text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Gesichts-, Charakter- und andere Züge Aus dem Wellengang des Lebens von Lauschke, Helmut (eBook)

  • Verlag: neobooks Self-Publishing
eBook (ePUB)
8,49 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Gesichts-, Charakter- und andere Züge

Den Menschen fröstelte es außen in ihrer dürftigen teils zerlumpten Kleidung und innen durch die Ungewissheiten mit seinen hereinbrechenden Folgen wie ein großes Unwetter. Die Menschen kamen sich verraten und verloren vor. Das sah man ihren herben Gesichtszügen an. Sie kamen sich so verloren vor, dass sie gar nicht mehr sprechen wollten über die Verlorenheit. Der Regen wurde stärker und das Wetter trüber, als die Glocke der Elisabethkirche läutete. Die Tür zur Sakristei stand halb offen, dass die Stimmung aus dem Kirchenraum zu verfolgen war. Der Organist drückte energisch in die Tasten und Pedale für ein kurzes, kurvenreiches Vorspiel, das zur Intonation des ersten Liedes führte. In der zweiten Woche nach dem Krieg fragt der russische Stadtkommandant den ehemaligen Breslauer Superintendenten: 'Sind Sie stark genug, mir einen Fehler zu nennen, den Sie für den markantesten halten?' Eckhard Hieronymus: 'In den letzten Monaten des Krieges bin ich Mitglied der NS-Partei geworden, um das Leben meiner Frau und meiner Tochter aus der akuten Gefahrenzone zu bringen. Meine Frau ist Halbjüdin und meine Tochter ist Vierteljüdin, was reichte, um ihr die Immatrikulation an der Breslauer Universität zu verwehren. Vor Gott habe ich gesündigt, weil ich eine Verbindung mit der Partei der Besessenen, der Grausamen und der Mörder eingegangen bin. Das ist mein größter Fehler, mit dem ich zu leben und zu sterben habe.' Kommandant: 'Wenn es so ist, dann sind Sie doch zu diesem Schritt gezwungen worden. Stimmt das?' E. H.: 'Das stimmt. Ich wurde über sechs Stunden von der Gestapo in Breslau verhört, und es stand schlecht um mich. In derselben Nacht kam es zu einem Treffen mit dem Doppelagenten, demselben Mann, der den Vorsitz beim Verhör am Nachmittag hatte. Ihm zur Rechten saß ein fanatischer Nazi, ein Studienrat mit dem goldenen Parteiabzeichen. Bei dem Nachtreff sagte der Doppelagent, dass dieser Beisitzer erpicht sei, mir die Volksverhetzung und Staatszersetzung anzuhängen, um mich in ein Konzentrationslager abzuschieben. Das wäre für meine Frau und Tochter das Ende gewesen, wenn ich von den Dingen absehe, die mich im KZ erwarteten. Ich hoffe, Sie können die besonderen Umstände ermessen.' Kommandant: 'Ja, ich kann die Umstände ermessen, Sie steckten in der Sackgasse zwischen Leben und Tod.' Boris Baródin: 'Die Brücken der Kunst werden von den Gefühlen der Freude und des Glücks sowie des Leides und der Trauer überquert. Das Fundament, auf dem sich die Brückenbögen von einer Seite zur anderen spannen, das ist die Hoffnung mit dem tiefen Wissen, dass wir zusammengehören und jeder von uns Teil der großen Völkerfamilie ist und seinen Beitrag zu leisten hat. Wir wollen den Mitmenschen als Mitglied der großen Familie wieder achten, ihm auf die Beine helfen, wenn er in Not ist, und mit ihm das Leben teilen, ob in guten oder schweren Zeiten.' - 1985-1998 Arzt und Chirurg/Unfallchirurg am Hospital in Oshakati (im Norden Namibias nahe der angolanischen Grenze; innerhalb der Kampfzone bis zur Unabhängigkeit 1990) - entwickelte eine Operationsmethode, Kindern mit chronischer Schienbein-Osteomyelitis den langen Knochendefekt nach Sequesterentfernung mit vitalem Knochen aus dem Wadenbein zu schließen und so das Bein vor einer Amputation zu retten. (publiziert April 1994 im American 'The Journal of Bone and Joint Surgery')

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 140
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783742738981
    Verlag: neobooks Self-Publishing
    Größe: 712 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Gesichts-, Charakter- und andere Züge

