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Gerron Roman von Lewinsky, Charles (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.08.2011
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Gerron

Kurt Gerron war einmal ein Star und ist jetzt nur noch ein Häftling unter Tausenden. Der Nationalsozialismus hat den bekannten Schauspieler von den Berliner Filmateliers ins Ghetto von Theresienstadt getrieben, wo er ein letztes Mal seine Fähigkeiten beweisen soll: Als er den Auftrag bekommt, einen Film zu drehen, der das erniedrigende Dasein der Juden als Paradies schildern soll, sieht er sich vor einer Gewissensentscheidung, bei der sein Leben auf dem Spiel steht. In dieser Lage lässt Gerron sein Leben noch einmal Revue passieren. Charles Lewinsky erzählt die faktenreiche und doch erfundene Biographie des Schauspielers Kurt Gerron, der dem Holocaust zum Opfer fiel - ein literarisch brillanter und berührender Roman. Charles Lewinsky wurde 1946 in Zürich geboren. Er arbeitete als Dramaturg, Regisseur und Redaktor. Er schreibt Hörspiele, Romane und Theaterstücke und verfasste über 1000 TV-Shows und Drehbücher, etwa für den Film Ein ganz gewöhnlicher Jude, (Hauptdarsteller Ben Becker, ARD 2005). Für den Roman Johannistag wurde er mit dem Schillerpreis der Zürcher Kantonalbank ausgezeichnet. Sein Roman Melnitz wurde in zehn Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, u.a. in China als Bester deutscher Roman 2006, in Frankreich als Bester ausländischer Roman 2008. Lewinskys jüngsten Romane wurden für die bedeutendsten deutschsprachigen Buchpreise nominiert: Gerron für den Schweizer Buchpreis 2011, Kastelau für den Deutschen Buchpreis 2014 und Andersen für den Schweizer Buchpreis 2016.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 544
    Erscheinungsdatum: 29.08.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783312004881
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 1590 kBytes
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Gerron

"(S. 510-511)

581. Halbnah. Egerbad. Ein Mann steht auf dem Sprungbrett und springt mit einem doppelten Salto ins Wasser."Sie müssen schon entschuldigen", sagt Jakub Lischka. "Ich weiß, dass der Sprung nicht sauber war. Das Hungern schlägt mir aufs Gleichgewicht."

"Das macht nichts", sage ich. "Aus unserem Aufnahmewinkel sieht man den Fehler nicht." Er ist mir dankbar. Reckt den Daumen nach oben, bevor er aus dem Fenster springt.582. Der Springer taucht ins Wasser. Beim Schneiden im Moment, wo das Wasser nach dem Sprung aufspritzt, das Schild "Bad" folgen lassen.

Das Schild ist nicht mehr da. Sie haben das Bühnenbild zu früh abgebaut. Das Schild auf den Karren geworfen. Ich brauche es für den Schnitt. Für den Anschluss. Es gehört zum Film. Nichts, was zum Film gehört, darf verbrannt werden.Nichts darf verbrannt werden. 583. Fahraufnahme. Aufgenommen vom Dach des Reportagewagens und endigend auf der anderen Seite des Bades.Die Leute müssen im Wasser bleiben. Ich muss ihnen das sagen. Nur die Köpfe dürfen sie herausstrecken. Nur die Köpfe. Im Wasser bleiben, bis der Krieg vorbei ist. Die Russen stehen schon in Brüssel.

Im Wasser bleiben. Sonst sieht man, dass sie keine gelben Sterne haben. 586. Nah. Vom Boot aus aufgenommen: Schwimmer.587. Nah. Von der Steintreppe aus gesehen: Schwimmer.588. Nah. Von oben gesehen: Schwimmer.Schwimmer. Schwimmer. Schwimmer."Ich bin ertrunken", sagt Frau Olitzki. "Weil es ein fremder Badeanzug war.""Setzen Sie sich an die Schreibmaschine", sage ich. "Mein Rücken tut mir weh."Sie steht hinter mir und legt ihre Hände auf meine Schultern. Beugt ihr Gesicht über meinen Kopf. Tropfen fallen auf mich. Sie ist ertrunken."
Du bist so fleißig", sagt sie.Sie hat sich ihre Haare abschneiden lassen. Ohne mich zu fragen. Sie sind jetzt ganz kurz. Stachlig."Sie sind ein Igel", sage ich. Wenn sie den Kopf bewegt, spritzt Wasser in alle Richtungen.

"Warum hast du das Fenster nicht geschlossen?", fragt sie. "Hast du nicht gemerkt, dass es regnet?""Ich arbeite", sage ich."Du wirst immer schussliger."Olga. Natürlich. Es ist Olga. Meine Frau. 593. Groß. Ein junges Mädel."Wie weit bist du gekommen?", fragt sie mich."Bis zum Egerbad.""Ist das weit?""Etwa die Hälfte", sage ich.Die Hälfte wovon? Ich habe es vergessen."Geht es deinem Bauch besser?", fragt sie. "Ich habe dir dein Essen gebracht."Sie kommt zu spät. Die Szene im Speisesaal ist bereits geschnitten.Schwenkaufnahme. Vom Büffet kommen die Kellnerinnen mit Tabletts und vollen Schüsseln und servieren."Suppe und Knödel", sagt sie.Sie bringt alles durcheinander.Sehr nah.

Die Hand des Kochs greift in das Fass und schöpft Kraut in einen Topf."Kraut", sage ich."Heute nicht", sagt sie. "Tomaten", sage ich.Drei Mädels auf der Liegebank bekommen Tomaten. Ich bin sicher, dass wir die Einstellung gedreht haben. Zuerst hat es geregnet, und dann hat es nicht mehr geregnet, und dann haben wir gedreht. Die Mädels haben Tomaten gegessen, und die SS konnte nichts dagegen machen. Weil ich es angeordnet habe. Für den Film. Niemand ist wichtiger als der Regisseur. Niemand."

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