher und Theaterstücke. Daneben ist sie journalistisch tätig und unterrichtet an der Hochschule Luzern. Seit 1984 lebt Gabrielle Alioth in Irland.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 246
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783857879692
    Verlag: Lenos Verlag
    Größe: 3665 kBytes
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Gallus, der Fremde

Er träumt von dem Hund. Die Sonne scheint auf die Bucht, und der Hund jagt mit freudigen Sprüngen den weissen Schaumrändern nach, die von den Wellen über den Sand gespült werden.

"Vater?", flüstert es vor der Hütte.

Er versucht, den Traum festzuhalten, das Licht - Vater, so nennen sie ihn jetzt; oder den Alten, wenn sie meinen, er höre sie nicht. Seine Glieder sind starr vor Kälte. Ist es möglich, dass es immer kälter wird in diesem Wald?

"Seid Ihr wach, Vater?"

Er dreht sich auf den Rücken.

"Wir haben ohne Euch gebetet." Magnoald klingt schuldbewusst.

Er hat die Glocke nicht gehört, und sie haben ihn schlafen lassen. Aus Vorsicht, Rücksicht, Angst, ihn tot auf seinem Lager zu finden. Ein Unbehagen gärt in ihm, die ganze Nacht schon, und plötzlich weiss er wieder, warum: die Frau. Sie behauptet, sie komme von der Insel und sei in Luxovium gewesen, in Brigantium, Arbona, auch dem heillosen Dorf am See womöglich. Nun will sie mit ihm reden. Magnoald wird ihr in der Scheune ein Lager bereitet, ihr Brot, Mus und vielleicht auch von dem Honig, den sie für Gäste aufbewahren, gegeben haben. Es gehört zu ihren Pflichten, Pilger aufzunehmen, ihr Essen und ihre Gebete mit ihnen zu teilen. Er öffnet die Augen und blickt in das feuchte Hüttendach. Es gehört nicht zu seinen Pflichten, seine Erinnerungen mit jemandem zu teilen.

Eine Krähenschar fliegt aus den Baumwipfeln, als Gallus aus der Hütte kommt. Der Himmel über dem Wald ist grau wie seit Wochen. Auf den Pfaden, die von den Behausungen der Männer zum Bethaus führen, stehen Pfützen, der Boden dazwischen ist sumpfig. Als habe der Frühling sie vergessen. Die Männer unter dem Vordach des Esshauses beobachten ihn, während er das Knie vor dem Kreuz in der Mitte der Lichtung beugt; sie wissen, dass er das Gebet verschlafen hat. Siebenmal am Tag singe ich Dein Lob, und nachts stehe ich auf, um Dich zu preisen, heisst es im Psalm. Columba hatte unwillig den Kopf gereckt: Betet ohne Unterlass!, schrieb Paulus an die Thessalonicher. Siebenmal am Tag war Columba nicht genug, nichts war ihm genug. Der vertraute Schmerz zuckt Gallus von der Hüfte in den Oberschenkel und bringt ihn ins Schwanken. Die Männer vor dem Esshaus rühren sich nicht; die Frau steht neben ihnen. Manchmal wünscht er sich, es wäre möglich, allein in diesem Wald zu leben.

Ich fürchte, er stürzt, aber die Männer neben mir rühren sich nicht. Während ich am Tag zuvor die Schlucht hinaufgestiegen bin, habe ich mich gefragt, ob mich hier der Tod erwarten wird. Wie ein Pilz scheint die Einsiedelei aus der Feuchtigkeit des Waldes im Steinachtal gewachsen und kann im nächsten Moment zu Fäulnis zerfallen. Gallus schwankt, dann fängt er sich und geht mit gesenktem Kopf ins Bethaus.

Öffne meine Lippen, damit mein Mund Dein Lob verkünde. Gallus steht im leeren Bethaus und wiederholt die Worte in seinem Kopf. Er hat schon lange nicht mehr von dem Hund geträumt. Öffne mein Herz - Die Sonne glitzerte auf den Wellen, die an den Strand spülten, Grasnelken blühten vor seinen Füssen, ein rosarotes Polster. Es war Sommer. Im Wind, der über das Dünengras strich, hing der süsse Duft der Wiesen und verwischte das Läuten der Glocke - sie läutet tatsächlich. Die Tür des Bethauses öffnet sich, und Gallus hört, wie sich die Männer in seinem Rücken zur Terz versammeln.

An dem Morgen am Strand sprang er auf, als er die Glocke hörte, und lief die Düne hinauf, so schnell er konnte mit seinen siebzehn Jahren. Oben auf der Kuppe hielt er inne und schaute zurück. Auch der Hund war stehen geblieben. Für einen Moment sahen sie sich an, dann wandte der Hund sich ab und jagt weiter den Wellen nach. Als Gallus die Kirche der Abtei betrat, hatten die Gebete längst begonnen. Er versuchte, sein lautes Schnaufen zu unterdrücken. Die Mönche beachteten ihn nich

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