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Glänze, Gespenst! von Brown, Steven M. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.04.2014
  • Verlag: Haffmans Tolkemitt Verlag
eBook (ePUB)
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Glänze, Gespenst!

Halloween in Mexiko - All-Gay-Cruise - ein Kreuzfahrtschiff auf der Rundreise zwischen Long Beach, Südkalifornien und Puerto Vallarta, Mexiko. An Bord über 3000 Männer, die genügend Zeit und Platz für den Leitspruch der Reise haben: 'Endless Fun. Your Way'. Aufgrund eines Missverständnisses um die Bedeutung des Begriffs 'Gay Cruising' begibt sich der Journalist Steven M. Brown im Auftrag seines Verlags an Bord der Carnival Splendor, um eine Reportage über diese siebentägige Non-Stop-Party zu schreiben. Zwischen endlosen Unterhaltungsshows, hedonistischem Körperkult, Partys im Swimmingpool und strassbesetzten Badehosen wird Brown zum genauen Beobachter seiner ungewöhnlichen Umgebung und einzigartigen Mitreisenden. Glänze, Gespenst! ist eine sensible und zugleich schreiend komische Betrachtung einer skurrilen Amüsiermaschine auf hoher See à la David Foster Wallace und zudem die bewegende Liebesgeschichte zweier Menschen, die voneinander getrennt sind. Eine Geschichte über die großen und kleinen Entscheidungen und darüber, worauf es im Leben eigentlich ankommt.

STEVEN M. BROWN ( 1980 in Flint, Michigan) studierte freie Kunst in Detroit bis ihn die Liebe zu seinem Freund 2006 nach Ostdeutschland zog. Als freier Journalist schreibt Brown u.a. für den DUMMY und für diverse Zeitschriften in Amerika. 2012 wurde er gleich zweimal für den Pushcart-Preis nominiert. Heute lebt Brown in Frankfort, Michigan und leitet dort das Oliver Art Center. Glänze, Gespenst! ist Browns erster Roman.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 340
    Erscheinungsdatum: 30.04.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783942989671
    Verlag: Haffmans Tolkemitt Verlag
    Größe: 340kBytes
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Glänze, Gespenst!

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Schwindelerregend, protzig, grell und angsteinflößend ist das fünfstöckige Atrium, über das wir die Splendor betreten. Die Einrichtung des Schiffes scheint inspiriert von italienischen Eisdielen in der österreichischen Provinz. Nichts könnte hässlicher sein, ohne die Grenze zur Selbstironie zu überschreiten, wobei ich unsicher bin, ob diese Grenze nicht schon überschritten wurde. Die Schlüsselbegriffe sind ROSA und BRONZE . Zorniges Rosa und Bronze vom Boden bis zur Decke weit über unseren Köpfen. Ich frage mich, ob der Kapitän der Costa Concordia sein Schiff als humanitären Akt gegenüber dem guten Geschmack versenkt hat.

Die Wände sind mit einem eigens angefertigten Material verkleidet, Chrom und rosa Flecken mit Zebramuster. Die Flecken haben einen Durchmesser von etwa acht Zentimetern und sind in Reihen auf dem Chrom angeordnet, so dass trotz der schlichten Geometrie ein hektisches, psychedelisches Muster entsteht. Der Blick kann nirgendwo verweilen: karierter und gestreifter Teppich, spiegelnde Deckenpaneele. Bilder füllen jede freie Fläche, die nicht schon von einem Telefon, Erste-Hilfe-Kasten oder rosa Zebramuster mit Chrom besetzt ist. Mit jedem Schritt, den ich mich einer Wand nähere, entdecke ich neue Muster und Details, bis ich ganz nah davorstehe und sehe, dass auch das Material selbst noch in sich strukturiert ist. Ich meine, mal gehört zu haben, dass das Innere der Vagina tatsächlich rau strukturiert ist, um die Ejakulation zu beschleunigen.

Die rosa gepunktete Oberfläche wird außerdem von schwachem Licht beleuchtet, das lila auf dem Chrom reflektiert. Lila und Rosa zusammen erzeugen eine fleischige, man könnte auch sagen gebärmutterartige Atmosphäre, nicht wie in einer echten Gebärmutter, sondern einer digital verbesserten mit dramatischer Beleuchtung, so dass jedes Blutgefäß, jede nährende Vene auf schockierende Weise sichtbar wird. Ein Neon-Uterus. Im Sinne dieser Metapher ahnen wir, dass wir diesen Ort zum Leben brauchen, doch wenn wir alt genug sind, uns dessen bewusst zu sein, ist eine Rückkehr verstörend. Oder sollte es wenigstens sein.

Da die Splendor kein Schiff für Schwule ist, nehme ich an, dass bei einer Investition von 700 Millionen Dollar eine Menge Marktforschung und Versuche unternommen wurden, um die Umgebung für Heterosexuelle und ihre Kinder maximal konsumfördernd zu gestalten.

Mich versetzt die Splendor in Angst und Schrecken, als würde das Schiff etwas verbergen. Das Ganze erinnert mich an eine Passage aus Matthew Derbys Kurzgeschichte "Krücken als Waffe": "Welchen anderen Sinn sollten diese schicken Neonbalustraden und Kaskadenbrunnen haben, als von Kummer und Tragödien abzulenken?"

In "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich", dem Text schlechthin zum Thema Kreuzfahrten, den der verstorbene Autor David Foster Wallace 1996 für Harper's Magazine schrieb, verbindet sich Derbys Gespür für Trauer perfekt mit dieser gebärmutterartigen Erfahrung.

"Einige Wochen bevor ich selbst meine Kreuzfahrt antrat", schreibt Wallace, "stürzte sich ein Sechzehnjähriger vom Oberdeck eines Luxuskreuzers. In den Nachrichten hieß es, der Grund für den Selbstmord sei Liebeskummer, eine unglückliche Liebelei an Bord. Aber ich denke, es gab da noch etwas, das keine Nachrichtensendung bringen kann. Denn all diese Kreuzfahrten umgibt etwas unsäglich Trauriges. Und wie bei den meisten unsagbar traurigen Dingen ist die Ursache unglaublich komplex und schwer greifbar, die Folge aber denkbar schlicht: Was ich an Bord der Nadir fühlte (vor allem nachts, wenn der organisierte Froh

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