Trauermeldung und das missglückte Gespräch

Am Mittwochnachmittag riss die Wolkendecke über der Stadt auf. Dennoch hatte es die Sonne schwer, ihre langersehnten Strahlen bis auf die Dächer der Häuser und auf die Straßen, die vom langen Regen gründlich verschmiert waren, zu schicken. Der Wetterwechsel gab Luise Agnes Anlass, die Wäsche zu waschen und den Hausputz zu halten. Sie begann mit der Wäsche, von der sie die Weißwäsche in einem Kessel, dem Dellen und dunkle Flecken vom Gebrauch durch vorangegangene Generationen anhafteten, im Keller kochte, die wenige Buntwäsche dagegen im Warmwasser über der Badewanne wusch. Sie hängte die Wäsche zum Trocknen über drei, im schmalen Hinterhof gezogene Leinen, als der Postmann den Klingelgriff an der Haustür drehte, wartete, und weil Luise Agnes beim Wäscheaufhängen auf den Klingelton nicht reagierte, die Post durch den Postschlitz in den schmalen Flur warf. Luise Agnes war mit ihren Gedanken halb bei der Wäsche und halb bei den Existenzfragen der Dorfbrunners, die in einigen Monaten den ersten Zuwachs bekommen und eine Familie werden würden. So wie der verhängte Himmel der letzten Tage und Wochen mit der aufs Gemüt drückenden dunklen Wolkendecke war auch die Zukunft verhängt, die noch stärker als die Wolken mit dem kalten Regen aufs Gemüt drückte.

Im Nahblick sah es düster aus, denn zu den Erschwernissen, die den Alltag hartnäckig begleiteten, kam die berufliche Situation von Eckhard Hieronymus als Pfarrer im Probejahr. Sie spürte es täglich mehr, dass ihr Mann an dieser Auflage schwer trug, weil er sich Sorgen machte, und die Sorgen waren mehr als berechtigt, wie er seine unterwegs befindliche Familie kleiden und ernähren sollte, wenn Luise Agnes auch bezüglich der Kleidung durch eigene Näh- und andere Handarbeit die Kosten zu senken beabsichtigte. Doch einen Herrenanzug nähen, das konnte sie nicht; dafür fehlte ihr die Erfahrung. Sie würde sich beim Maßschneiden des Tuches vertun, was teuer zu stehen käme. Warum legte Konsistorialrat Braunfelder ihrem Mann ein ganzes Probejahr auf, und das zum halben Monatsgehalt? Er wusste doch, dass Eckhard Hieronymus jung verheiratet war, dass mit einer Schwangerschaft gerechnet werden konnte. Der Konsistorialrat hatte gesagt, dass er ihren Mann an der Predigt messen wolle, für die er ihm das 8. Kapitel aus dem 1. Korintherbrief vorgegeben hatte. Er hatte dann die Predigt gehört, von der andere sagten, dass es die beste seit Monaten, oder wie Küster Krause sagte, die beste Predigt in siebzehn Jahren gewesen sei. Hatte Eckhard Hieronymus durch seine Predigt nicht genug unter Beweis gestellt, dass er die Berufung zum Pfarrer hat und die Sprache in seiner Exegese über den Durchschnitt hinausragte? Welchen Maßstab denn wollte der Konsistorialrat an die Predigt legen, womit wollte er sie messen? In der Sakristei sagte er kein Wort. Das bedrückte nicht nur Eckhard Hieronymus, der mit Idealismus und Glauben an den Beruf heranging, sondern auch seine junge Frau, die beim Wäscheaufhängen bei der Zukunft war, sich abmühte, tiefer in sie einzudringen, was ihr aber nicht möglich war, weil es zu viele unbekannte Faktoren gab, die wie kleine Sprengsätze durcheinander wirbelten, um ein Bild zu ergeben, das nicht nur geschlossen, sondern auch positiv und ins Alltagsleben umsetzbar war.

Beim Gang in die Küche, um zu schauen, ob Gemüse und Kartoffeln fürs Mittagessen reichen, sah sie die verstreute Postsendung auf dem Flurboden. Sie hob sie auf und erschrak, als ein schwarz umrandeter Briefumschlag dabei war. Als sie die Handschrift ihres Schwiegervaters, des Oberstudienrates Georg Wilhelm Dorfbrunners, erkannte, der die Anschrift mit dem Füllfederhalter ordentlich geschrieben und der Regen verschmiert hatte, fühlte Luise Agnes, wie der Blitz des Schicksals in sie einschlug. Ihr wurde schwarz vor Augen. Dem momentan aufkommenden Schwächeanfall war sie nicht gewachsen. Mit letzter Kraft stemmte sie sich

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen