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Gefühlte Nähe Roman in 23 Paarungen von Martenstein, Harald (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.08.2010
  • Verlag: C. Bertelsmann
eBook (ePUB)
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Gefühlte Nähe

Harald Martensteins neuer Roman besticht durch eine genaue Beobachtung des Paarungsverhaltens im ausgehenden 20. Jahrhundert. Er beschreibt 23 Männer in archetypischen Situationen, die eines gemeinsam haben: dieselbe Frau; eine Frau, die wir nur als N. kennenlernen. An ihrem Liebesleben und Lebenslauf reiht Harald Martenstein die unterschiedlichen Männer wie Verhältnisse auf - ein Roman in 23 Liebesabenteuern. Die Geschichten und Situationen ergänzen sich, zeigen Verhaltensmuster, ergeben eine Sittengeschichte im Privaten - aber sie sind vor allem eins: überraschend komisch und eigensinnig. "Gefühlte Nähe" ist die Vermessung der Tiefen und Untiefen des uns bekannten Beziehungskosmos. Harald Martenstein, geboren 1953, ist Autor der Kolumne 'Martenstein' im 'ZEITmagazin' und Redakteur beim Berliner 'Tagesspiegel'. 2004 erhielt er den Egon-Erwin-Kisch-Preis. Sein Roman 'Heimweg' wurde im September 2007 mit der Corine ausgezeichnet, 2010 erhielt er den Curt-Goetz-Ring. Außerdem erschienen seine Kolumnensammlungen 'Männer sind wie Pfirsiche. Subjektive Betrachtungen über den Mann von heute mit einem objektiven Vorwort von Alice Schwarzer' und 'Der Titel ist die halbe Miete. Mehrere Versuche über die Welt von heute'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 30.08.2010
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641048846
    Verlag: C. Bertelsmann
    Größe: 254 kBytes
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Gefühlte Nähe

" 14 (S. 101-102)

Die Umzugsfirma sollte um sieben kommen. Um fünf stand Orlich auf. Er hatte schon seit Jahren sein eigenes Zimmer. Claudia saß fertig angezogen in der Küche. Sie hatte Kaffee gekocht wie immer. Die Kisten, zweiundvierzig Kisten, die sie in den vergangenen Tagen gemeinsam gepackt hatten, standen in der Eingangshalle. Die kleineren Möbel, die Orlich mitnehmen wollte, hatten sie am Vorabend gemeinsam in die Halle getragen. In der Küche fehlte das kleine Beistelltischchen, auf dem sie, wenn sie Gäste empfingen, immer Getränke und Brot abstellten. Ein dünner Streifen Schmutz erinnerte an die Stelle, wo der Tisch die Wand berührt hatte. Vor ein paar Jahren hatten sie angefangen, Kunst zu sammeln.

Das Haus war im Wesentlichen abgezahlt, dadurch wuchsen ihre finanziellen Spielräume. Sie waren keine Experten, bei den Bilderkäufen achteten sie nicht auf mögliche Wertsteigerungen oder Trends des Kunstmarktes. Sie kauften, was ihnen gefiel und was sie sich leisten konnten, meistens Gegenständliches, Porträts oder Stillleben, auch Straßenszenen. Sie mochten die Atmosphäre bei den Vernissagen, dieses lockere Beieinanderstehen, Glas in der Hand, eine unverbindliche und unanstrengende Form der Geselligkeit, der man sich jederzeit wieder entziehen konnte, ohne jemanden zu beleidigen. Keine mühsame Suche nach Gesprächsthemen, dank der Bilder war ja immer ein Thema vorhanden. Eine Vernissage war ein angenehmeres Wochenendprojekt als ein Essen, bei dem man es stundenlang neben jemandem aushalten musste, dem man womöglich nichts zu sagen hatte. Sie brachten auch von jeder Reise mindestens ein Bild mit.

Nichts Folkloristisches aus dem Andenkenladen, um Gottes willen. Nein, schon etwas Modernes aus einer richtigen Galerie. Auf allen Gegenständen und Möbelstücken, die Orlich mitnehmen würde, klebte ein roter Punkt. Die roten Klebepunkte hatte er in derselben Papierwarenhandlung gekauft, in der er auch die ersten Schulhefte seiner Tochter Lena gekauft hatte und in der er, jedes Jahr, das Geschenkpapier für Weihnachten kaufte.

Er durfte mitnehmen, was er wollte. Claudia schaute beim Packen und beim Verteilen der roten Klebepunkte nicht zu, sie ging weg und kam einige Stunden später wieder. Sie wollte die Gefahr vermeiden, dass sie anfingen zu feilschen. Sie vertraute Orlich, trotz allem. Nur über die Bilder wollte sie reden. Als sie durch das Haus gingen, geschah etwas, das Orlich beinahe körperlich spürte. Claudias und Orlichs Haus, dieser Organismus, der in ihrem Rhythmus atmete, der sich an ihre Bedürfnisse und auch an ihre Mängel gewöhnt hatte wie ein Tier, erbaut aus gemeinsamen Vorlieben und Abneigungen, mit Nischen für das, was jeder für sich besitzt, das Regal für Claudias Stofftiere, die Schublade mit Orlichs leeren Streichholzschachteln und der Stapel mit seinen seit Jahren halb gelesenen Büchern, ein Geschöpf, das lebte, weil es geboren wurde, und alterte und Antwort gab, wenn sie fragten, dieses Wesen, das sie geschaffen hatten nach ihrem Ebenbild und das nach ihrem Tod fast jede sie betreffende Frage hätte beantworten können, dieses Haus verwandelte sich wie ein Mensch, der aus einem Traum erwacht und die Augen aufschlägt."

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