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Geh vorbei wenn du kannst... von Martin, Gigi (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.05.2015
  • Verlag: Passion Publishing
eBook (ePUB)
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Geh vorbei wenn du kannst...

Gigi Martin schildert eingehend die Liebe einer 17-Jährigen zu ihrer besten Freundin. Einer der ersten Lesbenromane der Nachkriegszeit!

Gigi Martin ( 29. September 1935 in München) ist eine deutsche Schriftstellerin und Journalistin, die vor allem mit erotischen Romanen und Erzählungen bekannt wurde. Gigi Martin gehörte zu den ersten Autorinnen, die in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg an die Tradition des lesbischen Liebesromans anknüpften. Ihr Erstlingswerk 'Geh vorbei wenn du kannst', erregte nach Erscheinen großes Aufsehen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 123
    Erscheinungsdatum: 15.05.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783944964904
    Verlag: Passion Publishing
    Größe: 552 kBytes
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Geh vorbei wenn du kannst...

I

Es ist Sommer.

Der Sommer 1943. Wir haben Krieg. Acht Uhr abends ist es. Am noch hellen Himmel leuchtet der erste Stern. Ein warmer, weicher Wind bewegt die Luft. Er streichelt sanft unsere braungebrannten Gesichter. Meine Schwester und ich hocken am Rand einer Mulde. Wir haben die Hosenbeine und die langen Ärmel von unseren baumwollenen Trainingsanzügen hochgekrempelt. Und wir lassen in dem warmen, dreckigen Regenwasser, das sich in der Mitte der Grube gesammelt hat, Schiffchen schwimmen.

Sie sind aus gefaltetem Zeitungspapier, und das größte Schiff heißt Queen Mary. Es fährt nach Amerika, ins Schlaraffenland, von dem meine Mutter sagt, daß es dort ohne Lebensmittelkarten Fleisch, Eier und schneeweißes Brot und sogar Apfelsinen zu kaufen gibt.

Die Grube war nicht immer eine Grube. Vor einer Woche noch stand da ein Mietshaus wie unseres auch. Aus roten Backsteinen, mit fünf Stockwerken.

Peters wohnten da und Frau Merkel mit ihrer dicken, fetten Katze, die mit ihr zum Einholen auf den Markt ging, die ihr die neugeborenen Babys aufs Bett legte und so verwöhnt war, daß sie nur noch frische Sprotten fressen wollte.

Im ersten Stock wohnten Grablers, die Eltern von Klaus. Er war der einzige Junge in der Straße. Überhaupt das einzige Kind außer uns. Und so wurde er ehrlich unter uns geteilt. Als vorgestern die Männer in den blauen Arbeitshosen, mit den nackten Oberkörpern kamen, jagten sie uns davon. Von weitem sahen wir, wie sie mit Spaten unter den Trümmern buddelten. Manchmal zogen sie unter dem Schutt und den Steinbrocken einen formlosen Körper hervor und deckten ihn sofort mit Zeltplanen zu.

Dann kam ein offener, großer Lastwagen. Die Männer trugen die Toten, über die Schultern gehängt, zum Wagen. Dann warfen sie sie hinein. Wir zählten mit. Es waren acht. Frau Merkel ist tot und die dicke, fette Tigerkatze, Peters und Klaus. Die anderen Toten aus dem Haus kennen wir nicht.

Es wohnt nun keiner mehr in der Straße, der mich gegen das Schienbein stößt, wenn er beim Murmelspielen verliert. Ich lief jedes Mal laut weinend davon, und meine Schwester kam und verprügelte Klaus.

Meine Schwester heißt Marietta. Sie ist sechs Jahre alt. Ich bin zwei Jahre älter. Trotzdem ist sie so viel stärker als ich. Und sie kann schwimmen und laufen und turnen und auf Bäume klettern wie ein Junge.

Die Eltern von Klaus leben noch. Sie waren gerade, als die Luftmine einschlug, bei Freunden zu Besuch. Nur Klaus ist tot. Und alle Möbel sind zu Asche zerfallen, das Geschirr in tausend Scherben; aber unter all dem Schutt liegt völlig unversehrt Klaus' elektrische Eisenbahn in einer roten Pappschachtel, deren Deckel zerfetzt ist.

Seine Mutter reißt sie an sich, Tränen rinnen aus ihren geschlossenen Augen, und sie wiegt die Schachtel in ihren Armen, als sei sie ein Baby. Als ihr Mann sie ihr wegnehmen will, schreit sie immer nur: "Warum lebe ich noch? Warum lebe ich noch?"

Klaus' Mutter hat sich für die Trauerzeit aus dem Gehrock ihres verstorbenen Vaters ein Kleid genäht.

Sie kauften einen Rotbuchekranz mit weißen Chrysanthemen, und auf der Papierschleife stand in großer, schwarzer Blockschrift:

- UNSER LIEBER EINZIGER SOHN KLAUS -

Ich konnte es lesen, als seine Eltern den Kranz zum Friedhof brachten.

Ich fand Klaus nie lieb. Trotzdem war er bei unserer Reise ins Schlaraffenland wichtig. Denn er war Kapitän auf der Queen Mary. Und das Schiff geriet bei jedem scharfen Sturm in Seenot. Es ist uns schon zweimal gekentert, und meine Mutter gibt uns kein Zeitungspapier mehr für neue Queen Marys, weil sie es zum Einwickeln der Lebensmittel in die Geschäfte mitbringen muß.

Klaus' elektrische Eisenbahn hat sein

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