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Geister von Steinaecker, Thomas von (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.08.2008
  • Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
eBook (ePUB)
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Geister

Einmal hatte Jürgen gelesen, 'dass die Gefühle der Eltern im Moment der Zeugung bestimmend für den Verlauf des Lebens ihres Kindes sein können'. Doch an was haben seine Eltern im Moment seiner Zeugung gedacht? Ein schlimmes Ereignis überschattet das Leben der Familie. Ulrike, Jürgens Schwester, war vor seiner Geburt spurlos verschwunden. Als sechsjähriges Mädchen ist sie eines Tages nicht mehr von der Schule zurückgekehrt. In einem Dokumentarfilm, den man über den Fall dreht, spielt er zum ersten Mal eine öffentliche Rolle. Und auch in seinem Erwachsenenleben bleibt die Schwester der blinde Fleck seiner Biografie. Bis ihn eines Tages eine rätselhafte Postsendung mit Comic-Heften erreicht, einer Serie, die sich 'UTE COMICS' nennt, und daraufhin die Comic-Zeichnerin Cordula in Jürgens Leben tritt. Eine Frau, die sich zu seiner Überraschung auf Ulrike beruft. Von da an mündet Jürgens Leben mehr und mehr in einen Comic. Schemen, Phantome, Schatten; nicht nur die dauernde Gegenwart der spurlos verschwundenen Schwester überschattet geisterhaft sein Leben, auch die Menschen um Jürgen herum erscheinen wie Geister. Er ist auf einer Suche, die in immer neuen Abzweigungen vom indischen Auroville über München zum Chiemsee und hinein in bunte Fantasiewelten führt.

Thomas von Steinaecker, 1977 in Traunstein geboren, lebt heute in München und Augsburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 25.08.2008
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783627021504
    Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
    Größe: 1749 kBytes
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Geister

WAS DU NICHT SIEHST

JÜRGEN SIEHT seiner Geburt zu. Das Gesicht seiner Mutter ist schmerzverzerrt. Sie presst. Sein Vater steht hinter ihr, hat ihr die Hände auf die Schultern gelegt. Dann hält seine Mutter erschöpft, aber glücklich lächelnd, ein Baby in den Armen, ihn, Jürgen, ein winziges rotes Knäuel, die Augen fest zusammengekniffen. Schnitt. Die Eltern betreten mit ihm zum ersten Mal das Haus, sie flüstern. Schon länger wurden die Bilder nicht mehr mit Musik unterlegt, mit dieser langsam-verträumten Klaviermelodie, die bereits mehrmals erklungen ist. Einzig die Geräusche im Haus sind zu hören, die hallenden Schritte, die leise Stimme seiner Mutter. Sie hält ihn an sich gedrückt; wie vorsichtig sie ihn trägt. Schnitt. Das Zimmer. Die braunen zugezogenen Vorhänge. Die Mutter legt ihn in die Wiege, der Vater steht daneben, streckt hilfsbereit die Arme aus, sagt zärtlich: "Na, du Kleiner?" Jürgen fällt auf, dass er ja in der Wiege seiner Schwester liegt, auf jeden Fall befindet sich die Wiege in ihrem ehemaligen Zimmer, vielleicht macht das alles deshalb einen so unheimlichen Eindruck auf ihn, die halbdunklen Möbel, seine Eltern wie Schatten dazwischen, die angelehnte Tür.

Und dann hat Ulrike tatsächlich da gestanden. Für den Bruchteil einer Sekunde hat Jürgen sie für eine Sinnestäuschung gehalten, seine Schwester, in der rechten Hand den Teddybären, in der linken die Gießkanne, rote Gummistiefel, Zahnlückengrinsen, genau wie auf dem Foto, dem Lieblingsfoto der Eltern, nein, es ist das Foto, das leicht verschwommen eingeblendet wurde und über das nun der Abspann läuft, Regie , Produktion , Wir danken der Familie Kämmerer .

Das Licht geht an. Jürgen sieht aus dem Augenwinkel, wie seine Mutter neben ihm noch schnell in den Taschenspiegel schaut und eine Haarsträhne zurückstreicht. Vorne im Saal stehen zwei Männer mit Kameras, wo kommen die denn plötzlich her? Bischoff, den Jürgen nur den Regiefuzzi nennt, steigt in seinem hellbraunen Kordanzug auf die Bühne.

"Einen guten Abend zusammen. Ich begrüße Sie. Werner Bischoff mein Name. Der Regisseur des Films, den Sie eben sahen. Erst einmal herzlichen Dank für die Einladung, und ich würde jetzt den Fragenteil eröffnen, die Podiumsdiskussion, ja?"

Er schaut, wie Jürgen meint, hilfesuchend zum Ende des Saals, wo wohl der Kinobesitzer steht.

"Ja - noch ein Wort zu den Kameras, bitte nicht erschrecken. Das hat nämlich folgende Bewandtnis: Ich drehe gerade einen neuen Film über die Familie Kämmerer, das Sequel sozusagen", er lacht kurz auf. "Ich bitte jetzt also Frau und Herrn Kämmerer auf die Bühne."

Für einen Moment kann Jürgen kaum atmen. Es war zwar abgesprochen, dass er nicht mit auf die Bühne zu kommen braucht. Aber falls der Fuzzi es sich anders überlegt und ihn ankündigt, könnte er ja wohl kaum so tun, als säße er nicht hier und hätte nichts gehört.

Im Publikum fangen ein paar Leute an verhalten zu applaudieren, man ist sich spürbar unschlüssig, ob ein Applaus dem Film und vor allem der Situation angemessen ist. Jürgens Eltern setzen sich an den Tisch, der inzwischen auf der Bühne steht.

"Bitte, Fragen, ja?" Der Fuzzi schaut nervös in den Saal. Tatsächlich schnellen sofort mehrere Hände in die Höhe.

"Meine Frage wäre: Hat sich denn seit diesem Film irgendetwas in dem Fall ergeben? Gibt es eine Spur von dem Mädchen, also Ihrer Tochter? Und dann würde mich außerdem noch interessieren, ob sich der Verdacht gegen diesen Oliver Hoffmann, den Mörder . . . also den, von dem man jetzt im Film gehört hat, dass der das war . . . ob sich der Verdacht bestätigt hat." Die ältere Frau spricht in einem seltsam gestelzten Tonfall, sie brüllt fast, vielleicht, weil eine Kamera auf sie gerichtet ist.

Jürgens Mutter antwortet mit "Nein" und fährt mit leiser, aber gefasster Stimme fort: "Was ich dazu sagen kann, ist: Es gibt keine Spur. Damals nicht und heute nicht. Jeden

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