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Georg von Kracauer, Siegfried (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.03.2013
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Georg

Weimarer Republik: Die Gesellschaft ist im Umbruch und Georg mittendrin. Als Journalist beim "Morgenboten" wird er wiederholt vor schwere Entscheidungen gestellt. Dann trifft er auch noch den jungen Fred und stürzt sich Hals über Kopf in eine Liebe, die sein Leben auf den Kopf stellt ... Siegfried Kracauer war nicht nur einer der bedeutendsten Soziologen und Philosophen seiner Zeit, sondern auch ein großer Prosaist. Die Neuentdeckung eines schillernden Gesellschaftsromans.

Siegfried Kracauer, geboren am 8. Februar 1889 in Frankfurt am Main, war Architekt, Soziologe, Filmkritiker und Geschichtsphilosoph. Er gilt als einer der bedeutendsten Feuilletonisten der Weimarer Republik und leitete von 1930 bis 1933 die Feuilleton-Redaktion der Frankfurter Zeitung. Mit Die Angestellten veröffentlichte Kracauer 1930 die erste empirisch-soziologische Studie in Deutschland. Er wird darüber hinaus zu den Begründern der Filmsoziologe gezählt. 1933 floh Kracauer mit seiner Frau nach Paris und 1941, nach Kriegsbeginn, nach New York. Am 26. November 1966 starb er dort an einer Lungenentzündung. Zu den wichtigsten Werken Kracauers zählen neben Die Angestellten u.a. die Theorie des Films , die Essaysammlung Von Caligari zu Hitler und der Roman Ginster .

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 334
    Erscheinungsdatum: 11.03.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518730874
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 2008 kBytes
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Georg

I

Als Georg vor der Haustür stand, war es genau neun Uhr. "Um neun also", hatte Frau Heinisch gestern am Telefon gesagt, "ich freue mich sehr." Aus Angst, daß ein zu pünktliches Erscheinen als ungewandt gelten könnte, läutete Georg nicht, sondern machte kehrt und ging um den Häuserblock herum. Es fröstelte bereits, und überhaupt hätte er den Abend lieber mit Fred verbracht. Aber die Einladung abzulehnen, war nicht gut möglich gewesen, nachdem er einmal seine Empfehlung bei Frau Heinisch abgegeben hatte. Wie ihm jetzt einfiel, erklärte sich die Lautlosigkeit in den Straßen einfach daraus, daß die Trambahnen nicht fuhren. Am Vormittag sollte es einem Extrablatt zufolge zu blutigen Zusammenstößen zwischen den Streikenden und der Polizei gekommen sein. Obwohl auch im Sommer Streiks stattgefunden hatten, verband er doch unwillkürlich mit ihnen die Vorstellung von Kälte. Übrigens erfolgten Straßenkämpfe gewöhnlich in seiner Abwesenheit, ohne daß er sie je mit Vorbedacht mied.

"Das ist wundervoll, daß Sie mir endlich das Vergnügen machen", empfing ihn Frau Heinisch. Trotz der Ausgedehntheit des Häuserblocks, den er umstrichen hatte, war noch niemand zugegen. Sie lächelte und Georg lächelte höflich zurück. Ihre Stimme war sanft. "Was sagen Sie zu dem Streik? Die Revolution ist in ein schwieriges Stadium getreten, und wir alle müssen unsere Kräfte aufs äußerste anspannen. Sie treffen es heute abend besonders gut. Wir erwarten nämlich einen Herrn Berg, der aber in Wirklichkeit nicht so heißt. Er wird uns interessante Dinge erzählen ..." Georg erfuhr, daß es sich um eine bekannte, auf der Durchreise befindliche Persönlichkeit handelte, die wegen ihrer Teilnahme an der Münchener Räterevolution steckbrieflich verfolgt wurde. Frau Heinisch verschwieg ihm den Namen. Aus dem Hintergrund blitzte eine Glasvitrine, auf dem Tisch lag ein rotes Buch.

Die Besucher, die nach und nach den Salon füllten, gedachten alle bei ihrem Eintritt sofort des Streiks; als kämen sie aus einem Schneegestöber und müßten zunächst die Flocken abschütteln. Georg kannte niemanden von ihnen, während sie sämtlich mit einander verbunden waren. "Er wird bald hier sein", begrüßte Frau Heinisch jeden neuen Gast. Er war Herr Berg. Manchmal nannte sie ihn nur Berg, woraus zu schließen war, daß es außer dem weiteren Kreis noch einen intimen Zirkel der Eingeweihten gab. Seinen Mittelpunkt bildete ersichtlich Frau Bonnet, eine üppige Dame in Schwarz, deren Anwesenheit Georg befangen machte, weil er sich erinnerte, ihren Namen schon öfter auf den Litfaßsäulen gelesen zu haben. Sie hielt Vortragszyklen über die Revolution und die neue Zeit. Ihre Schwärze rührte weniger von dem Kleid her, als von den Augenbrauen, die sich wie eine Urwaldzone ohne Lichtung über die Nase hinzogen. Als sie zu sprechen begann, schien der ganze Urwald zu flammen, eine solche Helligkeit strömte von ihr aus. Die schwarze Hülle war geschwunden, und ein strahlender Innenraum tat sich auf, dem schöne Melodien entstiegen. Dabei nahm sie eigentlich nur wie andere auch die Arbeiter in Schutz und verurteilte das Vorgehen der Polizei. Aber das waren keine gewöhnlichen Arbeiter mehr, sondern Menschen, deren Inneres gleich dem ihren strahlte, und sogar die Polizei bestand aus irregeleiteten Brüdern und Schwestern. Alle stimmten wie selbstverständlich zu, und Georg folgte äußerlich ihrem Beispiel. Er schämte sich, denn er war noch nie auf den Gedanken gekommen, daß die Menschen im Grunde gut sein könnten. So sehr er sich jetzt bemüh

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