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Gegend von Bossong, Nora (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.11.2013
  • Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
eBook (PDF)
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Gegend

Die Ich-Erzählerin reist mit ihrem Vater in ein südeuropäisches Land. Ziel der Reise ist eine Pension in einer verlorenen Gegend, wo ihre Halbschwester lebt. Sie hat die uneheliche Tochter des Vaters noch nie gesehen. Um seine Ehe nicht zu gefährden, hatte der Vater keinen Kontakt zu Maries Mutter. In der abgeschiedenen Pension, die Maries Mutter betreibt, und in der noch Maries Halbbruder Fabian, eine Frau und ein Mann wohnen, geraten die Neuankömmlinge in ein Machtspiel, das durch ihre Ankunft aus dem Gleichgewicht zu geraten droht. Eine Vereinigung der Familienhälften scheint unmöglich, die Atmosphäre feindlich. Die Isoliertheit, in die sich Vater und Tochter auf diesem Grundstück begeben haben, wird zur Falle. Die Erzählerin fürchtet, ihren über die Grenzen des Familiären hinaus geliebten Vater an Marie zu verlieren. Die emotionale Bedrohlichkeit der Situation spiegelt sich in der bis zur Unheimlichkeit gesteigerten Wahrnehmung der Ich-Erzählerin. Am Schluß verläßt sie die Gegend, allein. Ob ihr die Ablösung vom Vater geglückt ist, bleibt offen. Nora Bossong lebt in Berlin und wurde bereits mehrmals ausgezeichnet, u. a. mit dem Stipendium der Stiftung Niedersachsen und dem Bremer Autorenstipendium. Für ihren Debütroman 'Gegend' (FVA 2006) erhielt sie das Leipziger Literaturstipendium und das Prosawerk-Stipendium der Jürgen-Ponto-Stiftung. 2007 erschien ihr Gedichtband 'Reglose Jagd' (zu Klampen), für den ihr der Wolfgang-Weihrauch-Förderpreis und das Berliner Senatsstipendium zugesprochen wurden. 2008 erhielt sie das New York Stipendium im Deutschen Haus. Nora Bossong verbrachte ein halbes Jahr in Rom, wo ihr Roman 'Webers Protokoll' (2009) spielt.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 128
    Erscheinungsdatum: 11.11.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783627011369
    Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
    Größe: 227 kBytes
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Gegend

I

Auf der Rasenfläche vor dem Haus zog der Vater die Handbremse an, den Motor ließ er laufen. Durch die Windschutzscheibe sah ich auf eine sanft abfallende Böschung, auf der vier Zelte aufgeschlagen waren. Die Plane des vordersten war so durchgewetzt, daß sie vor nichts mehr schützen konnte als vor dem Gefühl, unter freiem Himmel zu schlafen. Weiter hinten reflektierte ein Wohnwagen das grelle Tageslicht, Blechplatten verschlossen die Fenster, die Reifen waren von der Hitze geplatzt. Kein Mensch war zu sehen. Von irgendwoher kamen in gleichmäßigem Takt Trommelschläge, die Richtung war nicht auszumachen.

Der Vater klappte das Handschuhfach auf, ich zog den Bauch ein, um nicht von seiner brennenden Zigarette gestreift zu werden. Das Fach roch nach der Banane, die seit unserer Abfahrt dort lag. Der Vater nahm ein Stofftaschentuch heraus und steckte es sich in die Hosentasche. Noch einmal sah ich in das graue Gesicht des Seefahrers auf dem Titel des Buches, das ich auf der Fahrt gelesen hatte, ehe ich die Klappe mit meinem Knie zudrückte und ausstieg.

Vom obersten Stockwerk des Hauses aus spannte sich ein Kupferdraht quer über den Hof, der von Rhododendronbüschen eingesäumt war. Der Vater lehnte sich über die Motorhaube, um Blätter unter den Scheibenwischern hervorzuzupfen. Aus dem Gebüsch kroch eine Katze hervor, eng an den Boden geduckt, mager und mit braunem Fell. Ich stieß die Fußspitze in den Boden und ließ Schotter in ihre Richtung fliegen. Die Katze sprang nicht weg, ließ ihren Schwanz ein S in die Luft malen und tapste zurück in die Büsche.

"Hallo", rief ich. "Ist jemand da?"

Der Vater lachte, trat die Zigarette aus und fuhr sich mit der Hand über den Nacken. Ich ging zum Haus hinüber und klopfte an die Tür: drei Schläge gegen den Trommeltakt. Und danach nichts als der Trommeltakt.

Ich spähte in ein Fenster, sah aber nur den Vater in der Scheibe gespiegelt, der sich mir von hinten näherte. Sein Hemd roch wie die Sitzpolster im Auto. Ich nahm ihn an die eine Hand, mit der anderen tastete ich die unverputzte Wand entlang. Die Fugen waren gefüllt mit dem Ocker der Stadt. Ein Pfad führte ums Haus. Dem Vater tippte ich den Trommeltakt auf das untere Daumengelenk, er blähte die Nasenflügel, die Ränder seiner Brille drückten ihm in die Haut, seine Stirn war gerötet. Es war zu heiß für diesen Monat.

"Hier also", sagte ich und zog seine Hand nach vorn. Ich ließ ihn selbst auf den Jungen zeigen, der nackt und kopfüber an einer Metallstange hing. Die Beine angewinkelt, nahm er kaum einen Meter ein. Sein Hintern war angespannt und die Füße so weit nach hinten gebogen, daß ich auf seine Zehennägel sehen konnte. Er ließ sich von der Stange heruntergleiten. Seine im Gras verstreuten Kleider hob er nacheinander auf und hielt sie prüfend gegen das Licht, ehe er sie anzog.

Kaum hatte er sich zu uns umgedreht, redete er auf den Vater ein, so als führe er eine Unterhaltung fort, die nur kurz unterbrochen worden war. Seine Worte klangen ähnlich wie die des Mädchens auf dem Dreirad, seine Stimme war nur ein wenig tiefer.

"Sag du etwas", flüsterte der Vater mir zu.

Der Junge lachte, seine Zähne waren zu breit für sein Gesicht. "Sie sind Besuch?" fragte er.

Der Vater sah über den Jungen hinweg auf das Haus. Seine Hand klopfte auf die Brusttasche, in der seine Zigaretten steckten.

"Ja, ja", sagte ich. "Besuch."

"Das ist gut", sagte der Junge. "Das ist gut."

Er ging uns voran zur Haustür, die Hände in die Hosentaschen gesteckt, und machte einen kleinen Sprung bei jedem dritten Schritt. Der Vater legte die Stirn in Falten, das machte die Röte etwas blasser. Die Tür klemmte, der Junge rüttelte am Griff und trat mit dem Fuß gegen das Holz. Ich sah den Flaum auf der Wölbung seiner Wirbel, vom Nacken lief der Haarstrich hinab unter den Kragen seines T-Shirts und weiter. Krachend löste sich die Tür aus den verzogenen Angeln.

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